Zwiespalt des Erinnerns |
Zwiespalt des Erinnerns Jahrestagung 2003 der Arbeitsgruppe Cinematographie des Holocaust Ein Projekt des Fritz Bauer Instituts, des Deutschen Filminstituts und Cinegraph, Hamburgisches Zentrum für Filmforschung Auf der diesjährigen Jahrestagung der Arbeitsgruppe Cinematographie des Holocaust wurden unter dem Thema „Zwiespalt des Erinnerns. Opfer und Täter des Holocaust in Film- und Fernsehdokumentationen der BRD und DDR“ eine Vielfalt von Dokumentarfilmen präsentiert, die unter filmwissenschaftlichen, journalistischen und geschichtspolitischen Aspekten diskutiert wurden. Der Filmhistoriker Jeanpaul Goergen eröffnete die Tagung mit einem Vortrag über den Film Di Toit Milen (1945 D/USA Hanŭs Burger), der erst kürzlich entdeckten Kopie einer jiddischen Fassung von Die Todesmühlen. Goergen gab mit seinem Vortrag den Anstoß zu einer weiteren Recherche über die diversen Sprachfassungen des Films. Unterschiede in der Bildfassung wie vor allem im Kommentar bleiben vor dem Hintergrund verschiedener Rezeptionsgeschichten dieses Films noch zu untersuchen. Nach der Vorführung des Filmes Die Vergessenen (1961 BRD Peter Adler, Peter Dreessen) erläuterte der Journalist Rainer C. M. Wagner Charakteristika der ersten dreißig Fernsehjahre des SDR (Süddeutscher Rundfunk), indem er kulturhistorische Aspekte der damaligen Fernsehunterhaltung herausarbeitete. Der gezeigte Film, so Wagner, nahm sowohl eine Personalisierung der Opfer als auch eine Emotionalisierung der jüngeren Geschichte vor, was zu einer großen Resonanz bei den Zuschauern und sogar zu einem Spendenaufruf des Bundestages für Wohnheime der Überlebenden führte. Wagner beschrieb Zuschauerresonanzen auf andere, zeitgleiche Sendereihen und deren Serienprinzipien im jeweiligen historischen Zusammenhang. Während Anfang der 60er Jahre, nämlich vor und während des Eichmann-Prozesses in Jerusalem, das Interesse noch sehr groß schien, ließ das mediale Interesse bereits Mitte der 60er Jahre wieder nach. Auch der Generationskonflikt Ende der 60er Jahre, die Protestbewegung, so Wagner, fand außerhalb des Mediums Fernsehen statt. Erst mit der amerikanischen Fernsehserie Holocaust Ende der 70er Jahre begann sich erneut ein gesellschaftliches und mediales Interesse an der nationalsozialistischen Massenvernichtung einzustellen. Neuere Serienprinzipien kombinierten laut Wagner Boulevard-Elemente mit einer Personalisierung der jüngeren Geschichte. Karl Gass (Regisseur der DDR) benutzte die Arbeitstagung, um die Dokumentarfilme aus der DEFA Produktion, die die Folgen des Nationalsozialismus ausschließlich als Problem der BRD dargestellt haben, zu verteidigen. Sein Vortrag bewegte sich im Rahmen allgemeiner Rechtfertigungen des Geschichtsverständnisses der DDR. Das noch heute ärgerliche an dieser Position ist, dass mitten in unserer Gesellschaft für die DDR selbst jede Verantwortung für die Vernichtung der europäischen Juden abgewiesen werden kann. Die Filmwissenschaftlerin Katrin Kokot hielt einen Vortrag zu Kaddisch nach einem Lebenden (BRD 1965 Karl Fruchtmann), in dem sie eine analytische Interpretation des Films vornahm. Kaddisch nach einem Lebenden ist demnach ein Film über Erinnerung ebenso wie eine Auseinandersetzung mit den Notwendigkeiten und den Möglichkeiten des Überlebens. Es sei ein Film, der sich mit Identität und Erinnerung beschäftige und dabei ebenso die Frage impliziere, wer verantwortlich sei für eine