Das Institut

Montag, 10. Januar 2022

Trude Simonsohn sel. A.
25. März 1921 – 6. Januar 2022

Ein Nachruf von Gottfried Kößler

Trude Simonsohn war von Anfang an mit der Entstehung des Fritz Bauer Instituts verbunden. Sie unterstützte es mit ihrem politischen Einfluss. Aber noch viel wichtiger war ihr persönlicher Beitrag. Mit ihrem Freund Karl Brozik begleitete sie das entstehende Institut und wurde später die Sprecherin des Rates der Überlebenden. Der wurde in den 1990er Jahren dringend gebraucht, weil es den Jüngeren – unabhängig davon, ob sie aus Familien kamen, die einen Nazi-Hintergrund hatten oder ob ihre Familien eine Verfolgungsgeschichte hatten – schwerfiel, die Perspektive der Überlebenden mitzudenken. Genau das war aber notwendig, um sich dem Thema des Fritz Bauer Instituts angemessen zu stellen: Der Geschichte und Wirkung des Holocaust. Trude Simonsohn hat ihre Position als Überlebende immer wieder erklärt.

In einem Seminar für Lehrkräfte hat sie Mitte der 1990er Jahre ihre Erfahrung als Zeitzeugin reflektiert. Zu dieser Zeit nahm sie die Anfragen der Schulen noch selbst entgegen. Sie beschrieb die Gespräche mit den Lehrkräften und sagte, dass sie nach wenigen Minuten sicher sei, ob die Person die eigene Position zum Thema Shoah reflektiert habe. War das nicht der Fall, hat sie die Anfrage abgelehnt. Diese aufmerksame Beobachtung der Anderen zeichnete sie auch im Gespräch mit Jugendlichen aus. Sie wollte etwas von ihnen wissen. Wenn sie nicht selbst darauf kamen, sprach Trude Simonsohn die Zuhörerinnen und Zuhörer auf ihre Position zu aktuellen Fragen des Rassismus und Antisemitismus an. Das war nicht nur eine didaktische Haltung, sie war wirklich neugierig.

Weil das so war, hat Trude Simonsohn ihre Auftritte als Zeitzeugin wenn immer möglich im Team mit Irmgard Heydorn absolviert. Als Aktivistin des Widerstands stand sie für die Möglichkeit, »Nein« zu sagen. Das war der Kern der Botschaft, die beide Zeitzeuginnen weitergeben wollten, die Möglichkeit der Verweigerung als Kern eines demokratischen Bewusstseins. Ein Gedanke, den auch Fritz Bauer immer wieder als seine Konsequenz aus der Erfahrung des Nationalsozialismus formuliert hat (https://eine-ausnahme.de).

Ein anderer Moment der Zusammenarbeit war die Durchsetzung des Wollheim-Memorials auf dem Uni-Campus. Es erinnert an die Ermordeten des KZ Buna-Monowitz, das der IG Farben-Konzern in Auschwitz betrieben hat. In der Phase der Festlegung der Gestaltung ging es um einen Satz von Norbert Wollheim, der im Informationspavillon des Memorials heute an der Wand zu lesen ist: »Wir sind gerettet, aber wir sind nicht befreit.« Einer der Professoren, der die Goethe-Universität im Beirat vertrat, äußerte sein Befremden über diese Aussage. Er könne sie nicht verstehen. Es wurde einige Argumente ausgetauscht. Schließlich meldete sich Trude Simonsohn. Sie verstehe diesen Satz nur allzu gut. Genau das sei die Erfahrung des Überlebens der Shoah. Diese Besprechung zeigt die Grenzen der Verständigung, nicht alle Blockaden können gelöst werden. Das Wollheim-Memorial ist auch ein Denkmal für Trude Simonsohn (www.wollheim-memorial.de).

Für ihre Verdienste um die Erinnerungsarbeit zur Geschichte des Campus Westend wurde im März 2016 auf Beschluss des Senats der Goethe Universität ein Veranstaltungssaal im Casino-Gebäude nach Trude Simonsohn benannt. Auf Wunsch von Trude Simonsohn und im Gedenken an ihre am 2017 verstorbene Freundin und Wegbegleiterin Irmgard Heydorn wurde der Saal am 27. März 2019 im Rahmen einer Feierstunde in »Trude Simonsohn und Irmgard Heydorn-Saal« umbenannt.

Es gibt noch viele Momente ihres Engagements und ihrer Unerschrockenheit – und natürlich viele jüdische Witze zu erzählen, die sie immer wieder in die Unterhaltungen einbaute. Ihre Stimme fehlt uns schon seit sie zu krank wurde, um sich in der Öffentlichkeit zu äußern. Jetzt ist sie verstorben. Wir werden sie nicht vergessen.

Trude Simonsohn (Fotos: Werner Lott)


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