



Lehrveranstaltungen Sommersemester 2012
Im Nachraum des Nationalsozialismus.
Hannah Arendts Besuche in Deutschland
PD Dr. Birgit Erdle
Seminar, dienstags, 12.00–14.00 Uhr (10. April bis 10. Juli 2012)
Goethe-Universität – Campus Westend, IG Farben-Haus, Raum 4.401
Institutionen: Fritz Bauer Institut und Historisches Seminar
Nach ihrer Flucht aus Berlin 1933 kehrte Hannah Arendt im November 1949 aufgrund ihrer Tätigkeit für die Jewish Cultural Reconstruction zum ersten Mal nach Deutschland zurück. Zuvor, im Januar 1946, hatte Arendt in ihrem von New York aus geschickten Antwortbrief an den Philosophen Karl Jaspers, der sie eingeladen hatte, in der von ihm mit begründeten Heidelberger Zeitschrift Die Wandlung zu publizieren, die Voraussetzung dafür klar benannt: »Mir scheint, keiner von uns kann zurückkommen (und Schreiben ist doch eine Form des Zurückkommens), nur weil man nun wieder bereit scheint, Juden als Deutsche oder sonst was anzuerkennen; sondern nur, wenn wir als Juden willkommen sind.«
In der Form des Schreibens, aber auch als Rednerin, Preisträgerin, für Rundfunkinterviews und für Gespräche mit dem Verlag R. Piper, der die deutschsprachigen Übersetzungen ihrer Werke veröffentlichte, kam Arendt im Lauf der folgenden zwei Jahrzehnte öfter in die Bundesrepublik zurück. Stichworte dazu sind der Hamburger Lessing-Preis, der Münchner Kongress für Kulturkritik, die Publikation der Studie zu Rahel Varnhagen und des Eichmann-Buches (beide betreut durch den Piper-Verlagsleiter Hans Rössner, der vor 1945 der SS angehörte und eine führende Position im Reichssicherheitshauptamt innehatte), die Rundfunksendungen mit Joachim Fest und Günter Gaus, der Briefwechsel mit Hans Magnus Enzensberger über die atomare Bedrohung in der Zeitschrift Merkur. Diese Besuche und die Texte in ihrem Umfeld zeigen exemplarisch die Konfliktlinien, in denen Fortwirkungen des Nationalsozialismus erkennbar werden.
Das Seminar versucht, diese Konflikte aus den Texten (darunter auch Briefe und archivalische Materialien) zu rekonstruieren und dadurch einen anderen Blick auf Konstellationen der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik zu gewinnen.
Detail und »große Erzählung«.
Quellenarbeit zur europäisch-jüdischen Geschichte, 1911–1944
PD Dr. Birgit Erdle
Übung/Seminar, montags, 14.00–16.00 Uhr (16. April bis 9. Juli 2012)
Goethe-Universität – Campus Westend, IG Farben-Haus, Raum 4.501
Institutionen: Fritz Bauer Institut und Historisches Seminar
»Das Wichtigste habe ich erreicht, ich bin aus Deutschland heraus. Wer aus einem brennenden Zimmer zum Fenster herausgesprungen ist, hat nicht viel ›Geseres‹ darüber zu machen, wo und wie er aufgefallen ist.« So kommentiert der Schriftsteller, Wissenschaftler und Journalist A. J. Storfer in einem Brief aus Schanghai am 4. Februar 1939 seine Flucht aus Wien nach dem Novemberpogrom.
In der Topografie der Kontinente schlägt Storfers Lebenslauf einen Bogen, der von einer Peripherie in die andere reicht: 1888 in Botoşani, Bukowina geboren, studierte er Rechtswissenschaft, Philosophie und Philologie in Klausenburg (heute Rumänien) und in Zürich; er arbeitete als Kulturkorrespondent für die Frankfurter Zeitung, lebte als Schriftsteller in Budapest und Wien, flüchtete 1938 nach Schanghai und von dort aus 1941 weiter nach Australien, wo er 1944 starb.
