Rezensionen
Newsletter Nr.
18 · Frühjahr 2000

Neuere Veröffentlichungen zu den NS-Kranken- und Behindertenmorden

      Dietmar Schulze:
      „Euthanasie" in Bernburg.
      Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Bernburg / Anhaltinische Nervenklinik in der Zeit des Nationalsozalismus
     
(Historie in der Blauen Eule, Bd. 8)
      Essen: Verlag der Blauen Eule, 1999, 184 S., 7 Abb., 19 Tab., 6 Diagr., DM 56,–

      Thomas Schilter:
      Unmenschliches Ermessen.
      Die nationalsozialstische „Euthanasie"-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein 1940/41

      (Schriftenreihe der Stiftung Sächsischer Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft, Bd. 5)
      Leipzig: Gustav Kiepenheuer Verlag, 1999, 320 S., 45 Abb., viele Tab., DM 39,90

      Michael Greve:
      Die organisierte Vernichtung „lebensunwerten Lebens" im Rahmen der „Aktion T4".
      Dargestellt am Beispiel des Wirkens und der strafrechtlichen Verfolgung ausgewählter NS-Tötungsärzte

      (Reihe Geschichtswissenschaft, Bd. 43)
      Pfaffenweiler: Centaurus Verlagsgesellschaft, 1998, 145 S., 1 Abb., 3 Tab., DM 39,80

      Heinz Faulstich:
      Hungersterben in der Psychiatrie 1914-1949. Mit einer Topographie der NS-Psychiatrie
      Freiburg im Breisgau: Lambertus, 1998, 756 S., 185 Tab., 19 Diagr., DM 80,–

Auch noch 17 Jahre nach Ernst Klees bahnbrechender Studie „Euthanasie" im NS-Staat ist die Historiografie zu den Morden an kranken und behinderten Menschen im Nationalsozialismus ein Gebiet mit vielen offenen Fragen.

In den Jahren 1940 und 1941 wurden etwa 70.000 psychisch kranke oder geistig behinderte Menschen, fast ausschließlich Anstaltsinsassen, in sechs Gasmordanstalten im Deutschen Reich mit Kohlenmonoxyd ermordet. Für diese erste Massenmordaktion NS-Deutschlands zeichnete eine Tarnorganisation der „Kanzlei des Führers" verantwortlich, die in der Berliner Tiergartenstraße 4 beheimatet war („T4"). Nachdem die Geschichte der Mordanstalt Hadamar seit den 80er Jahren relativ umfassend aufgearbeitet ist, erschienen im vergangenen Jahr zwei Studien, die sich mit den Gasmordanstalten Bernburg (heute Sachsen-Anhalt) bzw. Sonnenstein in Pirna (Land Sachsen) beschäftigen. Der Leipziger Historiker Dietmar Schulze untersucht die Mordanstalt Bernburg, während der Berliner Arzt Thomas Schilter in seiner medizinhistorischen Studie die Geschichte der Mordanstalt Sonnenstein in Pirna darlegt.

In seiner Dissertationsarbeit „Euthanasie" in Bernburg. Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Bernburg / Anhaltinische Nervenklinik in der Zeit des Nationalsozialismus rekonstruiert Schulze die NS-Geschichte dieser Einrichtung, in deren einer Anstaltshälfte zwischen November 1940 und August 1941 über 9.000 Menschen in der Gaskammer starben, während in der anderen Hälfte unter anderer Leitung weiterhin psychisch kranke Menschen behandelt wurden – eine einzigartige Kombination im Mordsystem der „T4"-Aktion. Schulze gelingt es mit seiner Darstellung, nicht bei allgemeinen Aussagen stehen zu bleiben, sondern eine detaillierte Schilderung des Geschehens zu erreichen. So wird die im Rahmen eines DFG-Projekts der Gedenkstätte in Bernburg entstandene Studie denn auch getragen von der sachkundigen Kombination genereller Aussagen zur Krankenmordaktion mit umfangreichem Datenmaterial zu den durchorganisierten Patientenverlegungen von teils weit entfernten nord- und nordostdeutschen Anstalten nach Bernburg. Als einer der ersten wertete Schulze die erst vor wenigen Jahren in Stasiarchiven wieder aufgefundenen Krankenakten der ermordeten Menschen aus. Schulze kann auf diese Weise zeigen, „dass dem totalitären NS-Regime im Bereich des Gesundheits- und Sozialwesens die totale Erfassung ‘lebensunwerten’ Lebens weitgehend gelungen war".

