In der NS-Enteignungspolitik spielten Immobilien eine eher nachgeordnete Rolle. Auch die historische Forschung hat diesen Aspekt der wirtschaftlichen Enteignung der jüdischen Bevölkerung bisher wenig beachtet. In Frankfurt am Main jedoch, der zweitgrößten jüdischen Gemeinde im Deutschen Reich, befand sich ein wesentlicher Teil jüdischen Vermögens in privaten und gewerblichen Liegenschaften. Die Geschichte des Raubs dieser Immobilien wird hier zum ersten Mal systematisch untersucht.
Ins Zentrum stellt Mirjam Schnorr die verschiedenen Phasen der Immobilien-»Arisierung«, die nach 1933 schleichend einsetzte, 1938/39 ihren Höhepunkt erreichte und mit den Deportationen ab 1941 sukzessive zu einem Ende kam. Zugleich wird die Frage der Rückerstattung nach 1945 beleuchtet, einer Phase, die durch die verheerenden Folgen des Holocaust und die Ambivalenzen zwischen alliierten und deutschen Institutionen geprägt war. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Frankfurter Stadtverwaltung mit dem Bauamt als zentralem Akteur, denn die Stadt war ein Profiteur der Immobilien-»Arisierung«. Anhand zahlreicher Beispiele macht die Autorin die Perspektive der betroffenen jüdischen Immobilienbesitzer sichtbar. Sie kann damit zeigen, wie tiefgreifend der Verlust von Haus und Grund in die Biografien eingriff und wie mühsam der Versuch war, in der Nachkriegszeit Kompensation zu erstreiten.
geb. 1989, war bis Dezember 2025 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fritz Bauer Institut und bearbeitete dort seit 2021 das Forschungsprojekt über die »Arisierung« von Immobilien in Frankfurt am Main. Sie studierte Geschichte und Philosophie in Heidelberg, wo sie 2023 mit einer Studie über Alltags- und Verfolgungserfahrungen von Prostituierten und Zuhältern in der NS-Zeit promoviert wurde. Bis 2021 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Heidelberger Lehrstuhl für Zeitgeschichte in einem Forschungsprojekt zum »Radikalenerlass« 1972 in regionalgeschichtlicher Perspektive.
Veröffentlichung u. a.: Prostituierte und Zuhälter im »Dritten Reich«. Zwischen Alltag, Maßregelung und »Ausmerze« (2026).
Studien zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, Band 16
hrsg. von Sybille Steinbacher im Auftrag des Fritz Bauer Instituts
Göttingen: Wallstein Verlag, 2026,
ca. 384 S., 11 Abb., Hardcover gebunden, mit Schutzumschlag
EAN 9783835361652 (voraussichtlich lieferbar ab 28. Oktober 2026)
Preis: 40 Euro