| Rezensionen Newsletter Nr. 22 · Frühjahr 2002 |
Schreiben im Bewusstsein von „Auschwitz" Stephan Braese: Nicht immer werden „Gegenbücher" so explizit geschrieben, wie dies 1949 der emigrierte Schriftsteller Peter de Mendelssohn in seinem „Tagebuch zu Ernst Jüngers Tagebuch" tat. Er beschrieb hier seine flüchtige persönliche Begegnung mit dem Autor der Marmorklippen in Ravensburg, seine Fahrt von Konstanz über Zürich und Genf nach Genua und die dabei entstandenen Eindrücke seiner Lektüre von Strahlungen, den Kriegsaufzeichnungen des Wehrmachtssoldaten, die dieser seinen „geistigen Beitrag zum Zweiten Weltkrieg" genannt hatte. Peter de Mendelsohn erkannte an dem rhetorischen Glanz der Jüngerschen Strahlungen, wie er schrieb, viel „Gedankenkitsch", „solipsistische Unerträglichkeit" und „etwas eigentümlich Barbarisches", und er nannte seinen eigenen Text deshalb programmatisch Gegenstrahlungen. Sein Erschrecken vor der in dem Text manifestierten „Starre", jener eigentümlich „natürlich" gewordenen Pose, mit der der Hauptmann Jünger „Haltung" als Antwort auf jede Verunsicherung beschwor, war vor allem darin begründet, dass man den Text von Jünger durchgängig als „Rechtfertigungsschrift" lesen konnte, ja, dass er sich regelrecht als ein „Handbuch und Wegweiser" für die Frage „Wie entnazifiziere ich mich selbst?" gebrauchen ließ. De Mendelssohn erweiterte hier seine Beobachtungen zu Jünger zu einer kritischen Betrachtung der deutschen Nachkriegsmentalität, weil er voraussagte, dass dieses Buch „eine enorme Bedeutung für die zukünftige Geisteshaltung der Deutschen" erhalten werde – und das nicht obwohl, sondern weil es „historisch unlauter" verfuhr. Der „kaleidoskopartige Wechsel von Luzidität und Nebulosität, von Vogel- und Käferperspektive", der die Jünger’schen Aufzeichnungen durchzog, erschien dem jüdischen Kommentator als Antwort auf Nationalsozialismus, Vernichtungskrieg und totalen Zusammenbruch „außerordentlich und ausschließlich deutsch": Weltanschaungsrhetorik statt Beschreiben der Realität, ein „Bedürfnis nach der Formel" statt Einsicht in Irrtümer und Widersprüche. Jüngers Text ließ für den jüdischen Remigranten eine andere Lektüre nicht zu. Und so beschloss er seine Kritik mit einer Abschiedsgeste: „Der Mensch hat das Recht, seine Meinung zu ändern. Er hat das Recht, zu sagen: ich habe mich geirrt, ich habe die Wegelagerer für reisende Barone und Gutsbesitzer gehalten. Er hat das Recht, ja die Pflicht, sich aus seinen Sackgassen zu befreien und weiter zu schreiten. (...). Was man nicht muss: sich nachher einreden lassen, dem allen liege ein Plan, ein Muster, ein Gesetz zugrunde, es sei nicht anders gegangen." Es war über diese Enttäuschung hinaus die „totale Blindheit, diese völlige Unfähigkeit, die andere Seite zu sehen", die de Mendelssohn bei Jünger abstieß. Nicht die Irrtümer, aber die „manische Beharrlichkeit", mit der Jünger diese mit retrospektivem Sinn versah, machte ihn in den Augen des jüdischen Schriftstellers zu einer „westeuropäischen Kulturmimose". Stephan Braeses Buch Die andere Erinnerung beschäftigt sich nicht mit Jüngers Strahlungen und nicht mit de Mendelssohns Antwort darauf. Aber er hat eine Arbeit vorgelegt, die die textuellen Dichotomien nach 1945 deutet, die an diesen beiden Tagebüchern beobachtet werden können. Er hat eine Analyse jener Konstellation des „Gegenüber" geschrieben, die jüdische Autoren deutscher Sprache unweigerlich in eine Erinnerungsdifferenz zum Gros der deutschsprachigen Autoren geraten ließ, und er gelangt dabei zur Beschreibung ähnlicher