| Rezensionen Newsletter Nr. 22 · Frühjahr 2002 |
Literarische Realitätsgeschichte Robert Menasse: Ein regnerischer Tag in Amsterdam. Ein Museumsbesuch aus Langeweile. Dort im Museum sieht Robert Menasse ein Bild, unter dem er zu seinem Erstaunen seinen Namen liest: R. Menasse. Erst auf den zweiten Blick erkennt er seinen Irrtum. Denn das Rembrandtporträt stellt vermutlich den Amsterdamer Rubi Menasseh Ben Israel dar. (Der Rubi ist ein von der Gemeinde zu Lehrzwecken abgestellter, dem Rabbi untergeordneter Religionsgelehrter.) Doch Menasses Interesse ist geweckt. So, oder so ähnlich jedenfalls, schilderte Menasse auf einer Veranstaltung zum Thema Kunst und Erinnerung den Zugang zum Stoff seines neuen Romans Die Vertreibung aus der Hölle. Wer Menasses bisheriges Schaffen kennt, konnte sich denken, dass er es kaum bei schlichter Ahnenforschung belassen würde. Menasse hat sich als Literaturtheoretiker, Philosoph und Schriftsteller an der Synthese von begrifflicher und sinnlicher Erkenntnis versucht. Mit seiner Roman-Triologie Sinnliche Gewissheit, Selige Zeiten, brüchige Welt und Schubumkehr plus der literarisch schwer einzuordnenden Phänomenologie der Entgeisterung kann dieser Versuch nur als gelungen bezeichnet werden. In der Triologie entwickelt er den Gedanken eines „umgekehrten Bildungsromans". Ihre Helden schreiten die Stufen vom vermeintlichen absoluten Wissen zur sinnlichen Gewissheit hinab, bis im letzten Roman der Triologie die als ausgelagertes Gedächtnis verwendete Videokamera nur noch ein Flimmern wiedergibt. Das erstaunliche bei der Lektüre ist, dass der gewendete hegelianische Gedanke kein permanentes Klappern im Gang der Erzählung auslöst, sondern ihre Protagonisten ohne weiteres als Zeitgenossen und gute Bekannte durchgehen. Außerdem veröffentlichte er mit Land ohne Eigenschaften und Erklär mir Österreich Essays zur Kulturgeschichte der zweiten Republik in Österreich. Mit seinem neuen Roman wendet sich Menasse biographischen wie geschichtlichen Fragen gleichermaßen zu. Die Erzählung vollzieht sich in zwei Strängen: Da ist Viktor Abravanel, das Erzähler-Ich der Geschichte, der sich im Österreich der neunziger Jahre mit seinen ehemaligen Internatskameraden zur 25-jährigen Matura-Feier trifft und dort für Aufruhr sorgt, indem er die NSDAP-Mitgliedsnummern seiner größtenteils anwesenden Lehrer und Lehrerinnen vorliest. Nach diesem Eklat bleibt einzig Viktors Jugendliebe Hildegund zurück. Die beiden lassen sich das Menü für dreißig Personen auftragen und Viktor erzählt die Leiden seiner Kindheit sowie der Internats- und Studentenjahre und lässt dabei keine Gelegenheit aus, Hildegund anzubaggern. Und da ist Mané, alias Manoel, alias Samuel, der Sohn von Gaspar Rodriguez Nunes und Antonia Soeira aus Lissabon, die wegen der heiligen Inquisition fliehen müssen. Jener Mané ist es, aus dem später der namhafte Amsterdamer Rubi werden soll, der in Verhandlungen mit Cromwell im 17. Jahrhundert das Siedlungsrecht für Juden in England wieder herstellt. Menasse gelingt eine beeindruckende Schilderung dieser Lebenswege, die eigentlich Irrwege von Nachgeborenen der Inquisition in Portugal und des Holocausts, Angehörige der „zweiten Generation", sind. Mané erzählt man nichts von seiner jüdischen Herkunft, weil ein Kind sich zu leicht verplappern könnte. Seinen Vater empfindet er als einen schwächlichen, zurückgezogen lebenden Versager, der ihm keinerlei Vorbild ist. So spielt Mané mit den anderen Kindern „Schweinejagd", versucht die im Geheimen lebenden Juden aufzuspüren und entwickelt dabei ungeahnte Talente. Auch Viktor fühlt sich in seiner Familie fremd, bis er nach der Scheidung der Eltern ins Internat verbannt wird. Das Leben im Internat, Menasse hat es selbst durchlitten, schildert er als eine oft unterschätzte Tortur mitsamt den noch