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Dr. Helmut Kramer:
Fritz-Bauer-Preisträger 2010

Der Fritz-Bauer-Preis 2010 wurde am Samstag, 9. Oktober 2010 in der NS-Dokumentationsstätte der Stadt Köln an den Richter und Rechtshistoriker Dr. Helmut Kramer verliehen.

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»Gesetze sind nicht auf Pergament, sondern auf empfindliche Menschenhaut geschrieben.«
Fritz Bauer

Die diesjährige Preisverleihung wurde am 9. Oktober im Rahmen des Verbandstages der Humanistischen Union abgehalten. Die Bundesvorsitzende der Humanistischen Union, Prof. Dr. Rosemarie Will führte in die Veranstaltung ein, die Laudatio hielt Michael Plöse, Humboldt-Universität zu Berlin. Der Festakt fand an einen geschichtsträchtigen Ort statt: Im so genannten EL-DE-Haus am Apellhofplatz 23-25 war von 1935 bis zum Kriegsende 1945 die Kölner Zentrale der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) untergebracht. In den Zellen und Verwaltungsräumen erinnert heute ein Ausstellungs- und Dokumentationszentrum an einzelne Schicksale der Insassen und klärt über die Funktionsweise des NS-Systems auf.

Ein Lebenswerk zu den Hinterlassenschaften des NS-Unrechts
Die Humanistische Union vergibt ihren diesjährigen Fritz-Bauer-Preis an Dr. Helmut Kramer. Der Bundesvorstand begründet die Entscheidung mit den herausragenden Verdiensten Kramers um ein humanes Rechtswesen in Vergangenheit und Gegenwart: »Helmut Kramer setzt sich seit Jahrzehnten für die Aufhebung von Unrechtsurteilen, für die Aufklärung der Verstrickungen und Beteiligungen von Juristen an nationalsozialistischen Verbrechen und die Aufhebung der rechtspolitischen Hinterlassenschaften dieses Regimes ein.« Für seine Initiativen zur Aufarbeitung der jüngeren Justizgeschichte, für sein Engagement gegen das Rechtsberatungsgesetz und nicht zuletzt in Anerkennung seiner friedenspolitischen Bemühungen vergibt die Humanistische Union in diesem Jahr ihre höchste Auszeichnung an den früheren Richter am OLG Braunschweig.
Helmut Kramer hat sich der Aufhebung nationalsozialistischen Unrechts auf allen Ebenen verschrieben: Sein Name steht gleichermaßen für die Rehabilitierung der Opfer (Wiederaufnahmeverfahren Erna Wazinski), für die lokalhistorische Dokumentation der Verbrechen (Ausstellung »Braunschweig unterm Hakenkreuz«), für die Aufdeckung personeller Kontinuitäten in der bundesdeutschen Justiz (Affäre Puvogel), die Aufhebung des NS-Unrechts (Rehabilitierungsgesetze 1998 u. 2009) und die rechtshistorische Bildungsarbeit (Fortbildungen der Richterakademie, Forum Justizgeschichte, Gedenkstätte Wolfenbüttel). Dabei knüpft er nicht nur ideell an das Werk Fritz Bauers an. 1984 veröffentlicht er seinen wohl folgenschwersten Aufsatz über die Beteiligung von Juristen an der »Aktion T4«, dem nationalsozialistischen Programm zur Vernichtung „unwerten Lebens«. Aufbauend auf Voruntersuchungen Bauers – das Verfahren wurde nach dessen Tod still beendet – dokumentierte Kramer, wie 1941 alle OLG-Präsidenten und Generalstaatsanwälte dabei halfen, die massenhafte Verschleppung und den Mord behinderter Menschen juristisch abzusichern.
Die Beschäftigung mit früherem Unrecht ist für Helmut Kramer keine Frage der Vergangenheit, sondern immer auf die Gegenwart ausgerichtet. Er will jene Beliebigkeit der juristischen Methodik überwinden, die das Recht zum Instrument totalitärer Systeme werden ließ. So bemüht er sich, die Rechtsgeschichte in der juristischen Ausbildung zu verankern und die Methoden des Rechts zu historisieren. 15 Jahre lang leitet er die Sommertagungen der Deutschen Richterakademie zur NS-Justiz, gründet 1999 sein Forum Justizgeschichte. Mit seinem enzyklopädischen Wissen um Akteure, Ereignisse und Strukturen des NS-Unrechts begeistert er viele und prägt eine Juristengeneration, die sich endlich mit der Verantwortung ihrer Zunft beschäftigt.
Die Verantwortung für eine humane Zukunft lässt Helmut Kramer in den 1980er Jahren auch zum Mitstreiter der Friedensbewegung werden. 1987 beteiligt er sich an der Blockade in Mutlangen, wird wie viele andere von Richter Offenloch zu einer Geldstrafe verurteilt. Später erläutert er in einem Interview, warum ihn die Angst vor möglichen Konsequenzen nicht von der Teilnahme abhielt. Für ihn sei klar gewesen: »Wenn du dich da heraus hältst, dann hast du aus den ganzen Jahren der intensiven Beschäftigung mit der NS-Justiz und ihren Ursachen nichts gelernt.«
Zu den Lehren aus der Vergangenheit gehört für Helmut Kramer auch ein solidarisches Verständnis des Rechts. Es sind vor allem die Schwächsten der Gesellschaft, die seiner bedürfen. Mit einer Selbstanzeige und einem Verfahren bis vor das Bundesverfassungsgericht erreicht er 2008 schließlich die Aufhebung des Rechtsberatungsgesetzes. Er öffnet damit den von ihm beratenen Totalverweigerern, vielen Minderheiten und sozialen Bewegungen einen leichteren Zugang zum Recht.
Sven Lüders (aus: Mitteilungen der Humanistischen Union.
Zeitschrift für Aufklärung und Bürgerrechte
, Nr. 208, Berlin 2010)

