Forschung & Lehre

Deportation, Zwangsarbeit und Vernichtung in der Spätphase des Holocaust. Jüdische Häftlinge im KZ-Komplex Dachau und ihre Erfahrungen im Spiegel von Zeugnissen aus der früheren Nachkriegszeit.

Bearbeiter: Johannes Meerwald

Förderung: Stiftung Ökohaus Promotionsstipendium

Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit der Häftlingsgruppe der Jüdinnen und Juden, welche die SS ab März 1944, nach der Besetzung Ungarns durch die Wehrmacht, in das KZ-System auf reichsdeutschem Territorium verschleppte. Die Nationalsozialisten gaben mit den Deportationen das propagierte Primat des »judenfreien Reiches« auf und zwangen rund 200.000 jüdische Frauen, Männer, Jugendliche und Alte zur Arbeit auf den Großbaustellen der Organisation Todt zur Verlagerung der deutschen Rüstungsindustrie, bzw. in der Fertigung von Kriegsgütern. In diesem Kontext deportierte die SS rund 36.000 jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Ungarn und Polen in den Dachauer KZ-Komplex, wo zentrale Rüstungsunternehmen für die Kriegsbestrebungen des Deutschen Reiches, wie die Messerschmitt AG oder die BMW Flugmotorengesellschaft mbH, angesiedelt waren. Die jüdischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gehörten damit, trotz der verhältnismäßig kurzen Zeitspanne, in der sie die SS im KZ Dachau und seinen Außenlagern gefangen hielt, einer der größten und heterogensten Häftlingsgruppen des KZ-Komplexes an. Mehr als 10.000 jüdische Gefangene verstarben zwischen 1944 und 1945 im KZ Dachau und seinen Außenlagern bzw. auf den Todesmärschen in der sogenannten Endphase.

Das Promotionsprojekt untersucht systematisch die Deportation der Gesamtgruppe der jüdischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in den KZ-Komplex Dachau und analysiert ihre spezifischen Deportations-, Lager- und Nachkriegserfahrungen. Diese sollen, unter Verwendung von verschriftlichten und bisher von der Forschung wenig beachteten Erinnerungen Überlebender aus der früheren Nachkriegszeit, eine Sicht »von unten« auf dieses Kapitel der Ausbeutung und Massengewalt herstellen. Ziel der Arbeit ist es, Stammlager-zentrierte Tendenzen in der Forschung zu hinterfragen und zu zeigen, dass ab 1944 insbesondere die Außenlager der »alten« KZ-Systeme auf Reichsgebiet, wie des KZ Dachau, wesentliche Tatorte des Holocaust in seiner späten Phase waren. Damit einhergehend soll anhand der Historie der Häftlingsgruppe illustriert werden, dass sich der Massenmord an den europäischen Juden entgegen etablierter populärer Tradierungen in aller Öffentlichkeit im ländlichen Raum Deutschlands vor den Augen der deutschen Zivilbevölkerung zutrug.