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Nr. 15 · Herbst 1998

"Die Protokolle der Weisen von Zion"

Wie gering die Hemmung ist, Dolchstoß-Legenden und Verschwörungstheorien in die Welt zu setzen, bewies Berti Vogts, der Trainer der Fußballnationalmannschaft, anläßlich der Fußballweltmeisterschaft in Frankreich, als er nach dem verlorenen Spiel gegen Kroatien die Ursache für die Niederlage nicht bei sich oder der Mannschaft suchte, sondern die Schuld dem Schiedsrichter gab und den Verdacht aussprach: „Vielleicht ist einigen der deutsche Fußball zu erfolgreich" (FAZ, 6.7.1998, S. 29). Indem er sich der Kompensationstechnik des Halbgebildeten bediente, zeigte er sich als schlechter Verlierer. Mißerfolge sind offensichtlich leichter zu ertragen, wenn man andere, die sich zudem illegitimer Mittel bedienen, verantwortlich machen kann. In Niederlagen hilft ein banaler Verschwörungsverdacht, das positive Selbstbild zu bewahren. Man weigert sich, aus der Situation zu lernen – denn dann müßte man ja Korrekturen am eigenen Ideal vornehmen. Dem steht der Narzißmus ebenso entgegen wie das Gefühl der Schuld, weil man das nicht ist und nicht tut, was man dem eigenen Begriffe nach sein und tun sollte. Lieber jagt man Sündenböcke oder konstruiert geheime Hintergrundkräfte, denen man die schlimme Absicht unterstellt, sie wollten einem oder der eigenen Mannschaft/Gruppe/Nation/Kultur/Religion/Ethnie/Rasse permanent Schaden zufügen. Fatal wirkt der chimärische Charakter des Verdachts, denn die eine Seite kann ihn unmöglich widerlegen, noch kann die andere Seite den positiven Beweis erbringen. Einmal in die Welt gesetzt, bleibt er im kulturellen Gedächtnis, in den Erzählungen und Bibliotheken der Völker erhalten und kann bei Bedarf von jedermann revitalisiert werden. Erst wenn man die Prämissen von Verschwörungstheorien aufgibt, brechen sie zusammen. Mit dieser Kurzanalyse sind bereits wichtige Gründe für das Bedürfnis nach Verschwörungstheorien, für ihre Funktion und für ihre zählebige Verbreitung genannt.
Nun sind eben zwei neue Bücher sowie die Neuausgabe von Norman Cohns grundlegender Studie von 1967 über die „Protokolle der Weisen von Zion" erschienen. Spontan fragt sich der Rezensent: Was können sie uns Neues lehren? Die Bibliotheken sind voll mit Ausgaben der „Protokolle", bis heute sind sie in unzählbaren Auflagen und in zahlreichen Sprachen erschienen, und in den Regalen daneben stehen die historischen, psychologischen und kognitionstheoretischen Abhandlungen über dieses Wahngebilde. Daß es sich um eine Fiktion handelt und aus welchen dubiosen Vorlagen die Erfinder geschöpft haben, ist ebenso bekannt wie die Struktur des antisemitischen Konflikts. Er unterscheidet sich von einer Interessenkollision, die zwei Gruppen um die Verfügung oder die angemessene Nutzung an einem knappen Gut haben können, dadurch, daß der Antisemit den Konflikt einseitig initiiert und damit der Gegenseite die Formulierung von Eigeninteressen aufzwingt. Die Juden müssen sich gegen die Anschuldigung verteidigen, weil sie weder dem Konflikt ausweichen (so gern sie es auch möchten) noch die irreale Anschuldigung mit Vernunftsgründen abschließend widerlegen können.
Zwei der drei Bücher versuchen, das Knäuel der trüben Einflüsse, Vorlagen und Kontexte zu entwirren. Sammons dokumentiert den Text der „Protokolle", um Voraussetzungen für die Aufklärung und die Widerlegung der Behauptung zu schaffen, in naher Zukunft würden die „Weisen von Zion" vor keinem gewaltsamen Mittel zurückschrecken, um die Kontrolle über die Welt zu erlangen. Seine knappe Einführung (S. 7-26) gibt einen nüchternen Überblick zur Entstehung und Verbreitung. Auch Cohn und Ben-Itto dokumentieren in Auszügen die „Protokolle" und ihre literarischen Vorläufer. Das Buch der israelischen Juristin Ben-Itto ist temperamentvoll geschrieben und will ein breites Publikum erreichen. Es reduziert dafür (warum eigentlich?) den wissenschaftlichen Apparat und bedient sich literarischer Stilmittel. Es erzählt in Form einer historischen Gerichtsreportage die hundertjährige Geschichte der Lüge von der jüdischen Weltverschwörung, den Schaden, den diese den Juden zufügte, und die Geschichte der Menschen, die dieser Fälschung mit ihren Mitteln als Journalisten, Historiker oder Richter entgegentraten. Der Autorin standen Aufzeichnungen aus den Nachlässen der Kläger gegen die „Protokolle" in Bern und Südafrika zur Verfügung (S. 37). Da sie