Konfliktzonen, wie die, die de Mendelssohn auf seiner Reise Ende 1949 notiert hatte. Die „Nicht-Teilhabe" an der kollektiven Erfahrung der Mehrheit der Deutschen, wie sie Braese an Hildesheimer, Hilsenrath und Grete Weil exemplarisch aufzeigt, führte seinerzeit ins Abseits des offiziellen Literaturbetriebs und konstituierte dort am Rande und von Beginn an eine Gruppe, die es eigentlich nicht gab, denn deren Einzel-Erfahrungen sind keineswegs kongruent gewesen. Wolfgang Hildesheimer z.B. arbeitete in diesen Monaten in Nürnberg als Simultandolmetscher für die Folgeprozesse der amerikanischen Militärregierung. Edgar Hilsenrath hatte das Vernichtungsghetto Moghilew-Podolsk in der Ukraine überlebt und rettete sich 1945 nach Palästina, wo er als Krankenpfleger arbeitete; 1947 bestieg er in Haifa das Schiff nach Marseille, von wo aus er erstmals seine Familie in Lyon aufsuchte. Grete Weil, die den Zweiten Weltkrieg in einem Amsterdamer Versteck überlebt hatte, kehrte in dieser Zeit nach Deutschland zurück und sah sich deswegen regelrechten Warnungen durch Freunde und Bekannte ausgesetzt, die sie zu ausführlichen Erklärungen über diese Rückkehr nötigten. Die apodiktische Definition des Verhältnisses von Rückkehrern und Heimat, wie sie zur selben Zeit von Alfred Andersch formuliert wurde, konnte ihr dabei wohl kaum helfen, denn dieser verlangte von den Remigranten die „Verwandlung des streitenden Ressentiments" und der „leidenden Enttäuschung" in eine „Objektivierung der Nation gegenüber". Eine von Andersch zugleich vorgenommene reflexartige Zurückweisung der „Kollektivschuld" als „Absurdität" markiert in diesem Zusammenhang weniger den Beitrag eines Einzelnen zu einer offenen Debatte, als vielmehr den nach dem Konsens der Mehrheit heischenden Versuch einer Formierung des Diskursfeldes, auf dem überhaupt diskutiert werden durfte. Es ging nicht um Wortmeldungen an sich, sondern um die Bestimmung der Bedingungen, unter denen Wortmeldungen toleriert wurden. Noch Anfang der 60er Jahre, als der amerikanische Intellektuelle George Steiner mit Blick auf das „große Schweigen" zum Nationalsozialismus anmerkte, in Deutschland rede man sich und anderen ein, „das Vergangene habe irgendwie gar nicht stattgefunden", und John McCormick von Deutschland als einem „frozen country" sprach, reagierte man mit einem Aufschrei der Empörterung über diesen „Wirrsinn" und „Pfusch" und die „Ressentiments" und bezeichnete die Verfasser als „Bespeier", „Übelwollende" und „Masochisten". Solch überschießende Reaktionen wertet Stephan Braese als ein „Selbstbildnis der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur" (S. 90), die zu dieser Zeit nicht in der Lage war, einen Umgang mit der „anderen Erinnerung" zu finden. Auf dem berühmten Berliner Schriftstellerkongress im November 1947 wurde v.a. Alfred Anderschs Formel von der „Voraussetzungslosigkeit" zur gedanklichen Grundierung des „Neuanfangs". Die Folgen eines solchen deutschen Gründungsmythos waren, wie Braese deutlich macht, mit Retuschen an den historischen Sachverhalten verbunden; an einer „Geschichte" mithin, die zu dieser Zeit ja noch gar keine ferne Vergangenheit darstellte, sondern vielmehr Gegenwart war. Es hat mit dem Material wie mit der Komplexität der Fragestellung zu tun, dass Braese immer wieder paradoxe Sachverhalte darzustellen genötigt ist. Während auf deutscher Seite die vorangegangene Katastrophe in eine Vorvergangenheit verlegt wurde, lange bevor sie „Geschichte" war, waren Hildesheimer, Hilsenrath und Weil, denen das exemplarische Interesse