Helmut Kramer, geb. 1930, Dr. jur., Richter am Oberlandesgericht i.R., Studium der Geschichte und Rechtswissenschaft in Göttingen und Freiburg, Dissertation: »Fraktionsbindungen in den deutschen Volksvertretungen 1819–1849« (Duncker und Humblot, Berlin 1968), 1984–1989 Vertretungsprofessur an der Universität Bremen, Mitbegründer und bis 2006 Vorsitzender des Forum Justizgeschichte e.V., 1990–2005 Gestaltung und Leitung von Tagungen der Deutschen Richterakademie zur juristischen Zeitgeschichte.

Der Fritz-Bauer-Preis
Mit dem Fritz-Bauer-Preis würdigt die Humanistische Union herausragende Verdienste um die Humanisierung, Liberalisierung und Demokratisierung des Rechtswesens. Den Preis erhalten Frauen und Männer, die sich unerschrocken für eine gerechte und humane Gesellschaft eingesetzt haben, deren Zivilcourage Vorbild und Ansporn für bürgerrechtliches Engagement ist.
Der Fritz-Bauer-Preis ist die höchste Auszeichnung der Humanistischen Union. Der ideelle Preis wird im Gedenken an Dr. Fritz Bauer, den 1968 verstorbenen hessischen Generalstaatsanwalt und Mitbegründer der Humanistischen Union verliehen. Er war es, der die Verfolgung nationalsozialistischer Verbrechen ermöglichte und gegen zahlreiche Widerstände in der jungen Bundesrepublik durchsetzte. Der nach ihm benannte Preis wurde von der Humanistischen Union im Juli 1968, zwei Wochen nach dem Tod Fritz Bauers gestiftet. Er wird derzeit alle zwei Jahre vergeben.

Bisher wurde der Fritz-Bauer-Preis verliehen an:
Helga Einsele (1969), Gustav Heinemann (1970), Birgitta Wolf (1971), Emmy Diemer-Nicolaus (1972), Heinrich Hannover (1973), Helmut Ostermeyer (1975), Werner Hill (1976), Heinz-Dietrich Stark (1977), Gerald Grünwald (1978), Peggy Parnass (1980), Ulrich Vultejus (1981), Ruth Leuze (1982), Erich Küchenhoff (1983), Ulrich Finckh (1984), Rosi Wolf-Almanasreh (1985), Ossip Kurt Flechtheim (1986), Eckart Spoo (1988), Liselotte Funcke (1990), Erwin Fischer (1993), Hans Lisken (1995), Hanne und Klaus Vack (1996), Günter Grass (1997), Helga Seibert (1999), Regine Hildebrandt (2000), 28 Erstunterzeichnende des Aufrufes zur Desertion im Kosovo-Krieg (2001), Dieter Schenk (2003), Susanne von Paczensky (2004), Burkhard Hirsch (2006), Klaus Waterstradt (2008), Helmut Kramer (2010)