Mit dem Titel Unmenschliches Ermessen, den Thomas Schilter seiner Doktorarbeit gibt, verweist er kontrastierend auf den sogenannten „Euthanasie-Erlass" vom Herbst 1939, in dem Hitler jenseits aller Gesetze erlaubte, „nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken" den „Gnadentod" zu gewähren. Mit der Studie über die nationalsozialistische „Euthanasie"-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein 1940/41 verbindet Schilter denn auch den Wunsch, „die Würde dieser Menschen, denen unermessliches Leid zugefügt wurde, wiederherzustellen." Schilter wählt eine ähnliche Herangehensweise wie Schulze, indem er mit großer Sachkunde und in gut lesbarer Form anhand einer Vielzahl von Archivdokumenten minutiös darstellt, wann und woher – nämlich aus Anstalten von Ostpreußen bis nach Franken – die über 13.000 Menschen zur Ermordung nach Pirna verlegt wurden. Hervorzuheben ist, dass Schilter darüber hinaus versucht, die Ermordeten als Menschen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen: Stellvertretend für all die anderen erzählt er die Schichsale von drei Personen – mit dem Bemerken, dass „eigentlich … hier die Geschichten all der vielen anderen Opfer folgen" müsste.

Historisch verbindet Bernburg und Pirna-Sonnenstein die Tatsache, dass in den Gaskammern beider Anstalten nicht allein psychisch kranke Menschen, sondern zusätzlich ab 1941 auch KZ-Häftlinge – teils Arbeitsunfähige, teils „rassisch" Verfolgte – ermordet wurden. Diese als „Sonderbehandlung 14f13" umschriebene Mordaktion ist nach wie vor weithin unbekannt – wahrscheinlich, weil die „Todesfälle" jeweils in den Herkunfts-KZs (z. B. Buchenwald, Sachsenhausen oder Auschwitz) beurkundet wurden. Beide Studien gehen darauf ein und leisten so auch einen Beitrag zur Darstellung des Zusammenhangs zwischen den verschiedenen „rassischen" Mordaktionen des NS-Staats. Sowohl Schilter als auch Schulze ergänzen ihre Untersuchungen durch biografische Studien und „Täterprofile" über das für die Morde verantwortliche Personal.

Beide Autoren – Dietmar Schulze wie Thomas Schilter – behandeln ihr Thema eingehend und mit einer beachtlichen Bearbeitungstiefe. Gerade wegen dieser Übereinstimmung fällt doch die unterschiedliche Aufmachung der Publikationen ins Auge: Schilters Buch über Pirna kam es offenbar sehr zustatten, dass es von der Gedenkstättenstiftung des Freistaats Sachsen herausgegeben und auch durch das Land gefördert wurde – dies schlägt sich sowohl bei Abbildungen und Umschlaggestaltung als auch im niedrigeren Verkaufspreis nieder. Bedauerlich, dass das Land Sachsen-Anhalt sich nicht zu einer entsprechenden Förderung von Schulzes Publikation über Bernburg entschließen konnte.

In einer kürzeren Studie setzt es sich der Historiker und Politologe Michael Greve unter dem Titel Die organisierte Vernichtung „lebensunwerten Lebens" im Rahmen der „Aktion T4" zur Aufgabe, diese Mordaktion am Beispiel des Wirkens und der strafrechtlichen Verfolgung ausgewählter NS-Tötungsärzte darzustellen. Dabei nutzt er als Quellengrundlage – außer der einschlägigen Literatur – allein die Ermittlungs- und Strafprozessunterlagen, die in der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg vorliegen. Greve thematisiert selbst, dass es Gefahren in sich birgt, sich auf die Nachkriegsaussagen der Ärzte als historische Quelle zu stützen, da die Schilderungen der Angeklagten „zum einen auf ihren subjektiven Wahrnehmungen basieren, zum anderen auf ihre Verteidigung und Rechtfertigung abgestimmt gewesen sein dürften." Trotz dieser Erkenntnis scheint der Autor den rechtfertigenden Aussagen der Täter manchmal zuviel Glauben zu schenken, etwa wenn er deren angebliche Versuche, aus der Mordorganisation auszuscheiden, ohne weiteres für bare Münze nimmt.