In den Texten, die Storfer uns hinterlassen hat – darunter die von ihm in Schanghai begründete und redigierte deutschsprachige Zeitschrift Gelbe Post –, kristallisiert sich europäisch-jüdische Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Texte sind Quellen zur deutsch-jüdischen Ideen- und Wissenschaftsgeschichte, zur Geschichte des Antisemitismus und des Holocaust. Unsere konkrete Arbeit mit diesen Quellen soll in methodischer Hinsicht vor allem dazu anleiten, wissenschaftliche Fragestellungen und Kontextualisierungen zu entwickeln, durch die das Einzelne und die »große Erzählung« in einen Zusammenhang rücken, und dies kritisch zu reflektieren.
Lehrveranstaltungen Wintersemester 2011/12
Why the Germans?
Jüdische Intellektuelle über NS-Deutschland, 1938–1949
PD Dr. Birgit R. Erdle
Vorlesung, dienstags, 16.00–18.00 Uhr (18.10.2011 bis 7.2.2012)
Goethe-Universität – Campus Westend, Casino am IG Farben-Haus, Raum 1.811
Institutionen: Fritz Bauer Institut und Historisches Seminar
Der frühe Diskurs über das nationalsozialistische Deutschland und seine Judenpolitik, den emigrierte jüdische Intellektuelle, vor allem in den USA entwickeln, ist bisher systematisch noch kaum erforscht. Diesen frühen Diskurs, zentriert auf den Zeitraum zwischen 1938 und 1949, will die Vorlesung rekonstruieren. Sie fragt nach den Begriffen, den Denkfiguren und Erklärungsmustern, die über die Genese und die Folgen dieser Politik nachdenken und die Erfahrung der Verfolgung aufzufangen versuchen. Die Aufmerksamkeit gilt dabei auch den Sprachverhältnissen und den Schreibräumen des Exils, den places und displaces, in denen dieses Denken stattfindet. Der zu untersuchende Diskurs durchquert unterschiedliche Genres: Historiographien, Essays, literarische Texte, aber auch Briefe, Projektentwürfe und journalistische Artikel, wie sie z.B. in der Zeitschrift »Commentary« veröffentlicht sind. Neben Texten von Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer wird es unter anderem um Schriften folgender Autoren gehen: Hermann Broch (Massenwahntheorie/Theory of Mass Illusion, Die Schuldlosen), Siegfried Kracauer (Von Caligari zu Hitler/From Caligari to Hitler), Charlotte Beradt (Das Dritte Reich des Traums/The Third Reich in Dreams), Soma Morgenstern (»Totenbuch«), Franz Neumann (Behemoth).
Erste Blicke und Briefe –
Kontaktaufnahmen aus dem Exil nach 1945
PD Dr. Birgit R. Erdle
Seminar, montags, 12.00–14.00 Uhr (17.10.2011 bis 6.2.2012)
Goethe-Universität – Campus Westend, IG Farben-Haus, Raum 4.401
Institutionen: Fritz Bauer Institut und Historisches Seminar
»Kein Land, sondern ein Platz, im Vacuum gelegen« – so beschreibt Siegfried Kracauer in einem Brief an Leo Löwenthal vom Oktober 1960 Deutschland. Im Seminar werden wir uns mit Texten von Autoren beschäftigen, die der Verfolgung im nationalsozialistischen Deutschland oder in Österreich durch die Flucht ins englische oder amerikanische Exil entkamen, und die 1945 oder danach, unter verschiedenen Umständen, zurückkehrten. Es sind Texte, die in der »Lücke zwischen Vergangenheit und Zukunft« (Hannah Arendt) stehen und von der Erfahrung der ersten Wiederbegegnung mit den Orten der Verfolgung zeugen – darunter Texte von Jochanan Bloch, Günter Anders, Robert Neumann, Hannah Arendt, Siegfried Kracauer, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer. Den »ersten Blicken«, die die Texte auf diese Orte werfen, und den ersten Kontaktaufnahmen, die die Autoren in Briefen versuchen und die den Grund, die Bedingungen für ein Gespräch ausloten, will das Seminar nachgehen. Unsere Lektüren werden danach fragen, was die Autoren beobachten, an wen sie ihre Wahrnehmungen adressieren, wie sich ihr Blick aus einer transatlantischen Verschiebung herschreibt, wie die Briefe die Suche nach einem Gegenüber gestalten und wie sie die Voraussetzungen, Möglichkeiten und Nichtmöglichkeiten für eine Rückkehr verhandeln.
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Letzte Änderung: 2012, April 03