| Rezensionen Newsletter Nr. 23 · Herbst 2002 |
Das Phänomen Hitler Paul Matussek, Peter Matussek, Jan Marbach: Mit den Sätzen: „Keine Figur der Weltgeschichte wurde ausführlicher erforscht und beschrieben als Hitler. Hunderttausende von Büchern und Artikel sind über ihn erschienen, doch scheinen sie den Eindruck seiner Unbegreiflichkeit nur vergrößert zu haben", beginnen die Autoren, ein Psychiater, ein Kulturwissenschaftler und ein Soziologe, ihre hervorragende Beschreibung der psychologischen und sozialen Dimension des Phänomens Hitler. Die wichtigsten theoretischen Grundlagen zu dieser Studie hat zweifellos der emeritierte Psychiater Paul Matussek mit seinen Arbeiten zur Konzentrationslagerhaft und zur analytischen Psychosetherapie geliefert, während die gelungene Darstellung der sozialen Dimensionen und ihrer Vernetzung mit den individuellen Seiten der Persönlichkeit Hitlers sich den beiden anderen Autoren verdankt. So entstand eine neue Beschreibung des Phänomens Hitler im Kontext seiner Zeit, aus der interessierte Leser eine Vielzahl von detaillierten lebensgeschichtlichen Ereignissen erfahren und nachvollziehen können, wie sich gewisse bizarre Verhaltensweisen des jungen Hitler mit zunehmender Ich-Entleerung hin zu seinen psychotischen „Führerqualitäten" steigerten, die dann in den gesellschaftlichen Möglichkeiten seiner Zeit auf neue Weise verständlich werden. Die Autoren: „Mit unserem neuen Ansatz der psychohistorischen Hitlerforschung wollen wir die Einseitigkeiten eines entweder nur sozialgeschichtlichen oder nur psychiatrischen Vorgehens vermeiden und den Blick frei machen für die genannten Wechselwirkungen, die sich aufgrund ihrer kulturanthropologischen Disponiertheit jederzeit wiederholen können." Ihre Untersuchung zieht bewusst Vergleiche mit den Aussagen der bedeutendsten Forscher in diesem Bereich. Die Notwendigkeit der Studie als Mahnung vor einer Wiederholbarkeit des „Hitlerismus" wird aufgezeigt. Für psychiatrisch Interessierte wird ausführlich die sozialpsychiatrische Dimension eines erweiterten Psychose- und Schizophreniebegriffs diskutiert und damit die potentiellen Möglichkeiten eines Psychotikers unter entsprechenden sozio-kulturellen Bedingungen deutlich gemacht. Hitlers psychotische Symptome und ihre Auflösung bzw. Transformation in seine bizarre, aber von der großen Mehrheit der Deutschen als faszinierend erlebte und akzeptierte Führerrolle werden detailliert beschrieben. Seine begeisternden Propagandareden, die als Quelle von Gefolgschaftstreue und Gewaltbereitschaft, von Unterwerfungsritualen und Kritiklosigkeit verstanden wurden, sind für uns heute kaum noch nachvollziehbar, gewinnen jedoch durch die Einsicht in die Vernetzung von gesellschaftlichen und psychotischen Dimensionen beängstigende Qualitäten. Im Mittelpunkt der Untersuchung und Beurteilung der psychotischen Struktur Hitlers stehen Überlegungen zur Unterscheidung zwischen dem öffentlichen und privaten Selbst. Die Autoren stützten sich hierbei u.a. auf die Unterscheidung zwischen „persönlichem Ich" und „sozialem Ich" bei Mitscherlich, zwischen „handelndem Ich"(I) und „Selbst als Objekt" (me) bei Mead, zwischen Winnicotts „wahrem Selbst" und „falschem Selbst" sowie auf Kohuts Begriff des „bipolaren Selbst". Entscheidend hierbei ist die Vorstellung, dass sich das öffentliche Selbst auf