Deutsche Nachkriegsgesellschaft und Holocaust im Spielfilm |
Vom 2. bis 4. Dezember 1999 in Frankfurt am Main Die Jahrestagung der Arbeitsgruppe Cinematographie des Holocaust – ein Projekt des Fritz Bauer Instituts und CineGraph – Hamburgisches Centrum für Filmforschung –, die vom 2. bis 4. Dezember 1999 in Frankfurt am Main stattfand, widmete sich diesmal einer bis dato weitgehend vernachlässigten Fragestellung. Unter dem Titel „Die Vergangenheit in der Gegenwart. Konfrontationen mit dem Holocaust in den Filmen der deutschen Nachkriegsgesellschaften" trafen sich auf Einladung von Fritz Bauer Institut, CineGraph und Deutsches Filminstitut – DIF rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Im Mittelpunkt der Analysen standen nicht jene Filme, in denen der Holocaust als historisches Phänomen betrachtet und dargestellt wird, sondern filmische Auseinandersetzungen mit der Gegenwärtigkeit der Erinnerung – oder Nichterinnerung – in der Bundesrepublik, der DDR und schließlich dem vereinten Deutschland. Mehr als nur eine Begrüßung der Tagungsteilnehmer war Salomon Korns (Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main) Beitrag zu Beginn der Tagung. Korn machte aufmerksam auf die Kontinuitäten in der deutschen Film- respektive TV-Geschichte, die bis in die Fernsehserien eines Herbert Reinecker hinein verlaufen. Dass auch Horst Tappert alias Derrick seinen Beitrag zur Geschichte der Verdrängung und verschobenen Symbolisierung der tabuisierten Identifikationen mit dem „Dritten Reich" geleistet hat, warf ein überraschendes Blitzlicht auf den Gegenstand der Tagung. Dieter Bartetzko (Frankfurter Allgemeine Zeitung) hielt eine sehr persönliche Eröffnungsrede. Von seinen Kindheits- und Jugenderlebnissen nach dem Krieg in Frankfurt, in der sich private Anwesenheit und öffentliche Abwesenheit von Juden in der Stadt eher zu flüchtigen Erfahrungen verdichteten, spannte Bartetzko den Bogen bis zu den Irritationen, die die geplante Aufführung des Faßbinder-Stückes Der Müll, die Stadt und der Tod und die Auseinandersetzung darum in ihm auslösten. Die engen Beziehungen der Filme zu den jeweiligen gesellschaftspolitischen Situationen wurde besonders in den Beiträgen von Tim Gallwitz (Hamburg) und Elke Schieber (Filmmuseum Potsdam) deutlich. Allerdings, „legt man das Kriterium des Tagungsthemas an", so Gallwitz, der sich in seinem Vortrag auf die Filme der ersten Nachkriegsjahre konzentrierte, „kommt man auf eine Handvoll Filme". Der Film Der Ruf (Fritz Kortner, 1949) thematisiert am dezidiertesten die Gegenwärtigkeit des Holocaust in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Der Film behandelt teilweise authentische Erfahrungen Kortners und offenbart einen nahezu dokumentarischen Charakter, was die filmische Darstellung antisemitischer Einstellungen an deutschen Universitäten nach 1945 betrifft. Kortner, die Produktionsfirma und die US-Filmkontrolle achteten stets darauf, dass im Film Behauptetes durch Aktenmaterial belegt werden konnte. Die Zweisprachigkeit als Zerrissenheit des Remigranten, dessen Versuch, in Deutschland wieder Fuß zu fassen schließlich scheitert, spielt eine dominierende Rolle in dem Film, der in Deutschland, wie Gallwitz anschaulich schilderte, auf säuerliche oder pflichtschuldig moralische, vor allem aber auf demonstrativ gleichgültige Reaktionen stieß. „Vergesst es nie, schuld sind sie", so lautete der Titel des Vortrages von Elke Schieber – ein Motto, das sich laut Schieber durch eine ganze Reihe von DEFA-Produktionen zu dem Thema zog. „Sie" – die Monopolkapitalisten – und somit „das System" wurden als die Schuldigen