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Nr. 23 · Herbst 2002

Bericht aus dem Untergrund

Basia Temkin-Bermanowa:
Dziennik z podziemia.
Wstep, oprac, przypisy Anka Grupinska, Pawe Szapiro
[Tagebuch aus dem Untergrund. Einführung, Bearbeitung, Anmerkungen Anka Grupinska, Pawel Szapiro].
Warszawa: ZIH [Jüdisches Historisches Institut], 2000, 389 S., zahlr. Abb., ISBN: 83-7163-289-4, z 38,–

Aus drei Gründen ist die vorliegende Ausgabe des Tagebuchs einer Jüdin, die auf der „arischen" Seite Warschaus die deutsche Besatzung überlebt hat, ein ungewöhnlich beachtenswertes Buch: Erstens wurde es noch während des Krieges, also unter dem unmittelbaren Eindruck des Geschehens und nicht aus der Erinnerung geschrieben. Zweitens ist die Autorin, Ehefrau eines der führenden Mitglieder jüdischer Hilfsorganisationen im Ghetto und später im Untergrund, aktiv in die Unterstützungsarbeit für Juden eingebunden. Und zum dritten besteht fast die Hälfte dieser Buchausgabe aus unverzichtbaren, ausführlichen Anmerkungen zum Hintergrund der Ereignisse.

Das Tagebuch von Basia Temkin-Bermanowa gehört zu den relativ wenigen erhaltenen authentischen Zeugnissen von Juden und Jüdinnen, die den Zweiten Weltkrieg in Warschau überlebten. Es umfasst nur wenige Monate, vom Mai 1944 bis zum Kriegsende Januar 1945. Dass es in allen Ghettos zahlreiche Versuche gegeben hat, schon während der Ereignisse Notizen zu machen und festzuhalten, was vor sich ging, gehört nach Meinung von Teresa Prekerowa zu den paradoxen Auswirkungen der deutschen Besatzungsmacht, die anfangs die jüdische Bevölkerung innerhalb der Ghettos nicht so brutal unterdrückte wie die nicht ghettoisierte polnische. Dadurch konnten in den Ghettos zu Beginn der Besatzungszeit jüdische politische Gruppierungen relativ frei agieren und auch aufgeschrieben und gesammelt werden, was an Informationen über das Geschehen zur Verfügung stand. Das Problem stellte sich jedoch im Zuge der Vernichtung der Ghettos in aller Schärfe: Von den Hunderten oder vielleicht Tausenden von Tagebüchern, Notizen, Selbstzeugnissen und Lebensbeschreibungen, die aller Vermutung nach in den Ghettos entstanden sind, ist nur ein kleiner Bruchteil erhalten geblieben. Zu diesen wichtigen Zeugnissen vom Ort des Geschehens gehört Basia Bermans Tagebuch aus dem Untergrund.

Basia Berman war die Frau von Dr. Adolf Berman, der zu den führenden politischen Figuren des Warschauer Ghettos und später des Untergrunds gehörte. Vor 1939 Schulpsychologe und Berufsberater, kam er, wie Emanuel Ringelblum schrieb, erst durch den Krieg auf einen äußerst wichtigen Posten: Er wurde Leiter von Centos, der Zentralen Fürsorgestelle für jüdische Waisen und verlassene Kinder. In dieser Funktion erhielten er und seine Frau einen Dauerpassierschein, der ihnen im Herbst 1942 die politisch nicht unumstrittene Flucht aus dem Ghetto ermöglichte. Adolf Berman verwaltete und verteilte im Untergrund auf der „arischen Seite" Warschaus einen bedeutenden Teil der Gelder, die aus dem Ausland, vom American Joint und auch zum Teil von der englischen Exilregierung, für militärische Aktionen, aber auch zur Rettung von Juden zur Verfügung gestellt wurden. Er nahm diese Rolle, wie Icchak Cukierman bezeugt, mit „äußerster Ehrlichkeit" wahr. Für die vielen, in der Stadt versteckten und sich stets auf der Flucht befindlichen Juden entstand ein ganzes Netzwerk an konspirativer Hilfe. Adolf und Basia Berman arbeiteten in diesem Hilfswerk durch das von ihm gegründete Jüdische Nationalkomitee an herausragender Stelle mit. Die Verteilung der knappen Hilfsmittel an Juden außerhalb des Ghettos, die immer wieder Opfer von Erpressung oder habgierigen Vermietern wurden, ein neues Versteck suchten, gefälschte Ausweise und das Notwendigste an Kleidung, Lebensmitteln oder medizinischer Hilfe benötigten, bezeichnet Basia Berman als ihre „Arbeit". Bermans waren eine wichtige Anlaufstelle für Juden außerhalb des Ghettos, blieben dabei aber auch stets selbst Verfolgte. Ihre eigenen Probleme werden jedoch eher zurückhaltend thematisiert, stehen allenfalls zwischen den Zeilen und müssen durch die Vorstellungskraft des Lesers ergänzt werden.

