Instrumentalisierung und Singularität
Zur Novick-Finkelstein-Debatte


Essay
von Prof. Dr. Micha Brumlik

Micha Brumlik | 16-07-2003 | © Werner LottMicha Brumlik, geboren 1947 in Davos, Schweiz, lebt heute in Frankfurt am Main. Nach seinem Studium der Pädagogik und Philosophie war er wissenschaftlicher Assistent der Pädagogik in Göttingen und Mainz, danach Assistenzprofessor in Hamburg. Von 1981 bis 2000 lehrte er Erziehungswissenschaft an der Universität Heidelberg. Seit 2000 ist er Professor am Institut für allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt „Theorie der Erziehung und Bildung“. Daneben leitet er seit Oktober 2000 als Direktor das Fritz Bauer Institut, Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust in Frankfurt am Main.
Seine wissenschaftlichen Arbeitsgebiete sind: Pädagogik, Ethik, Theorie und Empirie moralischer Sozialisation sowie Religionsphilosophie.
Zahlreiche Veröffentlichungen zu geistesgeschichtlichen, pädagogischen, religionsphilosophischen und tagespolitischen Themen, darunter: 
Die Gnostiker
(1992)
Schrift, Wort, Ikone. Wege aus dem Bilderverbot
(1994)
Kein Weg als Deutscher und Jude. Eine bundesrepublikanische Erfahrung (1996)
Vernunft und Offenbarung. Religionsphilosophische Versuche (2000)
Deutscher Geist und Judenhaß. Das Verhältnis des philosophischen Idealismus zum Judentum (2000).

Foto: © Werner Lott, 2003

Der vorliegende Artikel erschien im Newsletter zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, Nr. 20, unter dem Titel "Die Graduierung des Grauens. Instrumentalisierung und Singularität: Zu den geschichtsphilosophischen Hintergründen der Debatte um die Buchveröffentlichungen von Peter Novick und Norman Finkelstein" in der Frankfurter Rundschau vom 20. Februar 2000, und unter dem Titel "Die Graduierung des Grauens. Zum geschichtsphilosophischen Hintergrund der neuen Debatte über die Holocaust-Erinnerung" als Aufsatz in: Rolf Surmann (Hg.): Das Finkelstein-Alibi. "Holocaust-Industrie" und Tätergesellschaft. Köln: PapyRossa Verlag, 2001.


I.

Das Erscheinen der Bücher von Peter Novick und Norman G. Finkelstein hat zur Vertiefung einer Debatte geführt, die schon im „Historikerstreit" und in der Auseinandersetzung um das „Schwarzbuch des Kommunismus" angerissen wurde, dann aber mehr oder minder versandete. Während es im Falle von Ernst Nolte und Stéphane Courtois nahe lag, die Frage nach der Relativierung der „Holocaust" genannten Massenvernichtung der europäischen Juden unter Hinweis auf apologetische Tendenzen abzuwehren, scheint dieser Ausweg diesmal nicht gegeben. Sogar wenn man Norman G. Finkelstein des Linkradikalismus, des jüdischen Selbsthasses und des fanatischen Antizionismus zeiht, ist an dem Umstand, dass seine Eltern selbst Überlebende der Massenvernichtung sind, nicht zu rütteln und sein Anliegen, das Martyrium der Opfer vor Vernutzungen zu bewahren, aller Ehren wert. Peter Novick, auf dessen sorgfältiges Buch sich Finkelsteins Pamphlet zum großen Teil missbräuchlich stützt, argumentiert indessen so abgewogen, wohl belegt und zurückhaltend, dass es schlechterdings keinen Anlass gibt, seine Ergebnisse zurückzuweisen. Dass die in den jüdischen Gemeinschaften der USA gepflogene Beschäftigung mit der Massenvernichtung oft einem Religionsersatz gleichkommt und keine spontane, anhaltende Reaktion auf das Bekanntwerden der Verbrechen war, kann nun als bewiesen gelten. Diese Erinnerung wurde mit mindestens zwanzig Jahren Verzögerung im Rahmen der Selbstfindungsinteressen der zersplitterten jüdischen Gemeinschaften der USA konstruiert und spätestens seit den frühen siebziger Jahren mit außenpolitischen Interessen der USA und Israels gekoppelt.

II.

