Rezensionen
Newsletter Nr.
18 · Frühjahr 2000

Kampf um die Erinnerung – 
Juden und Deutsche in der "neuen deutschen Normalität"

      Moshe Zuckermann: 
      Gedenken und Kulturindustrie. Ein Essay zur neuen deutschen Normalität

     
Berlin u.a.: Philo Verlagsgesellschaft, 1999, 127 S., DM 19,80

      Salomon Korn:  
      Geteilte Erinnerung. Beiträge zur „deutsch-jüdischen" Gegenwart. 
     
Berlin u.a.: Philo Verlagsgesellschaft, 1999, 265 S., DM 38,–

Nach dem Wechsel der Bundesregierung im Herbst 1998 und ihrem Umzug nach Berlin, aber auch nach dem Tod von Ignatz Bubis im August 1999 wurde öffentlich die Vermutung geäußert, dass nun in der Folge dieses Generationenwechsels, der letztlich für die Unaufhaltsamkeit des Historisierungsprozesses stehe, eine Änderung auch im Verhältnis zwischen den in Deutschland lebenden Juden und der nichtjüdischen Mehrheit eintreten werde. Eine ähnliche Auffassung war in den ersten Jahren nach Mauerfall und Wiedervereinigung geäußert worden: Das Provisorium ‘BRD’ und mit ihm die Nachkriegszeit seien beendet, die Beziehungen zwischen Juden und Deutschen würden unweigerlich an ‘Normalität’ gewinnen.

Dieser Prognose hatte schon damals, 1993, Salomon Korn widersprochen: „Die Nachkriegszeit wird nicht mit dem Datum der deutschen Vereinigung enden. Eher hat es den Anschein, als sei diese Nachkriegszeit, einem ‘historischen Wiederholungszwang’ ähnelnd, durch die Problematik der Vereinigung erneut aufgebrochen, um uns mit ganzer Wucht gedoppelter Vergangenheits-Auseinandersetzung zu treffen." Diese Feststellung trifft offenkundig auch gegenwärtig noch zu: Das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen in Deutschland heute scheint in vielfacher Hinsicht durchaus nicht einfacher, in mancher Hinsicht dagegen durchaus komplizierter geworden zu sein. Dies wird deutlich in zwei kürzlich vorgelegten Darstellungen, die ein konstitutives Element dieses Verhältnisses: Politik und Praxis von Gedenken und Erinnerung von unterschiedlichen Standorten aus beleuchten: Moshe Zuckermanns Gedenken und Kulturindustrie und Salomon Korns Geteilte Erinnerung.

Zuckermann beobachtet im wiedervereinten Deutschland die fortgesetzte Bemühung um eine „Reformulierung des herkömmlichen ‘Vergangenheitsbewältigungs’-Diskurses". Als paradigmatische Beispiele wählt er drei herausragende Debattenkonstellationen, die er ideologiekritisch auf ihre erinnerungspolitischen Implikationen hin untersucht: Enzensbergers Heine-Preisrede von 1998, Walsers Friedenspreisrede vom Dezember des gleichen Jahres sowie Hans-Ulrich Wehlers Vortrag vor dem Berliner Wissenschaftskolleg im gleichen Monat zum Thema „Nationalsozialismus und deutsche Historiker" (siehe die Besprechung von Nicolas Berg in diesem Heft). Es ist dieses letztgenannte Beispiel, an dem Zuckermann in besonders beeindruckender Weise die sich wandelnde Qualität öffentlicher Auseinandersetzung mit den NS-Tätern verdeutlichen kann. Im Mittelpunkt des Vortrags hatten Historiker-Laufbahnen gestanden wie die von Theodor Schieder und Werner Conze, die zur Zeit des Dritten Reiches „Volkstumskampf" und „Entjudung" das Wort geredet, nach 1945 dagegen in einer „eindrucksvollen fast 40jährigen Schaffensperiode" zum „Aufbau eines neuen deutschen Staates" (Wehler) beigetragen hatten. Mit Blick auf diese Biographien hatte Wehler gefragt: „Wie viele Jahrzehnte muss man ein honoriges Leben führen, um diese Jahre zwar nicht wettzumachen, aber doch zu relativieren?" Zuckermanns Antwort bleibt nicht aus: Keinem noch so ‘honorigen Leben’ könne das jemals gelingen. Doch bedeutsamer ist ihm der prekäre Charakter solcher Argumentation, der ihn umso mehr überrascht, als er ihn im „‘linken’ bzw. linksliberalen Milieu, d.h. im traditionellen Diskurs der kritischen Intelligenz" antrifft. Warum sich aber gerade dieses Milieu von dieser Seite her heute anfällig zeigt, lässt Zuckermann unbeantwortet. Es bleibt dem Leser aufgegeben, die analytischen Lektüren des Buches in Richtung dieser und weiterer kritischer Fragen zur gegenwärtigen Erinnerungspolitik in Deutschland fortzusetzen.