Man muss die politische Einstellung der Bermans berücksichtigen, um Basia Bermans Beurteilungen von Persönlichkeiten, Situationen und Entwicklungen einzuordnen. Adolf Berman war bereits vor dem Krieg aktives Mitglied des Poale Zion Lewica, einer kleinen, linkszionistischen Partei. Er gehörte im Oktober 1942 zu den Gründungsmitgliedern des Jüdischen Nationalkomitees und fungierte nach seiner Flucht aus dem Ghetto als dessen Verbindungsmann zum polnischen Untergrund. Dieses Nationalkomitee wird in der Encyclopedia of the Holocaust nicht erwähnt, entfaltete aber eine nicht unbedeutende politische Aktivität innerhalb und ab 1942 auch außerhalb des Ghettos. Berman wurde als Vertreter des Jüdischen Nationalkomitees auch Präsidiumsmitglied des „Rates für Judenhilfe", Zegota. Nach Gunnar S. Paulsson, der die jüdischen Selbsthilfeorganisationen in Warschau während des Krieges beschreibt, bildete das Jüdische Nationalkomitee mit Adolf Berman an der Spitze den Kern der jüdischen Selbsthilfe außerhalb des Ghettos. Diese Aktivitäten wurden jedoch zum Teil von anderen jüdischen Untergrundorganisationen kritisch beurteilt, aus Gründen, die wohl vor allem in der scharfen Konkurrenz um die knappen Finanzmittel, aber auch in der unterschiedlichen politischen Orientierung einzelner beteiligter Gruppen lagen. Dank ihrer aktiven Mitarbeit in einer linkszionistischen Partei galten Bermans als zionistisch wie als politisch links, was sie in politischen Konflikt sowohl mit dem Bund als auch mit den bürgerlich-zionistischen Parteien brachte. Nach einem kurzen „Flirt" mit der kommunistischen Nachkriegsregierung – Adolf Bermans Bruder Jakub war bis 1956 Chef der polnischen Staatssicherheit – emigrierten Adolf und Basia Berman 1950 nach Israel.

Basia Berman, zu Beginn des Krieges Anfang 30 und von Beruf Bibliothekarin, will in dieser „Stadt in der Stadt", wie sie selbst es nennt ,,Chronistin des Geschehens" sein. Die Anzahl der Juden, die sich in Warschau auf die „arische Seite" retten konnten, betrug geschätzte 17–25.000 und damit mehr als die jüdische Bevölkerung ganz Skandinaviens. Überlebt haben davon knapp die Hälfte. „Fast alle Unterlagen über unser Leiden, unseren Kampf, unsere Arbeit sind bereits vernichtet, die letzten Bruchstücke unseres Wissens tragen wir unter Lebensgefahr immer mit uns", notiert die Autorin. Sie bemüht sich nicht nur, die eigenen Erlebnisse zu bewahren, sondern auch alles, „was wir aus zweiter Hand erfuhren, alles, wovon wir Kenntnis erhielten." Dennoch fragt sie sich selbstkritisch und deprimiert nach dem Sinn ihrer Aufzeichnungen: „Es gibt fast niemand mehr, für den ich schreibe, alle sind umgekommen."

Was in dieser Situation Alltag heißt, macht sie an scheinbaren Banalitäten deutlich, etwa bei der Beschaffung der überlebenswichtigen falschen Ausweise: Zehn verschiedene Fläschchen Tinte müssen gekauft werden, bis man genau den im Originaldokument verwendeten Farbton trifft. Oder die endlosen und sich ständig verändernden bürokratischen Anforderungen der deutschen Besatzungsmacht, die in Anmeldeformularen beispielsweise auch die Angabe der letzten zwei „legalen" Adressen verlangte, was eine Kette weiterer Gefahrenpunkte nach sich zieht: Die Gefahr von Erpressungen, notwendige Bestechungen, häufiges Verlassen einer Umgebung, in der man gerade angefangen hatte, sich einzugewöhnen und „bekannt" zu sein.

