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Nr. 19 · Herbst 2000

Befreit und vergessen

      Robert L. Hilliard: 
      Von den Befreiern vergessen. 
      Der Überlebenskampf jüdischer KZ-Häftlinge unter amerikanischer Besatzung

     
Aus dem Englischen von Andreas Simon. 
      Frankfurt am Main, New York: Campus Verlag, 2000, 240 S., DM 39,50

Das in den letzten Jahren gestiegene Interesse am Thema „Jüdische Displaced Persons" ist erfreulich und es sind inzwischen auch eine Reihe interessanter Studien und Dokumentationen dazu erschienen, doch gibt es noch viele Lücken. Deshalb machte mich auch die große Anzeige des Campus Verlags für die Erinnerungen eines amerikanischen GI an die ersten Wochen und Monate nach der Befreiung jüdischer KZ-Überlebender 1945 neugierig, ist doch gerade für den Sommer 1945 die Quellenlage nicht allzu dicht. Um es vorwegzunehmen: Die Lektüre war eine große Enttäuschung, ja geradezu ein Ärgernis, denkt man an andere Erinnerungsberichte zum Thema jüdische DPs, die z.T. weder in Übersetzung noch in einer schönen Buchausgabe vorliegen und dadurch kein großes Lesepublikum erreichen.
Hilliard, Professor für Kommunikationswissenschaft in den USA, war im Mai 1945 als 20-jähriger GI in Kaufbeuren stationiert und fuhr als Redakteur einer Armeezeitung – ganz klar sind die Anlässe für seine Fahrten nicht – erstmalig im Mai 1945 zum Kloster St. Ottilien, in dessen Seitengebäude jüdische Überlebende ein DP-Krankenhaus eingerichtet hatten. Das Schicksal dieser Menschen berührt ihn, er nimmt großen Anteil, besucht St. Ottilien immer wieder und versucht schließlich auch, dazu beizutragen, ihre Versorgung und ihren Status zu verbessern. Die Fassungslosigkeit der Überlebenden der Shoa, dass sich die Nachkriegswelt ihrer nicht sofort annimmt, sondern sie auf ihr Schicksal aufmerksam machen müssen, um nicht in den Mühlen der militärischen Organisation des DP-„Problems" übergangen zu werden, ist in vielen Zeugnissen überliefert, ebenso der Antisemitismus bei manchen Befreiern. Hilliard macht sich diese Fassungslosigkeit zu eigen und nimmt sie zum Anlass, alle Beteiligten (außer den DPs) des größten Fehlverhaltens zu beschuldigen. So ist er in vielen Dingen in seinem Urteil unsachlich und vergreift sich des öfteren im Register („Völkermord" bzw. „Genozid durch Vernachlässigung", „St. Ottiliens Kristallnacht"), gleichzeitig gibt er vor, den Gesamtzusammenhang (der DP-Problematik) zu beschreiben, ohne auch nur ansatzweise diese Problematik – z.B. die Frage des Status jüdischer DPs, die vorerst nur einen sehr kleinen Anteil der gesamten DPs stellten – zu umfassen. So beschreibt er beispielsweise die Trecks osteuropäischer DPs, die alle (?) unorganisiert (?) in ihre Heimat gewandert seien, ohne die vielen anderen Flüchtlingsgruppen, die ab Kriegsende 1945 unterwegs waren, auch nur zu erwähnen (S. 37 ff.).
Ist er im Urteil über die amerikanische Besatzungspolitik und ihre Vertreter schon in höchstem Maße unsachlich (so begann z.B. die Annäherung zwischen amerikanischen Besatzern und Deutschen in der Regel nicht bereits im Juni 1945, vgl. S. 13, 59, 70), verliert er bei der Darstellung der Deutschen jegliches Maß. Außer gefährlichen „Wehr(!)wölfen" (u.a. S. 70, 171, 215), die angeblich bis zum Herbst 1945 (und in den 1990-ern erneut) Juden und andere terrorisieren, sowie deutschen Frauen, die mit jedem amerikanischen Besatzer ins Bett gehen und aufgrund der Beute aus den besetzten Gebieten immer gut gekleidet sind (S. 180), kommen Deutsche nicht vor (diesen Frauen positiv gegenübergestellt sind einige ehemalige Zwangsarbeiterinnen, um die Hilliard sich freundschaftlich kümmert) – einzige Ausnahme: ein deutscher Jude, mit dem sich Hilliard angefreundet hat (S. 180 ff.). Bei der Beschreibung der Situation vor Ort unterlaufen Hilliard viele sachliche Fehler, die die Lektüre endgültig unerquicklich machen: Wie u.a. Berichte Dr. Zalman Grinbergs, des Gründers des DP-Hospitals St. Ottilien, an den Jüdischen Weltkongreß zeigen, starben nach Mai 1945 nicht täglich Hunderte Überlebender; auch fand die geschilderte amerikanische Beschießung des „Evakuierungs"-Zuges mit KZ-Häftlingen, unter ihnen Grinberg, deren Überlebende die ersten Patienten des DP-Krankenhauses waren, nicht in Dachau statt, sondern bei Schwabhausen, das etwa 8 km von St. Ottilien entfernt ist (S. 53 ff.); dieses wiederum ist keine 30 km von Landsberg/Lech entfernt. Auch weitere Orts- und Zahlenangaben, z.B. zu Feldafing (S. 169 f.), sind falsch. Die überlieferten Verbindungen zwischen der täglich wachsenden Gruppe jüdischer DPs in Landsberg und denen in St. Ottilien und der Stellenwert des Netzwerk-Aufbaus zwischen den jüdischen DPs gerade auch in den Bemühungen um eine verbesserte Situation scheinen Hilliard trotz intensiver Gespräche mit Zalman Grinberg nicht erwähnenswert zu sein.
Mutmaßlich ist dieses Buch einer gewissen Eitelkeit geschuldet, zeigen doch nicht nur die Hälfte der abgebildeten Fotos den Autor, sondern im Mittelpunkt der Darstellung steht auch der große Einfluss, den seine Briefe in die USA auf die Politik US-Präsident Trumans im Umgang mit jüdischen DPs gehabt haben sollen (S. 12, 146 ff.), die bekanntermaßen unter dem Einfluss des „Harrison-Reports" im September 1945 grundlegend geändert wurde. So unterschätzt Hilliard beispielsweise auch die Rolle des Militärrabbiners Abraham Klausner und anderer Lobbyisten in diesem Punkt (S. 90, 155, 158). Bei allem Respekt vor seinem Engagement für die Belange der jüdischen DPs ist es doch relativ unwahrscheinlich, dass ein Soldat seines Dienstranges diese Möglichkeiten gehabt haben soll.

Angelika Eder, Hamburg


aus: Newsletter – Informationen des Fritz Bauer Instituts · Nr. 19 · Herbst 2000
copyright: © Fritz Bauer Institut und der Autor

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