Forschung & Lehre

Friedrich Karl Kaul und die Rolle der DDR in westdeutschen NSG-Verfahren

Bearbeiterin: Dr. Katharina Rauschenberger

Die Frage nach der justiziellen Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Ostdeutschland hat bislang vor allem zu Forschungen über die Verfahren wegen nationalsozialisitscher Gewaltverbrechen (NSG) in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. in der DDR geführt. Dabei besteht Einigkeit darüber, dass in der DDR nach einer Phase der intensiven Strafverfolgung von NS-Tätern in der unmittelbaren Nachkriegszeit später, in den 1950er und 1960er Jahren kaum noch NSG-Verfahren wegen angestrengt wurden. Stattdessen konzentrierten sich das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und der Ausschuss für Deutsche Einheit, eine Unterorganisation des Ministerrats der DDR, darauf, die Bundesrepublik Deutschland dadurch zu diskreditieren, dass man die NS-Vergangenheit vor allem auch zahlreicher Richter und Staatsanwälte öffentlich anprangerte. In dieser Situation schien es den Parteistellen wie der Regierung der DDR opportun, sich mit eigenen Strategien in die in der Bundesrepublik stattfindenden NSG-Verfahren einzuschalten. 

Eine Person tritt in diesem Feld besonders in den Vordergrund: der Ostberliner Rechtsanwalt Friedrich Karl Kaul. Er war in der DDR eine sehr bekannte öffentliche Person, da er neben seiner anwaltlichen Tätigkeit die Prozesse, mit denen er sich beschäftigte, in zahlreichen Büchern und einer eigenen Kriminalfilmreihe für ein breites Publikum aufarbeitete. Beliebt wurde er insbesondere durch seine Ratgeber-Sendung »Fragen Sie Prof. Kaul« im DDR-Fernsehen. 

Kaul war auch am Westberliner Kammergericht als Rechtsanwalt zugelassen. Er konzentrierte sich seit Beginn der 1960er Jahre auf die Vertretung von Nebenklägern aus der DDR in bundesdeutschen NSG-Verfahren, unter anderem bei den ersten beiden Frankfurter Auschwitz-Prozessen, dem »Euthanasie«-Prozess gegen Dietrich Allers und andere, dem Krumey-Hunsche-Prozess, dem Majdanek-Prozess sowie dem Treblinka-Prozess in Düsseldorf. 

Im Rahmen des Projekts soll keine weitere Biographie verfasst werden. Vielmehr geht es darum, Kauls Wirken in der DDR ausloten und zu untersuchen, ob er bei der Aufarbeitung der NS-Verbrechen eine eigene Agenda verfolgte, die eine Rückwirkung auf die DDR einkalkulierte. Als sogenannter Halbjude war Kaul in der NS-Zeit selbst verfolgt und in die Emigration gezwungen worden. Angehörige von ihm waren ermordet worden. Seine jüdische Biographie wie auch sein langer Aufenthalt in den USA machten ihn in den Augen der SED-Funktionäre bei seinem Eintritt in die Partei 1947 suspekt; so stand er ständig auch im Fokus der SED und des Ministeriums für Staatssicherheit. Kauls Biographie wird hier als Hintergrund verstanden, vor dem er seine politischen, rechtlichen und auch agitatorischen Aktivitäten aufnahm.