Kontakt

Humanistische Union e.V.
Greifswalder Straße 4
10405 Berlin
Tel: 030.204 502 56
Fax: 030.204 502 57
service(at)humanistische-union.de
www.humanistische-union.de
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Meron Mendel:
Neuer Leiter der Jugendbegegnungsstätte Anne Frank e.V.

Zum 1. Oktober 2010 übernahm Dr. Meron Mendel die Leitung der Frankfurter Jugendbegegnungsstätte Anne Frank. Die Einrichtung ist dem Gedenken an Anne Frank (1929–1945) gewidmet und vermittelt jungen Menschen universelle Werte der Demokratie, Zivilcourage und Menschenrechte.

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»Ich freue mich sehr auf diese verantwortungsvolle Aufgabe«, betont Dr. Mendel. »In einer Zeit, in der fremdenfeindliche Stimmen in die Mitte der Gesellschaft rücken – wie die Sarrazin-Debatte erneut zeigt –, sehen wir uns in unserer Zielsetzung bestätigt, allen Formen von Vorurteilen und Intoleranz entgegenzuwirken. Wir wollen in Zukunft verstärkt den interreligiösen und interkulturellen Dialog zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Frankfurt fördern.«
Meron Mendel wurde 1976 in Tel Aviv (Israel) geboren und lebt seit sieben Jahren in Frankfurt. Derzeit lehrt der Erziehungswissenschaftler und Historiker an der Goethe-Universität. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Migrationspädagogik, Menschenrechtsbildung und die Geschichte der Juden in der Bundesrepublik Deutschland. In den Jahren 2003 bis 2007 war Meron Mendel Bundesleiter der Zionistischen Jugend in Deutschland e.V.
Die Jugendbegegnungsstätte Anne Frank informiert mit ihrer multimedialen, interaktiven Ausstellung »Anne Frank. Ein Mädchen aus Deutschland« über Leben und Tagebuch der Anne Frank. Die Jugendbegegnungsstätte orientiert sich an Anne Franks Gedanken und Werten. Die Frage, was die Geschichte der NS-Zeit für heutige Jugendliche in Deutschland bedeuten kann, begründet ihre Arbeit. Im Vordergrund stehen Angebote zur Begegnung und Verständigung in einer zunehmend heterogenen Stadtgesellschaft. »Jugendliche«, so Meron Mendel, »sollen dazu angeregt werden, sich für Toleranz und Menschenrechte einzusetzen«
Das Angebot der Jugendbegegnungsstätte umfasst Projekttage, Seminare und Trainings – vor allem für Jugendliche, aber auch für MultiplikatorInnen und andere interessierte Erwachsene. Themen sind unter anderem Rechtsextremismus, Antisemitismus und Zivilcourage. Meron Mendel wird unterstützt von sieben Angestellten und mehr als zwanzig freien MitarbeiterInnen. Die Begegnungsstätte wird von einem Trägerverein betrieben und von der Stadt Frankfurt am Main maßgeblich finanziert, das Jahresbudget beträgt 330.000 Euro.

Kontakt
Jugendbegegnungsstätte Anne Frank e.V.
Hansaallee 150
60320 Frankfurt am Main
Tel.: 069.56000-20
info@jbs-anne-frank.de
www.jbs-anne-frank.de


Neu berufen:
Rebekka Voß, Seminar für Judaistik

Rebekka Voß ist seit Januar 2010 Juniorprofessorin für Geschichte des deutschen und europäischen Judentums am Seminar für Judaistik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

