Das von Dr. Sara Berger seit April 2023 bearbeitete und von der Alfred Landecker Foundation geförderte Forschungsprojekt widmet sich den Tonbändern aus Prozessen wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen (NSG). Dabei handelt es sich um eine bedeutende, noch wenig beachtete historische Quelle, die vielfältige neue Zugänge zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Massenmorde und des Umgangs der beiden deutschen Staaten mit der NS-Vergangenheit nach 1945 bietet.
Mit dem Fokus auf den Tonbändern wird in der empirischen Studie der Umgang mit dem Holocaust in west- und ostdeutschen Gerichtsverhandlungen zur »Aktion Reinhardt« in der Zeitspanne von 1966 bis 1985 analysiert. In den Vernichtungslagern im besetzten Polen, Belzec, Sobibor und Treblinka, wurden von 1942 bis 1943 mehr als 1,6 Millionen Jüdinnen und Juden in Gaskammern ermordet. Hunderttausende weitere wurden während der Deportationen und Ghettoauflösungen erschossen.
Im Vordergrund der Untersuchung stehen Tonbänder aus westdeutschen NSG-Prozessen zu Sobibor, die von 1973 bis 1977 in Frankfurt am Main und von 1982 bis 1985 in Hagen stattfanden. Einzelne Tonbänder aus ost- und westdeutschen NSG-Verfahren zu den Deportationen aus dem Generalgouvernement nach Belzec und Treblinka sollen ergänzend in die Analyse einbezogen werden.
Der thematische Schwerpunkt der Untersuchung liegt erstens auf den Erzählnarrativen des in den Gerichtssälen Verhandelten unter besonderer Berücksichtigung der Termini, die Angeklagte, Zeugen und Gericht zur Beschreibung des Massenmords verwendeten.
Zweitens stellt sich die Frage nach den Interaktionen und Dynamiken des Prozessgeschehens, insbesondere nach den Dialogen zwischen dem Gerichtspersonal und den Überlebendenzeugen beziehungsweise Angeklagten. Drittens sollen die vielschichtigen Gefühlsausdrücke aller Prozessbeteiligten und die Atmosphäre der Verfahren untersucht werden.