Eine Kooperation des Fritz Bauer Instituts und des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) Berlin. Organisiert von Birgit R. Erdle und Daniel Weidner.
Freitag, 28. Juni 2013 (Raum 1.418)
10.00 Uhr Daniel Weidner und Birgit R. Erdle: Begrüßung und Einführung
10.30 Uhr Endre Kiss (Budapest): Das Schlafwandeln und die Psychologie der Masse(n) (v.a. Massenwahntheorie I. 2 und II. 2)
11.30 Uhr Werner Konitzer (Frankfurt am Main): Massenpsychologie, Theorie der Gefühle und Moral: Zum Verhältnis von Moral und Theorie der Gefühle bei Freud, Broch und in der neueren analytischen Philosophie
12:30 Uhr Mittagspause
14.00 Uhr Doren Wohlleben (Augsburg): Brochs »theoretische Hypertrophie« (KW 12, 372) als politische und poetologische Kategorie in der »Massenwahntheorie« (v.a. Massenwahntheorie III. 3)
15.00 Uhr Thomas Borgard (Bern): Brochs Massenwahntheorie und die Philosophie des Wiener Kreises
16:00 Uhr Kaffeepause
16:30 Uhr Daniel Weidner (Berlin): Kritik der Politischen Theologie. Religiöse Figurationen in »Das Irdisch-Absolute« (III. 4, v.a. S.458–459 und 468–473)
Abendvortrag (Raum 311)
19.30 Uhr Paul M. Lützeler (St.Louis): Massenwahn, Menschenrecht, Mystik: Dominante Themen im Gesamtwerk Hermann Brochs
Moderation: Daniel Weidner
Samstag, 29. März 2013 (Raum 1.418)
10:00 Uhr Patrick Eiden-Offe (Duisburg-Essen): Phänomenologie des Verfolgers/Phänomenologie des Verfolgten: Brochs Theorie des Antisemitismus (v.a. S. 391–419)
11.00 Uhr Birgit R. Erdle (Jerusalem/London): Zur Figur der Panik. Schreibform und historische Erfahrung (v.a. S.11–42)
12:00 Uhr Mittagspause
13:30 Uhr Eva Maria Ziegel (Bayreuth): Schriftsteller im empirischen Forschungsbetrieb: Hermann Broch und Hadley Cantril
14.30 Uhr Lena Foljanty (Frankfurt am Main): Nachdenken über Recht nach 1945: Hermann Broch und die Rechtsphilosophie der Nachkriegszeit
15.30 Uhr Schluss der Tagung
Von 1938, nach seiner Flucht aus Österreich, bis etwa 1948 arbeitete Hermann Broch im amerikanischen Exil an seinem Entwurf zu einer Theorie des Massenwahns. Ausgelöst durch die Schockerfahrung der Novemberpogrome in NS-Deutschland, beginnt Broch, über das Phänomen kollektiver Gewaltakte nachzudenken, zu denen er die Pogrome in Osteuropa ebenso zählt wie Lynchakte gegen Schwarze in den USA. »Unbegreiflich der Ratio, unbegreiflich jedem rationalen Denken«, schreibt Broch 1939, habe »plötzlich mit Lynchakten und Pogromen sich der Massenwahn auf das Harmlose gestürzt«, um »es zu vernichten. Was also ist hier geschehen? Was geschieht hier?« Das ist die Frage, die Brochs »Massenwahntheorie« umtreibt. Bezieht sich sein Entwurf zunächst auf die Gewaltakte der Pogrome, so ist er nach 1945 um die Gewalt in den Konzentrations- und Vernichtungslagern zentriert, die bei Broch nicht von der Tortur, sondern von der Versklavung her gedacht wird. In den Vordergrund rückt nun die Diskussion um Rechtsvorstellungen, nachdem das Naturrecht sich als, so Broch,
potato mash erwiesen hat, auf das sich nichts mehr gründen lässt.
Die Tagung fragt nach dem Unabgegoltenen des Denkens in den Entwürfen, Plänen, Forschungsanträgen und Einzelstudien Brochs, die erst 1979, lange nach seinem Tod, aus dem Nachlass publiziert wurden. Die Denkanstrengung, von der die dort versammelten Texte zeugen, ist ein Versuch, die zeitgeschichtliche Erfahrung der Verfolgung zu bearbeiten, zieht aber zugleich weite Kreise. Auf höchst idiosynkratische Weise verbindet Broch dabei eine sozialpsychologische Theorie der Ansteckungen mit soziologischen Konzeptionen der Exklusion, die philosophische und anthropologische Grundlegung der Politik mit konkreten Handreichungen im Kampf gegen den Nationalsozialismus, theologische Spekulationen über Ethik und Menschenopfer mit ökonomischen Analysen der Weltwirtschaft. Dabei gerät er mehr als einmal in unheimliche Nähe zu seinem Gegenstand und schreckt auch vor prekären Schlagworten wie der Forderung nach einer »demokratischen Propaganda« und einer »totalitären Demokratie« nicht zurück.
In der Tagung soll nicht versucht werden, ein einheitliches, in sich geschlossenes Verstehenskonzept des zerklüfteten, inzwischen fast vergessenen Textkonvoluts zu erarbeiten, sondern im Gegenteil gerade dem Uneinheitlichen, dem Schrägen oder auch Erratischen des Buches nachzugehen. Dessen Sperrigkeit hat nicht nur mit der Entstehungsgeschichte und den mehrfachen, zeitlich verschobenen Anfängen der »Massenwahntheorie« zu tun, sondern auch mit der Verknüpfung von Wissensfiguren und Wissensfeldern, die Brochs epistemologisches Projekt auszeichnet.
Die Tagung möchte sich Brochs Text auf zwei Weisen nähern. Zum einen sollen konkrete Lektüren zu ausgewählten Textabschnitten vorgestellt werden, die Brochs Begriffe und Denkfiguren untersuchen. Zum anderen soll in übergreifenden Vorträgen der ideengeschichtliche Ort der »Massenwahntheorie« beleuchtet werden. Brochs immenses, quer durch die Fachdisziplinen reichendes Wissen – Philosophie, Physik, Psychologie und Psychoanalyse, Literatur- und Kunstgeschichte, um nur einige zu nennen – prägt auch diesen Text und wirft die Frage auf, ob und wie Brochs Denkstil gerade durch die Verknüpfung der Disziplinen und ihrer heterogenen Begriffe entsteht. Weitere Aspekte, um die es gehen soll, sind der Dialog mit Hannah Arendt und anderen exilierten Intellektuellen und das Verhältnis der »Massenwahntheorie« zu den literarischen Texten, an denen Broch in jenen Jahren arbeitete, wie etwa der Tod des Vergil oder Die Schuldlosen.
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