Indes: der Hinweis auf den Konstruktionscharakter einer kollektiven Erinnerung sagt noch nichts über deren Wahrheitsgehalt bzw. ihren praktisch-moralischen Wert aus. Die Frage, ob die behauptete Singularität des Holocaust der Sache nach berechtigt ist, kann durch die Beobachtung des Entstehens dieser Auffassung nicht entschieden werden. Auch und sogar dann, wenn ein historisches Ereignis erst mit einiger Verzögerung seinen Raum in der Öffentlichkeit gewinnt, ist damit noch nichts über seine Bedeutung ausgesagt. Umgekehrt gilt, dass kollektive Erinnerungen, die kurzfristig und heftig wirken, langfristig zu Recht an Gewicht verlieren. Wer interessiert sich heute noch für die im Wilhelminischen Reich immer wieder zelebrierte Schlacht bei Sedan? Viele, Peter Novick eingeschlossen, die zu Recht auf den langwierigen Prozess des Entstehens eines Holocaustbewusstseins in den USA hinweisen, verwechseln bei der Bewertung dieses Prozesses Wahrnehmungs- mit Wahrheitsfragen.
Ein näherer Blick auf Finkelsteins und Novicks moraltheoretische Annahmen bringt denn auch schnell zu Tage, dass es keineswegs nur um mentalitätsgeschichtliche Fragen, sondern um schwierigste Fragen des moralischen Universalismus bei der Betrachtung der Welt- und Zeitgeschichte geht. So schließt Novick sein Buch mit der Frage, ob eine Gedenkstätte für die Opfer der Sklaverei in Berlin nicht ähnlich sinnvoll- oder sinnlos wie die jetzt geplante Holocaustgedenkstätte sei, während Finkelstein bei öffentlichen Auftritten allen Ernstes behauptet, dass die Konzentration auf den Holocaust von der US-amerikanischen Ausrottungspraxis wider die Indianer ablenke. Beide stellen zudem das ebenfalls moralisch bedeutsame Thema der Instrumentalisierung in den Mittelpunkt, wobei Finkelstein sich als der konsequentere erweist: Im Unterschied zu Novick scheint er nicht zu meinen, dass jede Befassung mit den Opfern der Weltgeschichte instrumentell sein müsse. Novick teilt demgegenüber die in den USA tiefsitzende, im besten Sinne pragmatistische Haltung, wonach alle Handlungen, auch das Gedenken, bestimmten Zwecken dienen.

III.

So stehen zwei eng miteinander verbundene Themen im Zentrum der Debatte: ein geschichts- sowie ein praktisch-philosophisches Problem. Lässt sich die Rede von der Einmaligkeit des Holocaust halten, ist sie mehr als eine – wie Novick behauptet – inhaltsleere Formel? Lassen sich darüber hinaus unterschiedlich legitime Formen des öffentlichen und politischen Bezugs auf die Ermordeten, ihr Leiden und ihr Schicksal unterscheiden? Fragen der Trauer und der Erinnerung – auch geschichtsphilosophischer Art – lassen sich bisweilen besser beantworten, wenn man einen Blick auf die ganz normale Alltagspraxis auch des Trauerns wirft. Das nämlich gilt für die Frage der unterschiedlichen Schwere von Verbrechen. Der Sinn von Grabsteinen scheint keinem weiteren Zweck zu dienen denn der Erinnerung daran, dass ein Mensch gelebt hat, gestorben ist und auf eigene Weise, in einem eingegrenzten Bezirk, zur Gemeinschaft gehört. Dies ganz alltägliche Gedenken ist zweckfrei, obwohl sich auch hier – etwa an Größe und Prunk eines Grabsteins – sekundäre Zwecke identifizieren lassen. Das Strafgesetzbuch, das auf der Trennung von Moral und Recht beruht, lässt mit seinen unterschiedlichen Sanktionsmaßen dennoch keinen Zweifel daran, dass die vom Staat zu schützenden Rechtsgüter unterschiedlich wertvoll sind. Betrug wird minder hart bestraft als Totschlag, Mord härter als wiederholte Leistungserschleichung. Niemand würde am Sinn zweckfreien Gedenkens im alltäglichen Leben und der alltagssprachlich und auch institutionell eingeübten Praxis der unterschiedlichen Bewertung von Vergehen wider Moral und Recht zweifeln. Was spricht grundsätzlich dagegen, diese Logik auch bei der Beurteilung von Staats- und Kollektivverbrechen anzuwenden?
Novick wehrt sich gegen die Singularitätsbehauptung des Holocaust, weil damit entweder andere Großverbrechen – wie etwa der Genozid in Ruanda – in ihrer Bedeutung herabgesetzt oder im Falle einer Gleichsetzung – wie im Beispiel Bosnien – unkontrollierbare Handlungslegitimationen ausgestellt würden – wie der Bombenkrieg der NATO gegen Jugoslawien, der Tausenden Unschuldigen das Leben kostete.
Den Vorwurf der politischen Instrumentalisierung des Gedenkens hingegen will er nicht erheben, da dies ohnehin unvermeidlich sei – der Gedanke eines zweckfreien, von politischer Vernutzung freien Gedenkens ist dem Historiker der Verbandspolitik nicht vorstellbar. Aus beidem, der Ablehnung der Graduierung der Schwere von Großverbrechen hier und der Toleranz gegenüber der politischen Nutzung von Opfern dort – Novick findet nichts Anstößiges daran, dass „Lebensschützer" abgetriebene Föten mit den Opfern der Shoah gleichsetzen – resultiert eine generelle Skepsis gegenüber den Einsichtseffekten weltgeschichtlicher Erinnerung. Sinn und Zweck historischer Forschung besteht dann nur noch in sich selbst, Lehren für einen anderen Umgang von Menschen bzw. für eine tiefere Einsicht in das Wesen der menschlichen Würde anhand ihrer Verletzbarkeit sind damit ausgeschlossen.

