Forschung & Lehre

Sozialhygiene und Gesundheitspolitik in Frankfurt am Main 1920 bis 1960

Bearbeiter: Jens Kolata M.A.

Förderung: Stadt Frankfurt am Main (Amt für Gesundheit)

Die Geschichte des Frankfurter Gesundheitsamtes im NS-Staat wurde bereits in den späten 1980er Jahren historiographisch untersucht und insbesondere auf dessen Rolle in der nationalsozialistischen Politik der Zwangssterilisierungen bezogen. Dieses Forschungsprojekt weitet den Blick und behandelt die Geschichte der »Sozialhygiene« in Frankfurt am Main von den 1920er Jahren bis in die 1950er Jahre. Das Gesundheitsamt wird dabei als Zentrum eines Netzes von Institutionen und Personen betrachtet, die hauptsächlich sozial benachteiligte und am Rande der Gesellschaft stehende Menschen betreuten, überwachten, reglementierten und disziplinierten. Das Forschungsprojekt reicht über die Zäsuren 1933 und 1945 hinaus und nimmt sowohl die Radikalisierungsprozesse vor dem Nationalsozialismus als auch mentale und wissenschaftliche Kontinuitäten in der jungen Bundesrepublik in den Blick.

Ausgehend von den »Fallakten« des Gesundheitsamtes soll vor allem die Perspektive der betroffenen Menschen analysiert werden, die nicht selten als ganze Familien ins Visier der Behörden gerieten. Gefragt wird auch nach der Alltagspraxis der Interaktion zwischen Gesundheitsamt und anderen Institutionen wie dem Jugendamt (im NS-Staat: Amt für Volkswohlfahrt), dem Fürsorgeamt, dem Wohlfahrtsamt sowie dem Städtischen Arbeitsamt und nach den Handlungs- und Entscheidungsspielräume der Mediziner und Bürokraten. Einen Forschungsgegenstand von großem und über Frankfurt hinausreichendem Interesse bildet dabei die bislang unzureichend ausgewertete »Erbkartei«, die 1943 insgesamt 420.000 Karten enthielt und bis in die 1960er Jahre weitergeführt wurde.