The Institute

Thursday, 22. August 2019

Bericht zur Studienreise nach Oświęcim
von 20. bis 25. Juli 2019

Von Rebecca Miller, Studentin an der Goethe-Universität

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars »Auschwitz und die Ermordung der europäischen Juden« und der Übung »Auschwitz – Nachgeschichte und Repräsentationen« unter der Leitung von Prof. Dr. Sybille Steinbacher und Dr. Tobias Freimüller haben gleich im Anschluss an das Sommersemester 2019 auf einer fünftägigen Exkursion das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau besichtigt. Auf dem Programm standen nicht nur das Staatliche Museum Auschwitz mit dem einstigen Stammlager und dem Lager Birkenau, sondern auch das ehemalige SS-Interessengebiet, die Stadt Oświęcim und das Gelände, auf dem sich das Lager Monowitz befand. Organisiert und betreut wurde die Exkursion durch Andreas Kahrs vom Bildungswerk Stanisław Hantz. Sponsor der Exkursion war die Firma Evonik, die mit dem Fritz Bauer Institut diesbezüglich kooperiert.

Die beiden Lehrveranstaltungen ermöglichten eine tiefgehende Auseinandersetzung zum einen mit der Geschichte des Lagerkomplexes von seiner Planung und Entstehung, über die verschiedenen Ausbauphasen, bis hin zur allmählichen Auflösung durch die SS am Ende des Zweiten Weltkrieges und zum anderen mit seiner Bedeutung als Sinnbild des Holocaust von der Nachkriegszeit bis heute. Im Staatlichen Museum hatten wir die Möglichkeit, uns sowohl mit der Praxis der Vermittlung der historischen Ereignisse in der Dauerausstellung als auch, jeweils länderspezifisch, in den Ausstellungen der einzelnen von der deutschen Mordpolitik im Krieg betroffenen Nationen auseinanderzusetzen und sie in Hinblick auf Darstellung, Informationsvermittlung und thematische Gewichtung zu diskutieren. So fand eine kritische Auseinandersetzung mit der Art und Weise statt, wie die Verbrechen des Nationalsozialismus, insbesondere der Holocaust, in der Gedenkstätte des ehemaligen Stammlagers und in Birkenau heute dargestellt und einer großen und heterogenen Masse an Besuchern zugänglich gemacht werden. Zentral war dabei, zu verstehen, wie und inwiefern die Darstellungen geprägt sind von den historischen und politischen Entwicklungen in Polen nach 1945.

Weiterführend fiel auch der Besuch der Stadt Oświęcim aus, der auf Grund unserer Unterbringung in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte IJBS am Rande der Altstadt sehr gut durchführbar war. Besonders interessierte uns die Nähe der Stadt zum Lagerkomplex Wir konnten  sowohl historische Plätze besuchen, beispielsweise Areale, die Tätern und ihren Familien als Unterkunft dienten, als auch ehemalige Orte jüdischen Lebens in der Stadt, wie zum Beispiel den jüdischen Friedhof und den ehemaligen Standort der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Synagoge Oświęcims. Auch einstige Wohnsiedlungen der deutschen Zivilbevölkerung, die sich in unmittelbarer Nähe zum IG Farben-Werk befanden, besichtigten wir. Die räumlichen Dimensionen, in denen sich die zuvor in den Lehrveranstaltungen erarbeiteten historischen Entwicklungen und Ereignisse abspielten, mit eigenen Augen wahrzunehmen und die Strecken selbst zu Fuß abzulaufen, schafft eine Greifbarkeit, eine Fassbarkeit, die durch bloßes Rezipieren von Fakten und Quellen allein nicht möglich ist.

Eine Busfahrt führte uns durch das ehemalige SS-Interessengebiet. Die unterwegs durchgeführten Besichtigungen einzelner Orte war wertvoll für ein erweitertes und tiefgehendes Verständnis der Auswirkungen der nationalsozialistischen Okkupation und der geplanten »Germanisierung« in den damals so genannten eingegliederten westpolnischen Gebieten. Wichtig war auch zu sehen, dass es an den meisten dieser Orte keinerlei Hinweise auf die Zeit des Nationalsozialismus gibt und sie keine Beachtung im Kontext der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu erfahren scheinen. Eine Ausnahme bildet ein kleines Mahnmal auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Monowitz, das durch Initiative der dort lebenden Bevölkerung errichtet wurde.

Die Exkursion ermöglichte uns eine wesentlich umfassendere Besichtigung und Auseinandersetzung mit der Gedenkstätte und den historischen Orten, als ein Besuch es üblicherweise zulässt. So konnte die Gruppe neben den bereits erwähnten Stätten auch die Ausstellung über Häftlingskunst und das Archiv der Gedenkstätte besuchen. Nach einer kurzen, etwas abenteuerlichen Wanderung sahen wir sogar den äußersten Pfeiler, der im Zuge der letzten Lagererweiterung von Birkenau von der SS gesetzt worden war. Einmal mehr erkannten wir, was für ein riesiges Gelände der Lagerkomplex war. Durch individuelle Zeit im ehemaligen Stammlager und in Birkenau war auch eine Beschäftigung mit dem Thema losgelöst von der Gruppe möglich, was wichtig war, um über das Gehörte und Erlebte in Ruhe nachzudenken. Die gemeinsamen Diskussionen zum Tagesabschluss nutzten wir dazu, auch weiterführende Themen zu besprechen und neue Fragestellungen aufzuwerfen sowie Überlegungen, die wir vor der Exkursion angestellt hatten, zu überprüfen und auszuwerten.

Auschwitz-Birkenau

Im Wachturm

Blick auf die Rampe

Die Studiengruppe aus Frankfurt


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