IV.

Die israelischen Philosophen Avishai Margalith und Gabriel Motzkin haben die Einmaligkeit der Shoah dadurch zu erweisen gesucht, dass sie nicht nur den auch noch auf die letzte jüdische Person drängenden Mordwillen, sondern auch die bisher nicht bekannte Kombination von körperlicher Ausbeutung, namenloser Erniedrigung, schmählichstem Tod und industrieller Vernutzung der sterblichen Überreste hervorgehoben haben. Auch hier liegt eine Graduierung des Grauens vor, die der Alltagspraxis, der kriegerischen jedenfalls, keineswegs fremd war. Im symbolischen Universum der Hinrichtung war es nie gleichgültig, ob man enthauptet, erschossen, gehenkt oder einfach erwürgt wurde.
Die Frage, ob die nationalsozialistische Massenvernichtung der Juden einmalig war, mag also durchaus streitig debattiert werden und setzt Vergleiche geradezu voraus. Sie ist aber damit ebenso wenig sinnlos wie der Begriff der „Einmaligkeit" leer ist. Novicks Toleranz gegenüber politischer Instrumentalisierung bricht sich damit an Finkelsteins Willen, dem Martyrium der Opfer die Treue zu halten. In einem allerdings stimmen sie überein. Im Unwillen, die unterschiedliche Schwere von Großverbrechen zu beurteilen, wird die der Sache nach unbegründete Angst politisch linksstehender Universalisten deutlich, es damit an Solidarität fehlen zu lassen. Diese Angst ist deshalb unbegründet, weil auch und gerade eine universalistische Moral auf Prinzipien angewiesen ist, deren Gewicht sich erst an ihrer Verletzung ermessen lässt. Moralische Prinzipien jedoch sind – anders als das Teile der kantischen Tradition meinen – alles andere als lediglich in sich widerspruchsfreie moralische Postulate, sondern Regeln zur Bewahrung menschlicher Integrität in körperlicher, psychischer und sozialer Hinsicht. Schon der erste Satz des ersten Artikels des Grundgesetztes trägt dem Rechnung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar." Es ist kein Zufall, dass der Begriff der Würde auf das Engste an den Gedanken ihrer Verletzung geknüpft ist – eine Würde, die nicht verletzt werden kann, ist keine.

V.

In dem, was die Weltgeschichte bislang an Beispielen für die Verletzung der menschlichen Würde hervorgetrieben hat, ist die Shoah bisher – so zynisch muss man sprechen – unübertroffen. Das heißt weder, dass nicht noch weitergehende Formen der Verletzung in Zukunft möglich sind, noch, dass historische Forschung nicht weitergehende Verletzungen zu entdecken vermag. Mit der Shoah ist in der Tat ein Negativmaßstab zur Beurteilung der Weltgeschichte in moralischer Hinsicht gegeben, ein Maßstab, der der Institutionalisierung und dem Schutz der Rechte des Menschen zugrunde liegt. Novicks Historismus und Finkelsteins Martyriologie treffen sich letztlich in einem moralischen Skeptizismus, der ihre vehement oder feinsinnig vorgetragenen Argumente Lügen straft. Was wie eine Ausweitung und Bekräftigung des moralischen Universalismus wirkt, entpuppt sich endlich als durch und durch politische Parteinahme zugunsten verfolgter Minderheiten. Dem Grauen der historischen Erfahrung vermag dieser Wille zur Solidarisierung nicht standzuhalten.

Prof. Dr. Micha Brumlik
Frankfurt am Main, im März 2001

Copyright: © Prof. Dr. Micha Brumlik und Fritz Bauer Institut


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