betrachtet, was besonders in dem Film Unser Täglich Brot (Slatan Dudow, 1949) hervortritt, der übrigens ebenso wie Der Ruf die Geschichte eines Remigranten erzählt, die hier allerdings nur als Nebenhandlung und stark verklausuliert erscheint. Anders als in Der Ruf wird dem Überlebenden in Unser Täglich Brot allerdings einladend gegenüber getreten und ihm deutlich gemacht, dass er gebraucht wird. Es geht schließlich um den Aufbau eines volkseigenen Betriebs (VEB), wobei jede Opferpose störend wäre. Nur in sehr wenigen Ausnahmefilmen wird die Schuld, für die einzelne Personen verantwortlich sind, thematisiert und gleichzeitig die Gesellschaft als Ganzes weitgehend ausgeklammert. Bis in die frühen 50er Jahre sind laut Schieber durchweg positive Darstellungen von Juden in den DEFA-Produktionen zu erkennen. 1953 kommt es schließlich zu einem Bruch. Juden, die sich zu ihrem Glauben oder auch nur ihrer Herkunft bekennen, geraten mehr und mehr unter den Verdacht der Kleinbürgerlichkeit. Als positive Lichtgestalten fungieren in den Thälmann-Filmen von Kurt Maetzig jetzt vorwiegend KZ-Häftlinge, die ihre eigene Befreiung vorbereiteten. Juden erscheinen in diesem positiven Licht nur, wenn sie zugleich auch Widerstandskämpfer und Kommunisten sind. Ende der 80er Jahre sind deutliche Veränderungen in den Produktionen spürbar. Erst jetzt werden die Betroffenen auch selbst nach ihrem Schicksal befragt. Schieber wies in ihrem Vortrag auf ökonomische Zwänge hin, unter denen die DDR zu diesem Zeitpunkt stand, die diese Veränderung bewirkten und zu einer außenpolitischen Öffnung beitrugen.
Ronny Loewy (Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main) referierte im Anschluss daran über die Zusammenhänge des Films Zeugin aus der Hölle mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess. Der Film, dessen Dreharbeiten noch vor der Urteilsverkündung im Prozess begonnen haben, schildert treffend die Situation, mit der Prozesszeugen, Überlebende des Holocaust vor allem, konfrontiert waren. Esther Schapira (Hessischer Rundfunk) stellte mit einigen Ausschnitten Beispiele aus dem Bereich des Fernsehens aus dem Hause des Hessischen Rundfunks vor. Ihre Hintergrundinformationen zu der Produktion des Dokumentarfilms Das braune Band der Sympathie, der die Verflechtungen der Dresdner Bank mit dem Naziregime aufzeigt, verdeutlichten, dass es für Filmemacher auch in der heutigen Zeit teilweise recht schwierig sein kann, derartige Projekte zu verwirklichen: Sie hatten mit zahlreichen Verhinderungsversuchen bis kurz vor Sendung des Filmes zu kämpfen. Schapira wies darauf hin, dass den Opfern in der Programmgestaltung in den letzten Jahren immer weniger Raum zugestanden wird. Die Auseinandersetzung mit den Tätern erscheint den Rundfunkanstalten im Hinblick auf die erwarteten Quoten erfolgversprechender. Der Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser (Universität Amsterdam) hielt einen Vortrag über die Filme Alexander Kluges, der für viele Teilnehmer ein Höhepunkt der Veranstaltung darstellte. Elsaesser kontrastierte unterschiedliche Formen einer „Präsenz der Absenz", einer verborgenen aber wirksamen Gegenwart der Judenvernichtung in der westdeutschen Gesellschaft, die er am Beispiel der Filme Kluges zu einer psychoanalytisch gestützten These zuspitzte: Während die bemühten Versuche einer öffentlich ritualisierten Erinnerung des Holocaust in Deutschland immer wieder in Fehlleistungen münden, sieht Elsaesser in den Filmen Kluges Fehlleistungen und performatives Missverstehen auf kunstvolle, wenn auch nicht immer bewusst gewollte Weise als eine Spur zur