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Rebekka Voß studierte Judaistik/Jüdische Studien, Geschichte und Jiddische Kultur, Sprache und Literatur in Köln, Duisburg, Düsseldorf und an der Columbia University in New York. 2007 wurde sie in Düsseldorf mit einer Arbeit zur Beziehung von jüdischer und christlicher Apokalyptik im Deutschland des 16. Jahrhunderts summa cum laude promoviert. Anschließend forschte sie als Postdoc an der Bar Ilan University in Israel sowie in den USA an der Harvard und der Columbia University. Bevor sie ihre Tätigkeit in Frankfurt aufnahm, lehrte sie jüdische Geschichte an der New School in New York. Für ihre Arbeit hat Voß zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen erhalten, unter anderem den drupa-Preis 2008 der Messe Düsseldorf für eine herausragende geisteswissenschaftliche Dissertation und den Harry Starr Fellowship in Judaica der Harvard University.
Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der jüdischen Kultur-, Geistes- und Religionsgeschichte im Europa der Frühneuzeit und Neuzeit. Das besondere Interesse gilt den vielfältigen Beziehungen von Juden und Judentum zu der umgebenden Gesellschaft, Religion und Kultur und der gegenseitigen Wahrnehmung von Juden und Christen. Ihre aktuellen Forschungsprojekte beschäftigen sich unter anderem mit jüdisch-christlichem Legendengut, folkloristischen Motiven im Diasporadiskurs und jüdischen Reaktionen auf den Pietismus. Mit ihrer interdisziplinär ausgerichteten Forschung und Lehre stärkt Voß das Fach Judaistik im Bereich der jüdischen Geschichte. Sie will außerdem die Kooperation mit den verschiedenen Frankfurter Institutionen zur Erforschung jüdischer Geschichte weiter ausbauen.

Kontakt
Prof. Dr. Rebekka Voß
Goethe-Universität – Seminar für Judaistik
Fachbereich 9 (Sprach- und Kulturwissenschaften)
Mertonstraße 17
60054 Frankfurt am Main
Tel.: 069.798-22796
Fax: 069.798-23351
voss(at)em.uni-frankfurt.de
www.judaistik.uni-frankfurt.de


Auszeichnung:
Rosl und Paul Arnsberg-Preis 2010

Der Hauptpreis wurde in diesem Jahr an Prof. Dr. Andreas Gotzmann (Universität Erfurt) verliehen, den Förderpreis erhielt Benno Nietzel (Universität zu Köln).

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Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft hat zum zweiten Mal den Rosl und Paul Arnsberg-Preis vergeben. Der Preis zeichnet herausragende wissenschaftliche Arbeiten zur Geschichte der jüdischen Bürger Frankfurts aus. Für die Auswahl wurden sowohl bereits publizierte Arbeiten als auch Recherchevorhaben berücksichtigt, die neue Erkenntnisse erwarten lassen. Neben Eigenbewerbungen konnten auch Kandidaten von Dritten vorgeschlagen werden. Der Preis ist mit insgesamt 10.000 Euro dotiert und wurde am 18. August 2010 im Eisenhower-Saal der Goethe-Universität Frankfurt verliehen.
Der Preis wurde von der Jury in einen Haupt- und einen Förderpreis geteilt. Den Hauptpreis in Höhe von 8.000 Euro sprach sie Prof. Dr. Andreas Gotzmann (Universität Erfurt) für seine Arbeit »Jüdische Autonomie in der Frühen Neuzeit: Recht und Gemeinschaft im deutschen Judentum« aus. Benno Nietzel (Universität zu Köln) erhielt den Förderpreis in Höhe von 2.000 Euro für seine Arbeit zum Thema »Jüdische Unternehmer aus Frankfurt am Main 1924–1964: Ausgrenzung, Selbstbehauptung, Vernichtung, Bewältigung«.
Die Auswahl unter den Bewerbern traf eine Jury, der Prof. Dr. Raphael Gross (Direktor des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt am Main), Dr. Evelyn Brockhoff (Direktorin des Instituts für Stadtgeschichte) und Prof. Dr. Klaus Ring und Dr. Roland Kaehlbrandt als Vertreter der Stiftung Polytechnische Gesellschaft angehörten. Den Ehrenvorsitz der Jury führte Dr. Arno Lustiger.
Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft hatte diesen Preis zur Erforschung jüdischen Lebens in Frankfurt am Main zu Ehren des 100. Geburtstages von Rosl Arnsberg am 2. Juni 2008 erstmalig ausgelobt. Rosl Arnsberg verstarb am 1. Juni 2010, unmittelbar vor ihrem 102. Geburtstag. Rosl und Dr. Paul Arnsberg stehen als jüdische Bürger Frankfurts für ein Lebenswerk im Dienste der Aufarbeitung und Bewusstmachung des historischen Erbes der jüdischen Bürger Frankfurts. Zur diesjährigen Preisverleihung war ihr Sohn Gad aus Israel angereist.
Die erste Verleihung des Rosl und Paul Arnsberg-Preises fand im Januar letzten Jahres im Beisein von Rosl Arnsberg statt. Die Preisträger 2009 waren Dr. Helga Krohn für ihr Recherche- und Publikationsvorhaben »Juden in Frankfurt am Main 1945 bis in die Gegenwart« und André Griemert zur Förderung der Publikation seiner Staatsarbeit zum Thema »›Bürgerliche Verbesserung der Juden‹ durch Schule und Bildung? Das Frankfurter Philanthropin in der Kontroverse um die jüdische Emanzipation bis 1816«.
In einer sehr persönlich gehaltenen Rede zur Preisverleihung erzählte Stadträtin und Sozialdezernentin Prof. Dr. Daniela Birkenfeld von ihrem letzten Besuch bei Rosl Arnsberg in der Senioren Wohnanlage der Henry und Emma Budge-Stiftung in Frankfurt am Main. Sie habe ihr den Wunsch von den Augen ablesen können, ihr Werk fortzusetzen. So soll es geschehen: Der Rosl und Paul Arnsberg-Preis wird für 2012 erneut ausgeschrieben.

