The Institute

Wednesday, 24. November 2021

Von der »Aktion T4« zur »Aktion Reinhardt«.
Eine Exkursion nach Lublin im Juli 2021

Von Christopher Gomer

Im Zuge der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Verbrechen wurden 1940 und 1941 unter der Leitung der »Zentraldienststelle T4« mehr als 70.000 Menschen systematisch ermordet. Der offizielle Abbruch der Aktion bedeutete keineswegs ein Ende der Krankenmorde, die dezentral fortgesetzt wurden. Dennoch wurde Personal frei, das fortan maßgeblich an der Organisation und Durchführung der Ermordung der europäischen Juden im Generalgouvernement unter dem Tarnnamen »Aktion Reinhardt« mitwirkte. Den vielschichtigen Verbindungslinien zwischen den Mordaktionen ging im Sommersemester an der Goethe-Universität das Seminar Von der »Aktion T4« zur »Aktion Reinhardt« nach.

Am 17. Juli 2021 reisten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars gleich nach dem Ende der Vorlesungszeit gemeinsam mit den Dozenten Sybille Steinbacher und Tobias Freimüller vom Fritz Bauer Institut sowie Markus Langer von der Firma Evonik in die polnische Stadt Lublin. Im Rahmen einer fünftägigen Studienfahrt des Bildungswerkes Stanisław Hantz setzte sich die Gruppe unter der Leitung von Andreas Kahrs intensiv mit dem nationalsozialistischen Völkermord im deutsch besetzten Polen auseinander. Gesponsert wurde die Studienfahrt, an der 21 Studierende teilnahmen, von der Firma Evonik, die dazu mit dem Fritz Bauer Institut kooperiert.

Der Distrikt Lublin des Generalgouvernements war für die nationalsozialistische Vernichtungspolitik von zentraler Bedeutung. Dort befanden sich zwei der drei Vernichtungslager der »Aktion Reinhardt«: Sobibor und Belzec. Auch das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek lag hier und darüber hinaus eine Reihe von Zwangsstätten, darunter Ghettos und Arbeitslager für Juden sowie Sinti und Roma. Viele davon wurden im Rahmen der Studienfahrt besucht, auch der Ort Zamość, der im Zusammenhang mit der »Germanisierung« der Region eine Rolle spielte.

Die Namen Sobibor, Belzec und Treblinka, wo sich 200 Kilometer entfernt von Lublin in der Nähe von Warschau das dritte (während der Reise aufgrund der Entfernung nicht besuchte) Vernichtungslager der Aktion Reinhardt befand, sind weitaus weniger bekannt als der des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, das zum Symbol für den Mord an den europäischen Juden und zur Chiffre für den Zivilisationsbruch geworden ist. Dies spiegelt sich auch in den Besucherzahlen der Gedenkstätten wider: Während man in Auschwitz 2019 über zwei Millionen Besucher zählte, liegt die Zahl bei den Gedenkstätten der Lager der »Aktion Reinhardt« jährlich deutlich unter 100 000.

Das geringe Maß an Öffentlichkeit wird der Bedeutung der »Aktion Reinhardt«, die als eigentlicher »Kern des Holocaust« (Stephan Lehnstaedt) betrachtet werden kann, nicht gerecht. Die Besonderheit ihrer Lager bestand darin, dass sie nicht auch zur Ausbeutung der Arbeitskraft der Inhaftierten, sondern einzig zum Zweck des systematischen Mordes an etwa 1,5 Millionen Juden errichtet wurden. Im Gegensatz zu Auschwitz waren sie folglich keine ausgedehnten Lagerkomplexe, sondern bestanden nur aus wenigen Baracken auf engem Raum. Die Lager kamen zudem mit sehr wenig Personal aus. So mordeten dort jeweils nur etwa zwanzig Deutsche unter der Mitwirkung von in Kriegsgefangenschaft geratenen Rotarmisten, die von der SS im Zwangsarbeitslager Trawniki, etwa 40 Kilometer südöstlich von Lublin, zu sogenannten Hilfswilligen ausgebildet worden waren. Besonders perfide war die Praxis der Nationalsozialisten, jüdische Häftlinge in die Durchführung des Mordprozesses einzubeziehen – etwa beim Leeren der Gaskammern, der Plünderung der Leichen und dem Sortieren des Raubgutes. Nach der Auflösung der Lager bemühten sich die Deutschen, die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen. Sie zerstörten die Gebäude, pflanzten Bäume und errichteten in Treblinka einen Bauernhof auf dem ehemaligen Lagergelände.