Erkenntnis des Verdrängten inszeniert. Die Beobachtung, dass der Holocaust in den Filmen Kluges permanent abwesend und zugleich – oder gerade dadurch – anwesend sein kann, entwickelte Elsaesser systematisch von der ersten Szene von Kluges erstem Spielfilm Abschied von gestern (1966) her bis in Die Patriotin und Macht der Gefühle. Die Jüdin Anita G. (vorgestellt als Überlebende der Lager und als Flüchtling aus der DDR) steht wegen Ladendiebstahls vor Gericht. Von dort aus nimmt Kluges Film, ja sein gesamtes Werk und seine Beschäftigung mit der deutschen Geschichte als Katastrophe ihren Lauf, ohne dass er auf die jüdische Herkunft und die Erfahrungen seiner Hauptperson noch einmal explizit zurückkommen würde. Die Filme der 80er und der 90er Jahre, die vorgestellt wurden, handeln in erster Linie von dem Umgang der verschiedenen Generationen mit dem Holocaust. Hans Michael Bock (CineGraph Hamburg) stellte den Film Bronsteins Kinder (1990/91, Jerzy Kawalerowicz) nach dem gleichnamigen Roman von Jurek Becker vor. In Beckers Geschichte wie im Film geht es um Selbstjustiz von Holocaust-Überlebenden an einem ihrer ehemaligen Aufseher in der DDR der 60er Jahre. Hans Michael Bock spürte in seiner Einführung der Darstellung und Selbstdarstellung jüdischer Erfahrung im Werk und Leben Beckers nach.
Im Laufe des Films fährt der Großvater mit einem Freund, dem Bierfahrer des Ortes, nach Auschwitz, um eine Kiste Zahngold, die er damals als KZ-Wächter beiseite schaffte, auszugraben. Doch das hat Folgen, denn nun enthüllt sich die Identität seines Freundes: Er erfährt, dass seine „Mutter" ihn als Baby vor der Deportation seiner wirklichen, jüdischen Eltern in Obhut genommen hat. Annamirl schließlich kann dem Konflikt zwischen allen Beteiligten und in ihr selbst, zwischen der Liebe zu ihrem Großvater (dem Wolf) und der Wahrheit nur entfliehen, indem sie sich tötet. Beide Filme behandeln die Historie als Generationskonflikt, als „Familiendrama", wie Stefan Reinecke (Tagesspiegel, Berlin) in seinem Vortrag betonte, in dem er vor allem auch neuere Filme wie Meschugge (1998) mit einbezog. Dabei ist zu beachten, dass mit Abrahams Gold der einzige Filmbeitrag auf der Tagung zu sehen war, in dem die Auseinandersetzung der dritten Generation mit dem Holocaust thematisiert wurde. Reinecke durchleuchtete darüber hinaus kritisch die Rolle der 68er-Generation innerhalb der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Seine in diesem Zusammenhang entwickelte Einschätzung so mancher Aktionen der 68er-Generation als „ödipale Revolte" blieben nicht ohne Widerspruch und Diskussion unter den Tagungsteilnehmern. Unterschiedliche Rezeptionen dieser Rolle durch die verschiedenen Generationen unter den Teilnehmern selbst waren zu erkennen. Am Rande des Tagungsthemas gab Claudia Keller (Berlin), die für die Stuttgarter Zeitung den kürzlich aufgefundenen Koffer mit Dokumenten von Oskar Schindler auswertete, einen Überblick über frühe Versuche in den USA, einen Film über Schindler zu realisieren. Den ersten gescheiterten Versuch unternahm Fritz Lang 1951. Ebenso scheiterten zahlreiche weitere Versuche einschließlich einer geplanten Großproduktion der MGM im Jahr 1964. Sabine Horn Abbildungsnachweise Foto oben: Der Tagungsband zur Jahrestagung der Arbeitsgruppe Cinematographie des Holocaust im Dezember 1999 in Frankfurt am Main ist im Verlag Edition Text+Kritik, München erschienen. Deutsches Filminstitut – DIF (Hg.): [ ► Projekt Cinematographie des Holocaust ] [ ► Datenbank Cinematographie des Holocaust ] [ Texte ] · [ Startseite/Home ] · [ Aktuell ] · [ Inhalt/Sitemap ] · [ E-mail ] |