Kontakt
Stiftung Polytechnische Gesellschaft
Schaumainkai 91
60596 Frankfurt am Main
Tel.: 069.838 306 0
Fax: 069.838 306 19
info(at)sptg.de
www.sptg.de


Trude Simonsohn:
Ignatz-Bubis-Preis für Verständigung 2010

Das Kuratorium zur Verleihung des Ignatz-Bubis-Preises für Verständigung der Stadt Frankfurt am Main 2010 hat unter Vorsitz von Oberbürgermeisterin Petra Roth in einer Sitzung am 15. Februar entschieden, Trude Simonsohn auszuzeichnen. Die Verleihung des Preises fand am Montag, 26. April in der Frankfurter Paulskirche statt. Die Laudatio hielt Staatsministerin a.D. Ruth Wagner.

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Trude Simonsohn ist Vorsitzende des Rats der Überlebenden des Holocaust am Fritz Bauer Institut. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gratulieren herzlich zur hoch verdienten Auszeichnung!
Trude Simonsohn hat die Schrecken des Holocausts überlebt. Sie hat sich mit dem Namensgeber des Preises vor Jahrzehnten darüber ausgetauscht, wie bedeutsam es ist, jungen Menschen von diesen Menschheitsverbrechen zu berichten. Sie hat sich damals wie Ignatz Bubis zu diesem außerordentlichen Engagement persönlich bereit erklärt und spricht seitdem als Zeitzeugin nicht nur in Frankfurt, sondern in ganz Deutschland. Mit ihrem gewinnenden Wesen beeindruckt sie junge Menschen und hat damit Jugendlichen eine Wertorientierung der Menschlichkeit vermittelt. Zudem hat sie eine Lehrergeneration geprägt. Dabei erreicht sie eine Ausstrahlung weit über Schulen und Begegnungsstätten hinaus. Sie ist darüber hinaus aktiv, um auch die Generation der Kinder der Opfer in dieses wichtige Wirken einzubinden. Diese Basisarbeit ist einem Leben der Versöhnung und der Verständigung zwischen Menschen gewidmet. Der persönliche Mut ist zugleich ein Einsatz gegen Fremdenfeindlichkeit. Trude Simonsohn hat dabei ein außergewöhnliches Engagement und ein stets zukunftsorientiertes Handeln zum Aufbau einer friedlichen Welt mit Offenheit und Toleranz vorgelebt. Sie verkörpert somit in hervorragender Weise die Werte, für die sich Ignatz Bubis eingesetzt hat. Zwischen 1986 und 1998 war sie Mitglied des Vorstands und Vorsitzende des Gemeinderats der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Sie gehört dem Kuratorium der Jugendbegegnungsstätte Anne Frank an und ist Trägerin der Wilhelm Leuchner-Medallie und des Ehrensiegels der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.
Der Ignatz-Bubis-Preis ist mit 50.000 Euro dotiert und wird alle drei Jahre verliehen. Trude Simonsohn ist die vierte Preisträgerin nach den Preisträgern Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (2001), Bischof Prof. Dr. Franz Kamphaus (2004) sowie dem früheren Frankfurter Oberbürgermeister und Frankfurter Ehrenbürger Dr. Walter Wallmann (2007). Der Preis wurde nach dem Tod des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main von der Stadt Frankfurt am Main gestiftet. Damit ehrt die Stadt das Lebenswerk und die Persönlichkeit von Ignatz Bubis.