Nicht wenige Besucher kommen bewusst oder unbewusst in der Erwartung einer »authentischen Erfahrung« an historische Orte, insbesondere an die Orte ehemaliger Konzentrationslager. Vermutlich ist mit dieser Erwartung eines unmittelbaren Kontaktes zur Vergangenheit auch das Bedürfnis verknüpft, sich das unvorstellbare Verbrechen des Holocaust begreiflicher zu machen. In Sobibor und Belzec wird diese Erwartung mit dem weitgehenden Fehlen von unmittelbar erkennbaren Spuren des Verbrechens konfrontiert. Während ein Besuch auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Majdanek, das am Rande der Stadt Lublin liegt, aufgrund der teilweise noch vorhandenen beziehungsweise rekonstruierten Lagerarchitektur eher vorgibt, die Distanz zur Vergangenheit überbrücken zu können, gibt es in Sobibor und Belzec keine vermeintlich »authentischen« Anhaltspunkte. Übrig sind einzig die Massengräber.

Die Gräber wurden in der Nachkriegszeit zum Ziel von Plünderungen und die Orte der »Aktion Reinhardt« fanden lange Zeit keine politische Beachtung. In der Öffentlichkeit wurden der antisemitische Kern der nationalsozialistischen Verbrechen und das spezifische Leid der Juden kaum thematisiert. Das erinnerungspolitische Interesse des polnischen Staates richtete sich vor allem auf Auschwitz, wo in erster Linie der polnischen Opfer gedacht wurde. Erst in den sechziger Jahren wurden die riesigen Aschegräber in Bełżec und Sobibór gesichert und hatten fortan bis zum Ende der achtziger Jahre einen reinen Friedhofscharakter ohne Informationsangebot. Die Gedenkstätte und das Museum in Bełżec bestehen in ihrer jetzigen Form seit 2004. Der erheblich von Symbolik geprägte Ort wird von einem ansteigenden Schlackefeld dominiert, das die Massengräber verschließt und den Eindruck von Uferlosigkeit vermittelt. Durch die Mitte des Hügels führt ein Gang, dessen Wände fortschreitend höher werden. Das Feld ist von einem Weg eingerahmt, an dessen Rand die Orte aufgeführt sind, aus denen Menschen in das Vernichtungslager deportiert wurden.

In Sobibór gibt es seit 2003 eine Gedenkallee, die in etwa dem Weg folgt, auf dem die Deportierten gewaltsam zu den Gaskammern getrieben wurden. Sie besteht aus Bäumen und Gedenksteinen, die jeweils einem Opfer des Vernichtungslagers namentlich gewidmet sind und von Angehörigen oder Freunden gestiftet wurden. An ihrem Ende befinden sich die Massengräber, die mit weißen Steinen bedeckt sind. Hinter der Allee steht die Idee, nicht eine unvorstellbare, anonyme Zahl, sondern die Einzelnen in den Mittelpunkt des Erinnerns zu stellen. Die Gedenkstätte wird seit 2017 umgestaltet und die Reisegruppe konnte bereits das neue Museum besuchen, das erst im Herbst 2020 eröffnet wurde.

Die Erfahrung der zwangsläufig enttäuschten Erwartung, mit dem Gedenkstättenbesuch gleichsam automatisch in ein unvermitteltes Verhältnis zur Vergangenheit treten zu können, kann zu einer Erkenntnis führen, die über die Lager der »Aktion Reinhardt« hinausweist: Die Auseinandersetzung mit historischen Orten ist immer eine Auseinandersetzung mit unserem Wissen über Geschichte und den bereits bestehenden Vorstellungen von der Vergangenheit. Einen unmittelbaren Zugang gibt es nicht. Dennoch: Der Besuch einer Gedenkstätte kann durch die eigene, auch körperliche Gegenwärtigkeit – fern des Alltags – eine intensivere Auseinandersetzung mit unserem Wissen und unseren Vorstellungen ermöglichen. Zudem lassen sich die räumlichen Dimensionen und die Umgebung der Lager, die zwar in abgelegenen Gegenden, aber durchaus in unmittelbarer Nähe zu den öffentlichen Bahnhöfen der Dörfer lagen, klarer nachvollziehen.

Die Vernichtungslager waren eingebettet in das deutsche Besatzungsregime, das Polen mit etlichen Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern sowie Ghettos überzog. Im Rahmen der Studienfahrt besuchten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch das Dorf Izbica, das während der Besatzung als eines von 23 sogenannten Transitghettos fungierte und etwa 60 Kilometer südöstlich von Lublin an einer Bahnlinie liegt. Das Ghetto war zeitweise auf das Dreifache der Bewohnerzahl der Vorkriegszeit angewachsen und somit vollkommen überfüllt. Die Menschen mussten unter widrigsten Verhältnissen und im ständigen Kampf ums Überleben ausharren, bis sie unter chaotischen Bedingungen wahllos und auf brutale Weise zu den Vernichtungslagern deportiert wurden. Viele Menschen starben bereits aufgrund der katastrophalen Zustände in Izbica oder wurden dort auf offener Straße ermordet.

