| Rezensionen Newsletter Nr. 16 · Frühjahr 1999 |
Ein Vater In der Reihe von Auseinandersetzungen, die Kinder von „Tätern" mit ihren Vätern geführt haben (z. B. Dörte v. Westernhagen, Niklas Frank, Martin Bormann), hebt sich das Buch von Kurt Meyer dadurch hervor, daß es in seinem Grundton warmherzig, dennoch unerbittlich und konsequent in seinen Fragen und Vorhaltungen ist. Der Verfasser, Ausbilder an einem Kasseler Studienseminar für das Lehramt an Gymnasien, Jg. 1945, führt mit seinem 1961 gestorbenen Vater quasi ein Zwiegespräch, bei dem dieser nicht antworten kann. Der Vater, im Zweiten Weltkrieg bekannt unter dem Namen „Panzermeyer", hochdekorierter und jüngster General der Waffen-SS, befehligte die 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend", die 1944 in den Kämpfen um die Normandie völlig aufgerieben wurde. Er geriet verwundet in Gefangenschaft, wurde wegen „Kriegsverbrechen" zunächst von einem kanadischen Gericht zum Tode verurteilt, später begnadigt, weil sich das Urteil nicht halten ließ. Anklagepunkt war gewesen, Meyer habe zu verantworten gehabt, daß Angehörige seiner Division kanadische Kriegsgefangene erschossen hätten. Es hatte aber keinen entsprechenden Befehl dazu von ihm gegeben, und so wertete Tony Foster, der Sohn des Richters, in einem Buch über seinen Vater das Urteil auch als ein „Politikum" (S. 15). Gleichwohl wirkte der Vater – in Briefen aus der Haft, später nach seiner Haftentlassung (1954) – im alten Stile auf die Erziehung seines Sohnes so ein, daß dieser begreifen sollte, was der Leitspruch der SS („Meine Ehre heißt Treue") heißen sollte, unverbrüchliche Treue gegenüber dem Führer und den Kameraden bis über Tod und Kriegsende hinaus. Zucht, Gehorsam und Disziplin wurden gefordert, aber der Sohn sollte auch zu „Herzensbildung" und „Naturverbundenheit", aber auch zu „Willensstärke" und einem „tiefen Gottesglauben" erzogen werden (S. 39). Das häusliche Milieu war in den sieben Jahren, die Kurt Meyer seinen Vater hatte (1954-1961), auch von markanten Symbolen geprägt: ein Hitlerbild, das Ritterkreuz, ein Foto, das den Moment festhält, in dem der General das „Eichenlaub zum Ritterkreuz" aus der Hand des „Führers" erhält, aber auch ein Bild Friedrich d. G. fehlen nicht. Dazu kommen das Buch über die Kriegserlebnisse des Vaters (Grenadiere, 1957) und die Lektüre des Freiwilligen, ein „Kameradschaftsblatt der ehemaligen Soldaten der Waffen-SS." Als Vorsitzender der HIAG (Hilfsgemeinschaft der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS) hatte der Ex-General um die Rehabilitierung dieser Truppe, die im Nürnberger Prozeß als „verbrecherische Organisation" verurteilt wurde, gekämpft. Und noch nach dem Tode des Vaters hatte der Sohn die Sorge, ob er die an ihn „gestellten Ansprüche" vom „Vati (…) erfüllen" könne. Der Übervater scheint ihn zu erdrücken. Aber der Sohn beginnt sich von dem Schatten der Vergangenheit seines Vaters zu lösen. Das Studium (Deutsch, Geschichte, Politikwissenschaft) ist ein erster Ansatz. Besuche von KZ-Gedenkstätten in Deutschland, ein Aufenthalt in Auschwitz, das Zusammentreffen mit jungen Polen, ehemaligen Häftlingen und Soldaten der polnischen Armee sind weitere Schritte auf dem Wege, seine eigene Identität zu finden, d. h. sich vom Vater zu lösen und ihm harte, eindeutige, ihn bedrängende Fragen zu stellen. Er kann nicht glauben, daß sein Vater nicht gewußt haben will, wie der „Vernichtungskrieg" hinter der Front geführt wurde, mit welchen Verbrechen er verbunden war. Er kann nicht verstehen, daß der Vater nach dem Krieg sich nicht von Hitler gelöst und die Geschehnisse im Krieg nicht – aus der Distanz – kritisch reflektiert hat. Er will dahinter kommen, was die Identität des Vaters ausmacht. Er will Vergangenheit nicht „bewältigen", er weiß, daß sie nachwirkt. Aber er will sie aufhellen, Schritt für Schritt. Kurt Meyer: Geweint wird, wenn der Kopf ab ist. Annäherungen an meinen Vater – „Panzermeyer", Generalmajor der Waffen-SS Rezensent: Gerd-Ekkehard Lorenz (Kasse) aus: Newsletter – Informationen des Fritz Bauer Instituts · Nr. 16 · Frühjahr 1999 |