nicht völlig verarbeiteten Wirrnissen der Pubertät, die gelegentlich ein Schmunzeln zulassen. Ein Schmunzeln, das in der lebensbedrohlichen Jesuitenschule, in die Mané nach der Inhaftierung seiner Eltern gesteckt wird, nicht mehr möglich ist. Die Geschichten von Viktor und Mané durchdringen sich immer weiter. Bald schon stellt sich heraus, dass Viktors Familienname Abravanel jener bekannten jüdischen Familie entstammt, aus der dereinst nicht nur der Messias entspringen soll, sondern in die der Amsterdamer Rubi seinerzeit einheiratete. Zudem ist Viktor Historiker mit dem Spezialgebiet Frühe Neuzeit geworden und soll demnächst einen Vortrag über den Lehrer von Spinoza, keinen geringeren als unseren Rubi Menasseh ben Israel, halten. So führt Menasse Gegenwart und Vergangenheit zusammen. Die Parallelisierung der beiden Biographien glückt nicht immer, auch wenn man dem Roman anmerkt, dass Menasse viel Zeit in Archiven verbracht hat. Die Unverstandenheit in der Kindheit, die Verbannung in Internat und Jesuitenschule und letztlich der Bann aus der ersehnten Heimat der jüdischen Gemeinde in Amsterdam und dem linken StudentInnenmilieu im Wien der siebziger Jahre sind zu eng aneinander gerückt, um glaubhaft zu wirken. Es entsteht der Eindruck einer allzu willkürlichen Konstruktion, die Menasse allerdings kaum zufällig unterlaufen sein dürfte. So erhebt sich die Frage, was Menasse mit der Parallelisierung der beiden Biographien im Sinn hat. Geht es ihm darum, den gegenwartsgeleiteten Blick auf die Vergangenheit kenntlich zu machen, oder wird hier behauptet, die Geschichte zweier jüdischer Personen weise vor ihrem jeweiligen geschichtlichen Hintergrund – der Inquisition in Portugal im angehenden 17. Jahrhundert und dem Holocaust – entsprechende Parallelen auf? Vielleicht liegt die Antwort auf Menasses Haltung zur Geschichte in der Lektion, die der kleine Mané nach Beendigung der Jesuitenschule lernen muss. Denn Mané erfährt, dass die Wörter nicht bedeuten, was sie scheinen, man muss sie auslegen, um ihnen Sinn zu verleihen, ganz anders als es die Buchstabentreue der christlichen Bibelexegese vorsieht. Durch die intelligible Auslegung lässt sich den Christenmenschen nach überstandener lebensbedrohlicher Konvertierung versichern, „wir glauben an ein Leben nach dem Tod", ohne den Verstand zu verlieren. Konsequent rückt Menasse den Gedanken, dass man Realität und Geschichte nicht einfach abbilden kann, in die Gegenwart. So erweist sich die Decouvrierung von Viktors Lehrern als „Lüge". Viktor hatte leicht variiert deren Geburtstage vorgelesen, der historischen Wahrheit und seiner persönlichen Abscheu aber freilich einen Gefallen getan. Es ist die Fähigkeit seiner Protagonisten, sich gegenüber der Faktizität der Welt zu behaupten, die Fakten neu anzuordnen, die Menasse interessiert und die der Erzählung das Leben einhaucht, das sie von jeder historischen Annäherung unterscheidet. Und das gilt auch für ihr Verhältnis zur Geschichte. Die vielen Parallelen in den Biographien von Victor und Rubi Menasseh künden von der ewigen Wiederkehr des geschichtlichen Ablaufs. Aber gerade deswegen kommt es auf seine Veränderung an. Menasses Blick zielt darauf, sich von der Geschichte – und vielleicht die Geschichte von sich selbst – zu befreien. Man muss an der Realität schon ein wenig drehen, um ihr ein bißchen Wahrheit zu entlocken. Denn historische Wahrheit erschließt sich keinem Realismus der Fakten, vergleichender Betrachtung oder einfühlsamer Interpretation, sondern bedarf – zumal in ihrer literarischen Inszenierung – der Entschlossenheit des spekulativen Denkens. Michael Elm, Frankfurt am Main aus: Newsletter – Informationen des Fritz Bauer Instituts · Nr. 22 · Frühjahr 2002 [ Rezensionen NL 22 ] · [ Startseite/Home ] · [ Aktuell ] · [ Inhalt/Sitemap ] · [ E-mail ] |