Braeses gilt, ganz konkret und biographisch mit den Folgen von Vernichtung, Verbrechen, Mord, Flucht und Remigration konfrontiert, ohne sich dabei sogleich und bewusst einem Schreiben im Bewusstsein von „Auschwitz" zuzuwenden. Doch genau dieses etablierte sich bei allen dreien in den Folgejahren. Zwar entstand es am Rande des Literaturbetriebs und war nur ohne Erfolg zu haben – aber es artikulierte sich öffentlich und es gelang nicht zuletzt deshalb, weil es „Einsicht in die Verschiedenheit deutscher und jüdischer Erinnerung" hatte und diese Einsicht „zum Gegenstand der Romanhandlung" machte (S. 111). Grete Weils Roman Tramhalte Beethovenstraat (1963), ein kompositorisch überaus komplexer Text, in welchem die Zuschauerrolle eines jungen deutschen Journalisten während einer nächtlichen Razzia im Amsterdam des Jahres 1942 eingesetzt wird, um die deutschen Schwierigkeiten mit dem Konstatieren der Wirklichkeit aufzuzeigen, fiel bei der Kritik einhellig durch. Man fragte nach dem „Ethos" des Romans, welches ihm seinen „ragenden Sinn" verliehen hätte, und fand nichts dergleichen, stattdessen „fast ausschließlich physische und psychische Perversitäten". Man „lobte" auf reichlich zwiespältige Art und Weise das „Wagnis" des Vorhabens, nämlich „die Elegie der Verfolgungen und Agonien von neuem anzustimmen", oder man konstatierte knapp und bündig, es gehe nicht an, „ein ganzes Volk kollektiv dazu zu zwingen, die Vergangenheit zu bewältigen." Hilsenraths Roman Nacht beschrieb einen historischen Kontext so drastisch, dass die Erstausgabe seines Buches nur unter größten Gutachter-Querelen den Verlag passierte und dann in einer Miniauflage von 1250 Exemplaren erschien, von der nur rund die Hälfte verkauft wurde – eine Tatsache, die der Autor später im Rückblick zu Recht „Verschwinden-Lassen" nannte. Sein Bericht von den Überlebensversuchen seines Helden Radek im transnistrischen Ghetto zwischen Juli 1941 und März 1944 führte den Alltag in einem Vernichtungsghetto in episodischen Szenen vor Augen. Der hier geschilderte Wechsel von schierem Überlebenskampf und dem Ringen um die letzten Reste menschlichen Selbstwertgefühls mussten in einer Zeit, in der die kitschige Sentimentalisierung des Tagebuchs der Anne Frank für das Ereignis „Judenvernichtung" stand, regelrecht aus der Zeit fallen: In der Tat tauchten in der Rezeption die Epitheta „katastrophal", „obszön" und „pornografisch" auffallend oft auf. Auch Wolfgang Hildesheimers Text Tynset enttäuschte die Erwartungen des Lesepublikums. Seine vorsichtigen und tastenden Suchbewegungen in einer „unbewältigten Gegenwart" (Wolfgang Hildesheimer) konnten nicht dechiffriert werden, sondern wurden als misslungener Roman abgetan: „Eigenwilligkeit", „Panorama leerer Gemeinplätze" und „breit wuchernder Ekklektizismus" waren noch die freundlicheren Wertungen. Der Rezensent der Bremer Nachrichten verwahrte sich unverhohlen dagegen, „mit der privaten Situation des Schreibens" und seiner „Problematik" behelligt zu werden: „Sie aber ist so fesselnd nicht, als dass er uns für sie durchgängig interessieren könnte." Stephan Braese hat mit Die andere Erinnerung ein fulminantes Buch vorgelegt (der Titel fand allerdings schon einmal in der 1989 vorgelegten Sammlung von Interviews Verwendung, die Hajo Funke mit exilierten jüdischen Wissenschaftlern durchgeführt hat). Neben den durchgängigen genauen Detailbeobachtungen, der umfassenden Kontextualisierung und der souveränen Linienführung durch das umfangreiche Material sind vor allem drei Gründe zu nennen, die seine Arbeit