Kosten des privaten Selbst soweit entfalten kann, dass faktisch alle Beziehungsgefühle, Ambivalenzen und Empathien des privaten Selbst verloren gehen und damit Rücksichtnahme und Einsicht in das Erleben anderer und in die eigenen Begrenzungen nicht mehr möglich sind. In der Extremform entsteht eine gefühlskalte wahnhafte Beziehung zur Welt, wie wir sie typischerweise bei schizophrenen Patienten finden. Hitlers Wahnkarriere wird aus psychodynamischer Sicht an Hand einer Vielzahl von Einzelberichten aus seiner Lebensgeschichte auf diesem theoretischen Hintergrund untersucht: Seine Kindheit, in der es frühe Anzeichen einer Persönlichkeitsspaltung gab, die verlängerte Pubertätsphase mit Erlebnissen, welche die verbauten Wege zur Gemeinschaft deutlich machen, die Rolle des Helden und Sonderlings als Soldat im Ersten Weltkrieg, der Aufstieg zum begeisternden Redner, der seine Wahnvorstellungen zwar manieriert, aber sozial akzeptiert entfaltet und sie damit krankhafter Zuordnung entzieht, die psychotische Kontaktunfähigkeit als „Führer des deutschen Volkes", beschrieben als „auratisches Symptom", das beim Betrachter eigene Sehnsuchtsphantasien und imaginative Energien freizusetzen vermag, die Anziehungskraft auf Frauen, die als Folge abgewehrter perverser Sexualeinstellungen und fehlender Intimität verstanden wird und in Einzelfällen bei den Frauen, die ihn verehrten, zum Suizid führte, und schließlich die paranoiden Dimensionen seines Antisemitismus, die sein ganzes Leben durchziehen und seine psychotischen Wahnvorstellungen als ideales Konzentrat und Auffangbecken für abgewehrte Frustrationen verstehen lassen, die entlastend auf die Außenwelt projiziert werden können und dabei dazu beitragen, begeisterte und treue Gefolgsleute zu gewinnen. Die erstaunliche Vielzahl von nachgewiesenen Erlebnissen und Verhaltensweisen Hitlers sowie ihre detaillierte Aufarbeitung im jeweiligen soziokulturellen Kontext ist schon faszinierend. Die kulturhistorischen Aspekte des Hitlerwahns, denen ein eigenes Kapitel mit allein 55 Seiten gewidmet wurde, lassen sich durch die bereits beschriebenen psychosozialen Vernetzungen in neuer Weise vertiefen. Untersucht werden die Vorgeschichte von Hitlers Hasspropaganda und die Rahmenbedingungen für den rhetorischen Erfolg sowie „die Überwältigungskraft" seiner Parolen. Der Unterschied zwischen „Volkstumskampf" und Klassenkampf in den Reden und Taten Hitlers sowie die Funktion des Führerkults wird herausgearbeitet. Die Komplexitätsreduktion und der „Hitlerismus als konsistente Weltanschauung" während der Nazizeit werden detailliert beschrieben. Schließlich belegt die Studie die „verkannte Entschlossenheit" Hitlers, seine Eigenschaft, Vorstellungen vor allem zur „Ausrottung der jüdischen Rasse", die er bereits in der Pubertät in sich aufgenommen und später in seinen Reden und Schriften immer wieder aufgegriffen hatte, konsequent durchzusetzen. Hie-rauf basiert das abschließende Kapitel des Buches, das sich mit der Schuldfähigkeit Hitlers auseinandersetzt. Ganz besonders angesprochen haben mich die theoretische Konzeptualisierung, der Stil und die Informationsvielfalt des Buches. Alfred Drees, Krefeld aus: Newsletter zur Geschichte und Wirkung des Holocaust · Nr. 23 · Herbst 2002 [ Rezensionen NL 23 ] · [ Startseite/Home ] · [ Aktuell ] · [ Inhalt/Sitemap ] · [ E-mail ] |