Das Leben außerhalb des Ghettos, das die Bermans mit Hilfe eines Dauerpassierscheins schon vor ihrer endgültigen Flucht im Herbst 1942 kennen gelernt hatten, fällt Basia Berman anfangs so schwer, dass sie freiwillig in ihr „schandbares Gefängnis" zurückkehrt, ein Verhalten, das man auch aus anderen Memoiren kennt. Es ist das grundlegende Gefühl, in einer fremden und meist auch feindlichen Umgebung „außerhalb" zu sein. Nur im Ghetto selbst fühlt Basia sich „sicher und zu Hause", obwohl sie selbst darüber reflektiert, dass die Mehrzahl der jüdischen Ghettobewohner wohl auch vor dem Krieg so gut wie nie ihre jüdisch geprägten Wohnviertel verlassen habe, während sie und ihr Mann vor 1939 wie „normale Leute", d.h. wie Nichtjuden, gearbeitet und gewohnt hätten. Basia Berman, Batja, die „allmächtige Zauberin", wie sie einer ihrer Schützlinge nennt, organisiert, hilft, versorgt, tröstet, flüchtet selbst, wechselt zuweilen täglich unter grotesk schwierigen Umständen den Aufenthaltsort, den Schlupfwinkel, immer besorgt um ihren mit anrührender Fürsorge bedachten Ehemann.

Durch die Beschreibung der Überlebensstrategien von Ghettoflüchtlingen werden auch, quasi unabsichtlich und nebenbei, die polnisch-jüdischen Beziehungen zu einem der wichtigsten Themen des Tagebuchs: Die Habgier von Hauswarten, die Hilfsbereitschaft von Straßenbahnschaffnern oder Behördenangestellten, von Ärzten, die ohne zu fragen und ohne Honorar behandelten, Schilderungen von Priestern, die halfen und Priestern, die sich versagten, und nicht zuletzt der „Megärenweiber", die Menschen von „schlechtem Aussehen" – dies die schreckliche, umgangsprachlich bis heute allgemeinverständliche Formulierung für semitische Gesichtszüge – verrieten, all dies entschied mit über das Schicksal der von den Deutschen zum Tode verurteilten Juden, versteckt und auf der Flucht außerhalb des Ghettos.

Das Buch liest sich nicht einfach, man muss es mit zwei Lesezeichen lesen, besteht doch fast die Hälfte des Gesamttextes aus über 500, zum Teil mehrere Seiten umfassende Anmerkungen der Herausgeber. Nach Meinung von Anka Grupinska und Pawe Szapiro lässt sich, und hier ist ihnen nur zuzustimmen, ein solches Tagebuch nicht ohne breites Hintergrundwissen verstehen. Aus über hundert Publikationen und auf Grund eigener Archivrecherchen – vor allem im Berman-Archiv in Israel – haben die Herausgeber Fakten, Informationen und Erklärungen zusammengetragen, die in ihrer Gesamtheit aus diesem Tagebuch der Basia Berman fast ein Nachschlagewerk zum Warschauer Ghetto, zum Leben im Untergrund auf der „arischen Seite" und zum Warschauer Kriegsalltag machen. Nicht nur, dass sämtliche Namen, die Basia Berman aus konspirativen Gründen nur als Initialen oder als Kryp-tonyme angibt, entschlüsselt sind, viele Anmerkungen geben Einzelheiten wieder, die zumal einem deutschen Leser eher unbekannt sind. Dazu zählen in erster Linie die Informationen über die finanzielle Seite der jüdischen Selbsthilfe, die Geldquellen, Verteilungswege und Verteilungskämpfe, die innerjüdischen Dispute um diese Mittel, die Machenschaften der polnischen Regierungsvertretung oder der Heimatarmee, die versuchten, den jüdischen Vertretern für Juden bestimmte Gelder der Exilregierung zum Teil vorzuenthalten oder über ihren Verwendungszweck mitzubestimmen.

Die Anmerkungen werden ergänzt durch zahlreiche, bislang unbekannte Fotos aus dem Warschauer Kriegsalltag auf der so genannten arischen Seite: Straßenszenen, Cafébesucher mit ernsten Gesichtern, lachende Verkäuferinnen, deutsche Soldaten im alltäglichen Umgang mit Einwohnern der Stadt. Das Fotomaterial stammt aus dem Jüdischen Historischen Institut in Warschau.

Die ausführlichen Informationen im Anmerkungsteil vermitteln die notwendigen Fakten, durch die die vorliegende Ausgabe des Tagebuchs der Basia Berman, das bisher nur 1956 in Israel veröffentlicht wurde, seine herausragende Bedeutung gewinnt.

Victoria Pollmann, Frankfurt am Main


aus: Newsletter zur Geschichte und Wirkung des Holocaust · Nr. 23 · Herbst 2002
copyright: © Fritz Bauer Institut und die Autorin

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