auszeichnen. Hervorzuheben ist erstens der Gesamtaufbau und der an Arbeiten von Klaus Briegleb und Sigrid Weigel anknüpfende Zugriff auf ein bereits umfangreich untersuchtes Forschungsfeld. Sein voluminöses Buch kapriziert sich in Abgrenzung zur bisherigen Germanistik gerade nicht auf die bekannten Größen der deutschen Nachkriegsliteratur, also auf Böll, Koeppen, Grass und Lenz, wie sie z.B. die Amerikanerin Ernestine Schlant in ihrem gleichzeitig erschienenen Buch Die Sprache des Schweigens (2001) einmal mehr zum Thema gemacht hat. Braese erzählt stattdessen eine „verborgene Geschichte" der deutschen Literatur nach 1945. Er hat dabei gar nicht primär die Absicht, unser kanonisiertes Wissen über die Entwicklung der deutschen Literatur der Bundesrepublik zu revidieren, und doch passiert dann genau dies trotzdem, fast beiläufig und ohne Effekt, vom Autor nicht behauptet, sondern im Detail entfaltet, theoretisch versiert durchgeführt und plausibel begründet. Zweitens thematisiert Braese vergessene oder zu Unrecht missachtete Autoren nicht lediglich in moralischer Absicht, indem er den Skandal der individuellen Tragödien ihrer Randständigkeit nacherzählt und zu korrigieren versucht. Es ist dies eine Arbeit über Außenseiter des Literaturbetriebs und eine diskursanalytische Bestimmung der Momente, die zu dieser Außenseiterposition führten. Mit diesem doppelten Blick kann Braese die deutschen Debatten der Nachkriegszeit historisch lesen, ohne lediglich deren Positionen nachzuzeichnen. Sein Blick zielt auf die „Modi der Tilgung" (S. 33) jüdischer Thematik, auf „Postulate der Neugründung" von geschichtspolitischen Diskursen (S. 34) und auf deren erinnerungstheoretische Komplemente (S. 44) in der Literatur. Er betrachtet Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der vorgestellten Texte stets mit, ohne dabei ihre künstlerische Dignität zu entwerten, denn er nimmt ihre Poetologie in eben jener Erinnerungshaltung wahr, die den Grund dafür abgab, dass ihr Erfolg ausgeblieben ist. Drittens verleugnet die systematische Anlage der Studie Braeses keineswegs die historisch-genetischen Momente von Chronologie, Entwicklung und Veränderung. Er untersucht die erinnerungspolitische Verfasstheit der 60er und 70er Jahre, wobei zwischen den beiden Jahrzehnten historisch genau unterschieden wird. Die Zäsur zwischen beiden erhält bei Braese ein eigenes Kapitel, das er „Im Moment der Revolte" nennt. Es ist wohl nicht übertrieben, in dieser Differenz zwischen den frühen 60er Jahren auf der einen und den 70ern auf der anderen Seite die eigentliche Pointe seiner Analyse zu sehen, auch wenn Braese sie eher implizit als explizit herausarbeitet. Er analysiert die Romane Weils, Hilsenraths und Hildesheimers vor der magischen Zäsur der Studentenbewegung, aber auch ihre Arbeiten danach aus dem Jahrfünft zwischen 1975 und 1980, also Hildesheimers The End of Fiction (1975) und Mein Judentum (1978), Hilsenraths Der Nazi & der Friseur (1977) und Grete Weils Meine Schwester Antigone (1980). Braese kann mit diesem um das Schlüsseljahr 1967 herum komponierten komparativen Zugriff zeigen, wie verschieden die Voraussetzungen und Folgewirkungen jüdischen Schreibens in der Bundesrepublik im „Nachraum" der deutschen Vernichtungspolitik sich jeweils niederschlugen. War es in den frühen 60er Jahren noch das konservative Establishment, welches an den Schalthebeln des Literaturbetriebs die Konsequenzen einer „anderen Erinnerung" zu minimieren versuchte, so lagen die Dinge im Jahrzehnt darauf völlig anders. Hier war es eine zum