Bereits bevor die Nationalsozialisten das Dorf zu einem Knotenpunkt der Deportationen in die Vernichtungslager der »Aktion Reinhardt« machten, waren dort 90 Prozent der Bevölkerung jüdisch – beinahe kein Bewohner überlebte den Holocaust. Spuren der jüdischen Geschichte gibt es noch heute. So befinden sich an einigen Häusern hölzerne Anbauten, die mit dem jüdischen Laubhüttenfest verbunden sind. Außerdem zeugt der jüdische Friedhof im Wald am Rande des Dorfes von ihr. Wer nicht im Rahmen einer Führung nach Izbica reist, findet allerdings nur wenige Informationen über die jüdische Vergangenheit des Dorfes und seiner Geschichte als Transitghetto. An vielen Orten ehemaliger Zwangsarbeitslager im Distrikt Lublin, beispielsweise jenen zur Errichtung von Befestigungsanlagen an der Grenze zur Sowjetunion, weist nichts auf ihre Geschichte hin.

Teil der Studienfahrt waren außerdem Rundgänge durch Lublin, einst Hauptstadt des Distriktes und Sitz führender Funktionäre der »Aktion Reinhardt«. Vor der deutschen Besatzung hatte Lublin eine große jüdische Gemeinde, die etwa ein Drittel der Stadtbevölkerung ausmachte. Zudem war die Stadt ein wichtiges kulturelles Zentrum des jüdischen Lebens in Polen. Mit der deutschen Besatzung war das Ziel der »Germanisierung« verbunden: Lublin stand im Zentrum dieser Politik und sollte zu einer »judenfreien« deutschen Stadt werden. Innerhalb kürzester Zeit wurden massive antijüdische Maßnahmen eingeführt. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion begann hier im März 1942 mit der Auflösung des Lubliner Ghettos und den Deportationen eines Großteils der Juden nach Belzec die »Aktion Reinhardt«. Nur wenige konnten der Deportation als sogenannte Arbeitsjuden vorerst entgehen.

Die Stadtrundgänge führten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu den wenigen erhaltenen Gebäuden der langen jüdischen Geschichte Lublins – etwa dem der ehemaligen Talmudschule Chachmei Lublin Jeschiwa, die 1930 als größte ihrer Art in Europa eröffnet wurde. Für die wenigen Überlebenden des Holocaust war Lublin auch nach der Befreiung durch die Rote Armee ein wichtiger Ort. So kam dort in einem Haus in der Innenstadt die Jüdische Historische Kommission zusammen, die bereits 1944 damit begann, zahlreiche Berichte von Überlebenden zu sammeln und damit früheste Erinnerungs- und Forschungsarbeit leistete.

Die Rundgänge durch Lublin führten vor Augen, dass die Stadt von den Nationalsozialisten zum Zentrum der »Germanisierungspolitik« und der Organisation der Deportationen gemacht wurde. Zahlreiche Orte stehen in diesem Zusammenhang. So beispielsweise das Haus, das der SS- und Polizeiführer und Leiter der »Aktion Reinhardt« Odilo Globocnik bewohnte; der ehemalige Sitz der deutschen Zivilverwaltung, die in hohem Maße an der systematischen Ermordung der Juden beteiligt war, und nicht zuletzt ein Gebäude, das als Lager für die gewaltige Menge an Raubgut aus den Vernichtungslagern genutzt wurde. In der Stadt, welche die Nationalsozialisten in propagandistischen Reiseführern als deutsche Stadt im Osten präsentierten, wurden für die deutschen Siedler auch Orte der Freizeitgestaltung wie der »Sachsenpark« eingerichtet. Mit kulturellen Ereignissen sollte eine zivile deutsche Stadtgesellschaft geschaffen werden.

Nach drei Semestern der digitalen Lehre, bei der jeder Austausch eingeschränkt ist, alle Gedanken im eigenen Zimmer entstehen und erst nach der Aktivierung des Mikrofons mitgeteilt werden können, war die Spontaneität der gemeinsamen inhaltlichen Auseinandersetzung in Präsenz eine besonders eindrückliche und schöne Erfahrung. Neben der unmittelbaren Auseinandersetzung mit den Orten der Verbrechen waren es schließlich vor allem die vielen Diskussionen und Gespräche, die eine intensive Vertiefung des im Seminar vermittelten Wissens ermöglichten. Der Universität würde etwas fehlen, beschränkte sie sich auf den (digitalen) Seminarraum.
 

Christopher Gomer ist als studentische Hilfskraft für das Fritz Bauer Institut tätig.


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