Forschung & Lehre

Opferzeugen in Auschwitz-Prozessen 1950–1980

Bearbeiterin: Dr. Katharina Stengel

Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft

Gegenstand der Forschungen sind die vielen ehemaligen KZ-Häftlinge und Holocaust-Überlebenden, die in der Nachkriegszeit als Zeuginnen und Zeugen in bundesdeutschen Ermittlungsverfahren und Strafprozessen gegen die Täter aussagten. Ihre Berichte bildeten häufig das Gerüst der Anklage und der Beweisführung, über die konkreten Umstände ihrer Zeugenschaft ist bisher jedoch wenig bekannt. In zwei monographischen Studien wird die Beteiligung der ehemaligen NS-Verfolgten an der juristischen Aufarbeitung nationalsozialistischer Massenverbrechen systematisch untersucht, zum einen am Beispiel der Prozesse zum Vernichtungslager Sobibor, zum anderen am Beispiel der Prozesse zum Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Das Forschungsprojekt ist am Leibniz-Institut für jüdische Geschicht und Kultur – Simon Dubnow in Leipzig angesiedelt. Die Studie zu Auschwitz wird am Fritz Bauer Institut erarbeitet und befasst sich mit den Opfer-Zeugen in den Auschwitz-Prozessen. Im Zentrum steht die Rekonstruktion der Bedingungen und Umstände ihrer Zeugenschaft – von der Zeugensuche, -auswahl und -befragung bis zu den strafjuristischen Glaubwürdigkeitskriterien und der Bedeutung der Aussagen für die gerichtliche Rekonstruktion des Tatgeschehens und des Urteils. Es werden die Formen der Kommunikation zwischen den Juristen und den NS-Verfolgten analysiert und die Spannungen zwischen der strafrechtlichen Zeugenschaftskonzeption und den Möglichkeiten eines Bezeugens der Vernichtung herausgearbeitet. Die Zeuginnen und Zeugen werden dabei als eine Gruppe von Prozessbeteiligten verstanden, die mit eigenen Motiven an den Verfahren teilnahmen; sie mussten hier jedoch in einer Rolle agieren, die ihren Anliegen nur sehr begrenzt entsprach. Die Geschichte der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen wird damit als Konfliktgeschichte um eine bisher vernachlässigte, aber wesentliche Facette bereichert. Zudem leistet die Studie eine noch weitgehend ausstehende Auseinandersetzung mit den in den Strafverfahren generierten Zeugnissen der NS-Verfolgten.