Gesellschaft, in der Menschen von der Vergangenheit heimgesucht werden. Der zweite Tagungstag wurde von Heinz-B. Heller (Medienwissenschaftler an der Universität Marburg) mit seinem Vortrag „Erinnerung als mediales Problem“ eröffnet. Er erläuterte an neun Thesen und filmischen Beispielen die Entwicklungsetappen des Holocaust-Dokumentarfilms. Heller erklärte, wie authentische Erinnerung definiert wird, nämlich als Verfremdung des Erlebten in Form eines kulturellen Konstrukts, dem kollektiven Gedächtnis. Erinnerung wie ihre filmische Repräsentation sind somit Konstruktionsarbeit. Am Beispiel von Auszügen aus dem Film Der Fotograf (PL 1998 Dariusz Jablónski) verdeutlichte Heller seine Ausführungen zu Fragen der authentischen Erinnerung. Michael Kloft (Leiter von Spiegel TV Hamburg) präsentierte Ausschnitte aus sieben Produktionen aus zehn Jahren, unter anderem die Reportage Der Tramp und der Diktator, und referierte über seine Erfahrungen und über Perspektiven des Themenfernsehens. Die Produktion Der Krieg in Farbe von 1995, ermöglichte laut Kloft durch die neu entdeckten Farb-Bildmaterialen einen neuen Blick und einen anderen Zugang zur jüngeren Geschichte. In der Diskussion mit Kloft mischten sich Argumente über wissenschaftliche und ethische Qualitätsstandards mit Argumenten TV-journalistischer Erfolgskriterien und Konkurrenz.
Ronny Loewy (Projektleiter der Arbeitsgruppe Cinematographie des Holocaust), zeichnete in seinem einführenden Vortrag zu Mord in Frankfurt (BRD 1969 Rolf Hädrich) die drei Parallelhandlungen im Film nach. Zwei Parallelhandlungen sind recht locker miteinander verbunden: Ein polnischer Zeuge, der Arzt Andrej Markowski, kommt nach Frankfurt am Main, um eine Aussage in einem Prozess gegen einen SS-Arzt von Auschwitz zu machen. Zur gleichen Zeit löst ein Mord an einem Taxifahrer einen Taxifahrerstreik aus und provoziert – wie in den 60re Jahren tatsächlich einige Male geschehen – den Ruf nach der Todesstrafe. Und eine dritte Parallelgeschichte: Im Frankfurter Theater wird eine Inszenierung von Peter Weiss’ „Ermittlung“ geprobt. Der letzte Tagungstag wurde mit der Filmvorführung von Blutige Beute. Das SS-Raubgold und die verschwundenen Akten (BRD 1998 Oliver Merz, Eric Fiedler, Fritz Frey) eröffnet, wonach einer der Regisseure, Oliver Merz, erläuterte, wie der Film entstand, wer den Film zeigen wollte und was für Zuschauerreaktionen beobachtet werden konnten. Im anschließenden Vortrag „Banken, Firmen und Karrieren im Zwielicht. Zur Aufarbeitung des Themas im Fernsehen seit den 90er Jahren“ erklärte Wilhelm Reschl (Haus des Dokumentarfilms Stuttgart) dass die politischen Magazine in Deutschland einen großen Einfluss auf die Rezeption der jüngeren Geschichte hatten. Ende der 80-er und Anfang der 90-er Jahre, so Reschl, stellte sich eine neue Mediensituation ein, als die öffentlich-rechtlichen Sender Konkurrenz von den privaten Fernsehsendern bekamen. Doch nicht nur der Wettbewerb unter den Fernsehsendern führte zu einem Aufbruch in einen zeitgeschichtlichen Journalismus, Reschl weist auch auf einen neuen Blick auf die Geschichte des Nationalsozialismus hin, der durch die Ablösung der Generationen in den Medienanstalten stattfand und stattfindet. Alia Pagin Foto: Ronny Loewy, copyright: © Jan Pauls [ ► Projekt Cinematographie des Holocaust ] [ ► Datenbank Cinematographie des Holocaust ] [ ◄ zurück: Texte ] · [ ▲ TOP ] · [ weiter ►: Startseite/Home ] · [ E-mail ◄ ] |