1. Doktorandenseminar
Neue Forschungen zu Geschichte und Wirkung des Holocaust

29. September bis 1. Oktober 2009 in der Evangelischen Akademie Arnoldshain

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Unter dem Titel »Neue Forschungen zu Geschichte und Wirkung des Holocaust« fand vom 29. September bis 1. Oktober 2009 in Arnoldshain das erste interdisziplinäre Doktorandenseminar des Fritz Bauer Instituts in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Arnoldshain statt. Jörg Osterloh (Fritz Bauer Institut) leitete die Veranstaltung gemeinsam mit Margrit Frölich (Evangelische Akademie Arnoldshain) und Susanne Heim (Institut für Zeitgeschichte, München/Berlin). Susanne Heim eröffnete das Seminar mit einem öffentlichen Abendvortrag zum Thema »Die Radikalisierung der nationalsozialistischen Judenpolitik 1938/39. Enteignung und Vertreibung am Vorabend des Zweiten Weltkriegs«, wobei sie den Zusammenhang von verschärfter Judenverfolgung und Kriegsvorbereitung des NS-Regimes betonte.

An den folgenden beiden Tagen stellten 13 Doktorandinnen und Doktoranden aus Deutschland, England und Spanien in einer geschlossenen Veranstaltung ihre geplanten beziehungsweise laufenden Arbeitsvorhaben zur Diskussion. Der erste Vortragsblock widmete sich zeithistorischen Promotionsprojekten. Janosch Steuwer (Bochum) berichtete über seine Studie über die »›Volksgemeinschaft‹ als Handlungsgemeinschaft. Zur Gesellschaftsgeschichte der Etablierung des Nationalsozialismus 1933–1939«, die unter anderem den Fragen nachgeht, wie sich die Volksgemeinschaft konstituierte. Peter Hallama (München) skizzierte seine vergleichende Arbeit über die »jüdischen Opferdiskurse in der Tschechoslowakei und in Österreich«. Barbara Hutzelmann (München) wiederum präsentierte ihre Untersuchung zum » Holocaust in der Slowakei 1938–1945«. Ihr Ziel ist es, eine Alltagsgeschichte der slowakischen Juden 1938–1945 zu verfassen, wobei sie sich auf das Schicksal von Kindern und Jugendlichen konzentriert.