revolutionären Aktionismus drängende Linke, die „ein Klagen über den Verwaltungsmassenmord des Dritten Reiches nicht ertragen kann, ohne sie in Aktionen gegen jede Form des gegenwärtigen Mordes umzusetzen", wie dies beispielsweise Oskar Negt im Juni 1968 offen aussprach. Hannah Arendt hat dies bekanntlich seinerzeit „eine hoch kultivierte Form des Escapismus" genannt, womit sie sich den Zorn Hans Magnus Enzensbergers zuzog, der die Verhinderung „der Endlösung von morgen" forderte, das Historisch-Konkrete am deutschen Nationalsozialismus aber dadurch in einer antikapitalistischen Rhetorik („Megatod") verwischte und sich dagegen verwahrte, „ad nationem" festgelegt zu werden. Dieser „Protest-Diskurs" und seine „flottierenden Sprech- und Denkgewohnheiten" (S. 332) erforderten ganz anders hergeleitete und begründete Plädoyers, Positionierungen und Einreden jüdischer Schriftsteller und sie kosteten sie erheblich mehr Mühe, da sie nicht selten ihre Freunde auf der „anderen Seite" wieder fanden. Hilsenrath publizierte beispielsweise nach seinen Erfahrungen mit der Kritik an Nacht seinen nächsten Roman auf Englisch in Amerika, die deutsche Übersetzung von The Nazi and the Barber, eine konsequente Absage an den Mythos von der deutsch-jüdischen Symbiose, wurde erst 1977 möglich. Hildesheimer überwarf sich mit Peter Weiss und Erich Fried anlässlich des Sechs-Tage-Krieges in Israel und erklärte 1975 in einem von der Umwelt unverstanden gebliebenen Text The End of Fiction. Das Bewusstsein, dass es in Deutschland „keine Juden mehr gab, zumindest nicht genug" (Hildesheimer), war der Gedächtnispoetik jener wenigen jüdischen Autoren, die sich in Deutschland zu Wort gemeldet hatten, schon direkt nach dem Krieg eingeschrieben gewesen. Nun sahen sie sich auch einer intellektuell dominanten Oppositions- und Revolutionsrhetorik gegenüber, deren Signum „Antifaschismus" und Antizionismus war und die auf die historischen Erfahrungen überlebender Juden verzichten zu können glaubte. Die vielen Debatten über Nationalsozialismus und Holocaust haben jahrzehntelang das Nachdenken über beide Themen dominiert. Ein neuer Ansatz ist es, den historischen Ort dieser Debatten selbst aufzusuchen, um ihre Vehemenz, ihre „lange Dauer" oder aber ihre Folgenlosigkeit zu erklären. Die biographischen Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus trennte die Gemeinschaft der auf Deutsch Schreibenden in mehr als zwei Gruppen; ein regelrechter Abgrund aber bildete sich noch Jahrzehnte später in den persönlichen, politisch-öffentlichen und ästhetisch-poetologischen Stellungnahmen ab, die die jüdische Erinnerung von jenem homogenisierten Gedächtnis eines deutschen Konsens entfremdete. Die Beispiele in der Darstellung Braeses sind so dicht, seine Herleitungen der verschieden ausgetragenen Erinnerungsdifferenzen so konkret und die durchgängig reflektierte Verschränkung von intellektuellem und gesellschaftlichem Klima in Deutschland und der je eigenen künstlerischen Logik der Schreibenden so überzeugend durchgeführt, dass sich Braeses Buch weit über das Übliche einer Spezialstudie erhebt. Gleichwohl ist es eine solche trotzdem geblieben, da der Autor den Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit auf das Werk von drei Autoren konzentriert, die in Deutschland bisher wenig gelesen oder aber von Beginn an falsch rezipiert wurden. Nicolas Berg, Leipzig aus: Newsletter – Informationen des Fritz Bauer Instituts · Nr. 22 · Frühjahr 2002 [ Rezensionen NL 22 ] · [ Startseite/Home ] · [ Aktuell ] · [ Inhalt/Sitemap ] · [ E-mail ] |