Zuckermanns Analysen erhalten eine eklatante Bestätigung durch die Erfahrungen und Einsichten aus der täglichen Praxis sowohl des institutionellen wie des individuellen Umgangs zwischen Juden und Deutschen, von denen Salomon Korn berichtet. Korn, der das Opfersyndrom der Deutschen und „die ‘negative’ Symbiose" als konstitutive Kennungen des Verhältnisses zwischen Juden und Deutschen versteht, erkennt in der Vielzahl bundesweit prominenter, aber auch regionaler Kontroversen (Goldhagen, Wehrmachtssausstellung, Berliner Holocaust-Denkmal, Börneplatz-Konflikt in Frankfurt am Main) ähnlich wie Zuckermann einen „Kampf um individuelle und kollektive Erinnerung", der „mit bisher nicht gekannter Heftigkeit geführt" werde. „Keine städtische Regierung hätte es gewagt", so Korn, „Reste einer am Börneplatz freigelegten Kaiserpfalz zu beseitigen." Das kritische Gewicht von Walsers Sonntagsrede kennzeichnete er frühzeitig mit der „Frage (…), ob nicht über die Infragestellung der Formen des Gedenkens auf dessen Inhalt gezielt" werde. Und die aktuelle Politik jener deutschen Unternehmen, die von Arisierung und Zwangsarbeit profitiert haben, bezeichnet er umstandslos als Versuch, „ihre Arisierungs- und Kriegsgewinne zu privatisieren, ihre historische Schuld aber zu verstaatlichen".

Korn erinnert daran, dass das historische Gedächtnis der Juden unverändert diese eine geschichtliche Erfahrung bewahrt: „Deutschland kann ohne sie leben!" Wie aber kann vom Boden solcher radikalen geschichtlichen Erfahrung aus an einer Zukunft zwischen Deutschen und Juden gearbeitet werden, wie auch kann die erforderliche Zuversicht in einen Erfolg dieser Arbeit bewahrt werden im konkreten politischen Alltag? Die Essays und Aufsätze von Salomon Korn verdeutlichen, dass er – anders als manche frühere Funktionsträger jüdischer Organisationen in Deutschland vor deutschem Publikum – sich selbst, aber auch Juden und Deutschen eine unverstellte Einsicht in die Hypotheken des deutsch-jüdischen Verhältnisses und ihrer Zukunft zumutet. Korn zielt auf einen „offeneren, ehrlicheren Umgang miteinander" – und weiß zugleich, dass dieser Umgang das Risiko der „Vertiefung unüberbrückbarer Erinnerungsgräben" birgt. Die Lektüre von Korns Wortmeldungen überzeugt sofort davon, dass es hierzu eine Alternative ernstlich nicht mehr gibt. Dieser Weg mag in Zukunft zwar etwas weniger beeinträchtigt werden vom Begehren eines wesentlichen Teils des politischen Betriebes nach Alibi und „Koscher-Stempel" (Korn), und er wird auch zusehends entlastet werden von jener Art von Öffentlichkeit, die an solche Instrumentalisierung notwendig geknüpft war. Doch ‘normal’ im Sinne Walsers – das zeigen sowohl Korn wie Zuckermann auf – wird das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden auch in absehbarer Zeit nicht sein.

Stephan Braese, Hamburg


aus: Newsletter – Informationen des Fritz Bauer Instituts · Nr. 18 · Frühjahr 2000
copyright: © Fritz Bauer Institut und der Autor

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