"Deutscher Wald, Deutsches Haus…" Der nationalsozialistische Dokumentarfilm zwischen Mystifizierung und „Wissenschaft" Jahrestagung 2002 der Arbeitsgruppe Cinematographie des Holocaust Die Jahrestagung der Arbeitsgruppe Cinematographie des Holocaust – ein Projekt des Fritz Bauer Instituts, des Deutschen Filminstituts und Cinegraph, Hamburgisches Zentrum für Filmforschung, fand in diesem Jahr vom 17. bis 19. Januar 2002 im Filmmuseum München statt. Die Theaterwissenschaftlerin Kerstin Stutterheim eröffnete die Tagung mit ihrem Vortrag über „die Entwicklung des Kulturfilms im ‚Dritten Reich‘". Für ihn gilt, was schon lange vorher auch im Bereich der Literatur angestrebt wurde: eine Verknüpfung von Belehrung und Unterhaltung. Sie erläuterte, dass die Filme im Jahr 1933 mit wiederkehrenden, standardisierten Bildelementen auf eine glückliche Zukunft verweisen und Aufbruchstimmung vermitteln wollen. Von 1933-45 seien die Themen der Filme vielfach die Person Hitlers und das neue Regime, würden zu dieser Zeit jedoch selten als Kulturfilme bezeichnet. Im April/Mai 1933, fuhr Stutterheim fort, werden Filme im Auftrag des Reichspropagandadienstes gedreht, die allgemein den neuen Staat, den Arbeitsdienst sowie Ertüchtigung oder Industriearbeit propagieren. Eine besondere Bedeutung bekommen Disziplin und Sauberkeit in der Industriearbeit, die die Voraussetzung für den Aufbau des neuen Staates ist, bevor sich die Themen des Kulturfilms extrem reduzieren, bis schließlich lediglich noch die Bereiche „Sport" und „Tiere" existieren. Im zweiten Teil ihres Vortrags sprach Stutterheim über „okkulte Weltvorstellungen im Dokumentarfilm des ‚Dritten Reiches‘". Dabei zeigt beispielsweise der Titel Germanen gegen Pharaonen (1939, Anton Kutter – Fragment) bereits deutlich die Ausrichtung des Films: der vermeintliche Auserwähltheitsanspruch nordischer gegenüber anderen Völkern. So findet sich das Bestreben des Okkultismus auch hier, in der Frage, inwieweit es möglich ist, Naturwissenschaften in Frage zu stellen. Der Filmautor Steven Bach, der über „Leni Riefenstahl: Splitter und Sprengsel" sprach, verdeutlichte u.a. anhand eines direkten Vergleichs von Sieg des Glaubens (1933) mit Triumph des Willens (1934) seine Überzeugung, dass Sieg des Glaubens in jeder Hinsicht als eine Probe, ein Übungsstück zum zweiten Film zu betrachten sei. Am Abend gab Regisseur Peter Cohen eine Einführung in seinen Dokumentarfilm Undergangens Arkitektur (Architektur des Untergangs, 1989), der mit Hilfe von kaum bekanntem, aber wichtigem Bildmaterial die oft schon ausgewerteten berühmten Filmdokumente aus der NS-Zeit neu deutet. Cohen zeigt, dass die Verdrängung des Gedächtnisses zu Gunsten einer nostalgischen Neigung zu Kitsch und Tod in der Geschichte geschieht. Er referiert in seinem Film die historischen Ereignisse und die politischen Dokumente und konfrontiert und kommentiert das Unbegreifliche mit der ästhetischen Simplizität, der erschreckenden geistigen Dürftigkeit der pompösen künstlerischen Anstrengungen der Zeit. Mit den Worten Saul Friedländers: Eine „Faszination, die auf intellektuelle Amnesie gebaut ist." Der zweite Tag wurde mit „Städteportraits der Ufa in den 30er Jahren" begonnen, vorgestellt von dem Filmwissenschaftler Jeanpaul Goergen. Im Zeitrahmen von 1933-45 entstanden 21 solcher Portraits bei der Ufa, wobei die Intention bei der „filmischen Gestaltung des Erlebnisses einer Stadt" lag. Der Eindruck von Werbung sollte nicht entstehen. So stellt sich die Frage, welches Bild die Städte in der Zeit des Nationalsozialismus von sich vermitteln. Inszeniert wird, laut Goergen, das Verschwinden der Städte in Landschaft und damit gleichzeitig in Gesichts- und Geschichtslosigkeit. Ästhetisierung erfolgt hier im Sinne einer Entschärfung, so werden beispielsweise Stadt und Natur nie als Gegensätze gezeigt. Einen „filmischen Film" mittels Montage und Bildgestaltung zu schaffen, ist dabei eher als Ausnahme gelungen, so bei Stuttgart – Die Großstadt zwischen Wald und Reben, die Stadt des Auslanddeutschtums (1935) von Walter Ruttmann. In den meisten Fällen, so schloss Goergen, seien diese Städteportraits zwar überzeugende Kurzfilme, doch fehle es ihnen an Kunst. Den Städteportraits folgte „die Architektur des Nationalsozialismus im Film", erläutert von Architekturhistoriker Winfried Nerdinger, der darauf aufmerksam machte, dass Architektur zwar immer auch Kulisse und Effekt sei, jedoch nicht einzeln aufgesplittet werden könne. Ablesbar sei dies beispielsweise im Film Ewige Wache (1936, Dr. Brieger), in dem NS-Ideologie direkt mit der Architektur verbunden und auf diese Weise ein Funktionszusammenhang hergestellt wird. Magdalena Busharts Interesse als Kunsthistorikerin galt dem „Bildhauer im Film", wie zum Beispiel Josef Thorak, einem der bedeutendsten Skulpteure im Dritten Reich. Eine Aufgabe der Bildhauerei zu dieser Zeit bestand darin, Bildschmuck als „Ausdruck der Kräfte" zu gestalten, und so erscheint es geradezu als logische Konsequenz, dass in diesem Vorhaben beispielsweise ein stetes Wachstum auch der Größe der Skulpturen (bis zu 30 m) geplant war. Nach vielen Filmen über monumentale Bauten, Skulpturen und Planungen folgte ein Vortrag ganz anderer Art: Ejal Jakob Eisler präsentierte die von ihm, Horst J. P. Bergmeier und Rainer E. Lotz zusammengestellte CD-BOX „Vorbei… Dokumentation Jüdischen Musiklebens in Berlin 1933-1938 / Beyond Recall… A Record of Jewish musical life in Nazi Berlin 1933-1938" (Bear Family Records, 2001), eine seltene und dabei breit gefächerte Auswahl von Aufnahmen der verschiedensten Musikgattungen. Am Abend führte David Meeker in den Film Ewiger Wald (1936) von Hans Springer ein, der am nächsten Morgen von Alfons Arns in seinem Vortrag „Triumph des Waldes – Die ‚Symphonische Filmdichtung‘ Ewiger Wald" ausführlicher besprochen wurde. Obgleich der Film von den meisten Kritiken der Filmzeitschriften hoch gelobt wurde – beispielsweise wurde diese „Bild-Ton-Symphonie" als Auftakt einer neuen Filmgattung bezeichnet –, ist er bis heute gänzlich unbekannt geblieben. Goebbels und Hitler missfiel er zutiefst, laut der These Arns‘ aus dem Grunde, dass es hier eben nicht um den Führer, sondern um den deutschen Wald geht: Ein ewig währender Rhythmus des Stirb und Werde als Einheitsgesetz von Volk und Wald, der u.a. durch die sich abwechselnden Jahreszeiten versinnbildlicht wird. Auf diese Weise wird hier durch die Reduktion deutscher Geschichte und ihr Einmünden in die deutsche Entwicklung ein Ewigkeitspathos erzeugt. Abgerundet wurde die Tagung durch den Beitrag des Archäologen Tom Stern über „Archäologiefilme im Nationalsozialismus". Diese vermittelten durch streng dokumentarischen Aufbau den Schein einer seriösen Wissenschaft, wobei die Intention darin lag, bereits verinnerlichte Belehrung mit neuer Belehrung zu verknüpfen. Ur- und frühgeschichtliche Epochen wurden, mit besonderem Schwerpunkt auf das Germanentum, den Filmen zugefügt und dienten u.a. dazu, die Herleitung des Besitzanspruches aus der Geschichte zu legitimieren. Der vom Referenten ausgewählte Film Wir wandern mit den Ostgermanen (1934, Walter Fischer), zeigt den Archäologen Lothar Zotz bei einer Grabung, deren Abschluss der vermeintlich am gleichen Ort gemachte Fund einer Schale bildet, auf deren Boden das Symbol des Hakenkreuzes geritzt ist. Diese Einstellung leitet über zu dem von Zotz nicht zu verantwortenden Abschluss des Films, der ein Fahnenmeer mit Hakenkreuzemblemen der NS-Zeit zeigt. Damit schloss eine Tagung, die sich unter anderem durch die vielen gezeigten, weitgehend unbekannten Filmbeiträge zum Thema auszeichnete. Insbesondere der Beitrag zu Ewiger Wald verdeutlichte dabei das Motto der Tagung „Deutscher Wald, Deutsches Haus…", und bot viel Anlass zur Diskussion, warum in der Auseinandersetzung mit den Kriegsjahren gerade der Wald ein immer wiederkehrendes Thema im deutschen Film und in der Diskussion darstellt. Katrin Kokot [ ► Projekt Cinematographie des Holocaust ] [ ► Datenbank Cinematographie des Holocaust ]
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