Einen relativ großen Teil des Buches von Greve nimmt die Darstellung der formalen Organisation der Krankenmordaktion „T4" ein: die Personalbeschaffung, die Selektion und Verlegung der Patienten, die Nachlassverwaltung etc. Diese Passagen sind eine solide und zutreffende Zusammenfassung der Informationen, die diesbezüglich aus den Akten und der Literatur zu gewinnen sind. In einem zweiten Hauptteil stellt Greve überwiegend das letzte Strafverfahren gegen NS-"Euthanasie"-Ärzte vor einem deutschen Gericht dar, nämlich den Frankfurter Prozess gegen Bunke, Ullrich und Endruweit, der 1987/88 mit Verurteilungen endete. Die Geschichtsschreibung zu dieser juristischen „Bewältigung" der Krankenmordverbrechen hat erst begonnen und lässt weitere Untersuchungen erwarten. Der genannte „Euthanasie"-Prozess ist auch das Thema des Dissertationsprojektes, das Greve in seinem Buch ankündigt.

Insgesamt wäre den Publikationen über die NS-"Euthanasie"-Verbrechen mitunter eine größere Aufmerksamkeit der Fachöffentlichkeit zu wünschen, denn nach wie vor halten sich darüber selbst unter Zeitgeschichtlern hartnäckig einzelne Legenden. Eine dieser Fehlinformationen besagt, die Krankenmorde seien durch den Protest der Bevölkerung 1941 beendet worden. Tatsächlich gingen die Morde auch nach dem sogenannten „Euthanasie-Stopp" Hitlers vom August 1941 unvermindert weiter. Dass neben den Morden mit Medikamenten dabei insbesondere der Mord durch Nahrungsentzug eine bislang immer übersehene entscheidende Rolle spielte, weist der Psychiater Heinz Faulstich, ehemals stellvertretender Leiter eines psychiatrischen Krankenhauses in Baden-Württemberg, eindrucksvoll nach. In seiner außerordentlich umfangreichen und umfassend recherchierten Studie Hungersterben in der Psychiatrie 1914-1949 belegt der Autor detailliert (auch mit umfangreichem Zahlenmaterial), dass allein in den staatlichen Anstalten im Deutschen Reich mehr Menschen durch Nahrungsentzug ermordet wurden als bei den Gasmorden der Jahre 1940 und 1941.

Indem Faulstich seine Studie nicht auf die schwerpunktmäßig untersuchte NS-Zeit beschränkt, sondern auch Kapitel über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Zeit und die Nachkriegszeit nach 1945 ausgearbeitet hat, gelingt ihm zweierlei: Zum einen kann er zeigen, dass die Psychiatriepatienten in Mangelzeiten generell diejenigen waren, bei denen nach gesellschaftlichen Wertmaßstäben jederzeit als erstes gespart wurde. Zum anderen kann Faulstich aber gerade vor diesem Hintergrund herausarbeiten, wie der Nahrungsentzug dann während des Zweiten Weltkriegs zu einer gezielten Mordmethode an Psychiatriepatienten werden konnte, nachdem der Massenmord in den zentralen Gaskammern nicht mehr unauffällig genug zu gewährleisten war.

Faulstichs Werk ist zudem ein unabdingbares Nachschlagewerk für alle, die sich künftig mit der Geschichte der NS-"Euthanasie"-Verbrechen beschäftigen, denn unter dem Schlagwort Topographie der NS-Psychiatrie stellt der Autor für jede Provinz, für jedes Land im Deutschen Reich dar, wie die Verhältnisse in den einzelnen Anstalten während des Zweiten Weltkrieges sich gestalteten. Durch die beinahe flächendeckende Angabe von Sterberaten in den einzelnen Anstalten während der Jahre 1939-1945 wird deutlich, dass es durchaus große Unterschiede von Region zu Region, ja sogar von einer Anstalt zur anderen gab. Wertvoll ist diese Übersicht aber besonders deshalb, weil Faulstich es nicht bei der Auflistung von Zahlenkolonnen belässt, sondern diese Daten in die allgemeine Psychiatriegeschichte der Zeit einbettet und dadurch interpretiert. So wird erstmals belegt, dass es regelrechte Zentren einer „regionalen Euthanasie" ab 1941/42 gab: den Regierungsbezirk Wiesbaden, die Provinzen Pommern und Sachsen und die Länder Sachsen und Bayern. Und es wird deutlich, wie groß doch der Einfluss der Verantwortlichen auf das Schicksal der ihnen anvertrauten Patienten war.

Peter Sandner, Frankfurt am Main


aus: Newsletter – Informationen des Fritz Bauer Instituts · Nr. 18 · Frühjahr 2000
copyright: © Fritz Bauer Institut und der Autor

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