nicht zitiert und keine Quellen benennt, ist nicht nachprüfbar, was neu, was authentisch belegt und was literarische Phantasie ist („Georges wanderte durch die Straßen und warf sich aufs Bett, um eine Lösung ringend" S. 72). Sie kompiliert ein verwirrendes internationales Beziehungsgeflecht, das leider den Nachteil hat, daß es für zahlreiche Aussagen keine Belege gibt und etliche Behauptungen einfach falsch sind. So ist der Prager Professor „Rohle" kein bisher Unbekannter, sondern es handelt sich um den berüchtigten Antisemiten August Rohling (S. 276). Durch ständige Rückblenden und biographische Exkurse ist dem roten Faden der Erzählung nur schwer zu folgen. Hinzu kommt eine unprofessionelle Übersetzung (die Reparationsverhandlungen 1921 waren keine Wiedergutmachungsverhandlungen usw.), die den Wert des Buches zusätzlich mindert.
Wer sich über die Entstehung der „Protokolle" informieren will, ist daher gut beraten, sich an das neu aufgelegte Standardwerk des englischen Historikers Norman Cohn zu halten. Auf eine Überarbeitung nach dem heutigen Kenntnisstand wurde verzichtet. Aber einer der besten Kenner der „Protokolle", vor allem ihrer Entstehung und Verbreitung in Rußland, der Slawist Michael Hagemeister, steuert eine wertvolle kommentierte Bibliographie zur neueren Forschung bei (S. 267-289). Er konstatiert, daß relativ wenige Veröffentlichungen wissenschaftlichen Wert besitzen, weil sie keinen eigenen Forschungsbeitrag leisten, sondern sich hauptsächlich auf die älteren Veröffentlichungen, vor allem auf Cohn selbst stützen. So übernimmt Ben-Itto ganze Passagen aus Cohn, ohne diese kenntlich zu machen (vgl. z.B. Ben-Itto S. 49f. mit Cohn S. 35f.). Hagemeister macht auf Forschungslücken und Kontroversen aufmerksam. Er korrigiert Cohn dort, wo neuere Quellenfunde einen Sachverhalt klären oder zu beteiligten Personen biographische Daten beisteuern konnten. Hagemeister selbst hat mittlerweile in zahlreichen und weit verstreut erschienenen Veröffentlichungen vor allem zu Sergej Nilus (gest. 1929) und zur Wirkungsgeschichte der „Protokolle" in Rußland wichtige Bausteine geliefert. Er warnt davor, ihre Verbreitung im zaristischen Rußland zu überschätzen. Vor allem gibt es keine Beweise dafür, daß sie seinerzeit zur Anstiftung von Pogromen benutzt wurden. Ihre mörderische Bedeutung erlangten sie erst in den schweren politischen Krisen nach dem Sturz des Zaren und des deutschen Kaisers, als sie in den Händen völkischer Antisemiten zu „konkreten Beweisen" für die Existenz dunkler Mächte gemacht wurden, die für die Niederlage im Krieg, für das revolutionäre Chaos und die Demütigungen der Verlierer verantwortlich sein sollten. Der Einfluß der Verschwörungstheorie auf Alfred Rosenberg, die über ihn in die Nazi-Propaganda und den „Völkischen Beobachter" gelangte, läßt sich durch eine breite Überlieferungsdichte zeigen. Ob Hitler von der Echtheit der „Protokolle" überzeugt war, ist in der Forschung weiterhin umstritten. In seinem antisemitischen Denken handelten die Juden aus angeborenem Rasseinstinkt und benötigten kein schriftliches Programm (vgl. Goebbels-Tagebücher 13.5.1943, S. 287).
Alle drei Autoren machen nachdrücklich darauf aufmerksam, daß der Mythos der Jüdischen Weltverschwörung nicht 1945 unterging, sondern heute in den arabischen und postkommunistischen Krisengesellschaften ein vielfach genutztes Instrument zur Diffamierung des Zionismus bildet. Es ist daher dringend geboten, sich mit den üppig wuchernden Verschwörungstheorien im aktuellen – deutschen wie internationalen – Rechtsextremismus zu beschäftigen, bevor wieder dicker Staub auf den Akten liegt.

Jeffrey L. Sammons: Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus – eine Fälschung. Text und Kommentar
Göttingen: Wallstein Verlag, 1998, 128 S., DM 29,–

Hadassa Ben-Itto: „Die Protokolle der Weisen von Zion". Anatomie einer Fälschung 
Aus d. Engl. von Helmut Ettinger und Juliane Lochner. Berlin: Aufbau-Verlag, 1998, 419 S., DM 49,90

Norman Cohn: „Die Protokolle der Weisen von Zion". Der Mythos der jüdischen Weltverschwörung
Mit einer kommentierten Bibliographie von Michael Hagemeister. Aus d. Engl. von Karl Röhmer.
Baden-Baden und Zürich: Elster Verlag, 1998, 347 S., DM 48,–

Rezensent: Rainer Erb (Berlin)

aus: Newsletter – Informationen des Fritz Bauer Instituts · Nr. 15 · Herbst 1998
copyright: © Fritz Bauer Institut und der Autor

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