Die folgenden Beiträge stellten film- und fotohistorische Untersuchungen vor. Anja Horstmann (Bielefeld) befasst sich mit »›Judenbildern fürs Archiv‹ – Die Gleichzeitigkeit von Archivierung und Vernichtung in nationalsozialistischen ›Dokumentarfilmen‹ 1942«. Sie erläuterte, dass die in den Ghettos entstandenen Filme die visuelle Grundlage für eine auf der NS-Ideologie basierende Erinnerung an das europäische Judentum dienen sollten; die Aufnahmen sollten freilich erst zum Abschluss der »Judenpolitik« Verwendung finden. Tanja Kinzel (Oldenburg) untersucht »Bilder aus nationalsozialistischen Ghettos: Die Perspektive der Fotografierenden«. Ihre Quelle ist ein Fotokonvolut von etwa 11.700 Bildern aus dem Ghetto Łódź, das sie einer qualitativen Bildanalyse unterzieht, um dessen Entstehungszusammenhänge zu rekonstruieren. Andreas Schneider (Gießen) und Michael Zok (Marburg) berichteten über ihre Forschungen zu »televisuellen Historiografien. Die Darstellung des Holocaust im west- und osteuropäischen Fernsehen, 1950er bis 1980er Jahre«. Andreas Schneider nimmt die televisuelle Gewaltdarstellung in Deutschland, den Niederlanden und in Großbritannien in den Blick. Michael Zok wiederum befasst sich vor allem mit Spielfilmen (»Blockbuster«) in Polen. Lea Wohl (Hamburg) schloss diesen Themenblock. In ihrer Dissertation geht sie der Frage »Und nach dem Holocaust? Jüdische Figuren und jüdisches Leben nach 1945 im deutschen Film und Fernsehen« nach. Sie untersucht, in welcher Weise Filme aus der Bundesrepublik und der DDR Auskunft über das deutsch-jüdische Verhältnis nach dem Holocaust geben.

Den dritten Tag der Veranstaltung eröffnete ein weiterer Block mit Vorträgen zu zeithistorischen Arbeiten. Markus Riverein (Frankfurt am Main) stellte seine biografische Studie zu Karl Wolff vor. Wolff, General der Waffen-SS, war Chef des Persönlichen Stabes des Reichsführers SS Heinrich Himmler. Nach dem Ende des »Dritten Reiches« trat er zunächst als Zeuge in verschiedenen NSG-Verfahren auf, bevor er schließlich 1962 selbst wegen Beihilfe zum Mord an 300.000 Juden angeklagt und 1964 schließlich zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Frank Görlich (Berlin) präsentierte seine konzeptionellen Überlegungen zum Thema »Kolonisation und Menschenvernichtung. Das Sonderkommando R der Volksdeutschen Mittelstelle in Transnistrien und der deutsch besetzten Ukraine 1941–1944«. Ziel der systematischen Analyse des deutschen Besatzungsregimes ist es, die Zusammenhänge von Germanisierung und Holocaust in Transnistrien aufzudecken. Katharina Stengel (Frankfurt am Main/Bochum) berichtete über ihre biografische Studie zu dem Auschwitz-Überlebenden Hermann Langbein. Ihr Erkenntnisinteresse reicht aber über die Person Langbeins hinaus; sie betrachtet die Überlebenden nicht als Opfer oder Zeugen, sondern vielmehr als Akteure in der öffentlichen Auseinandersetzung mit Auschwitz.

Im letzten Themenblock standen literaturwissenschaftliche Studien im Mittelpunkt. Veronika Kövers (London) Dissertationsvorhaben trägt den Arbeitstitel »Exilierte Sprache. Verschiebungen im Werk von Jean Amery und Imre Kertesz«. Sie versteht die Werke der beiden Autoren als zwei Modelle exilierter Sprache; beide hätten die Aufgabe geschultert, eine Sprache nach Auschwitz zu schaffen. Rosa Pérez Zancas (Barcelona) befasst sich mit der »Instrumentalisierung der literarischen Tradition zum Schreiben über den Holocaust: Ruth Klüger«. Pérez Zancas analysiert Klügers Werk, indem sie die vielschichtigen Stimmen in der Binnen- und der Rahmenhandlung der Erzählung voneinander isoliert.

Die Teilnehmer diskutierten die vorgestellten Projekte in einer angenehmen, aber zugleich konzentrierten Arbeitsatmosphäre. Im Mittelpunkt standen Fragen nach der Quellenlage, dem methodischen Zugriff und dem theoretischen Hintergrund der Arbeiten. Das Doktorandenseminar soll künftig als jährliche Veranstaltung im Terminkalender des Fritz Bauer Instituts etabliert werden. Das nächste Seminar wird vom 13. bis 15. September 2010 in Arnoldshain stattfinden; die Ko-Moderation übernimmt Dr. Sybille Steinbacher, die im Sommersemester 2010 als Gastprofessorin am Fritz Bauer Institut arbeiten wird.

Vorträge

Görlich, Frank (Berlin), Kolonisation und Menschenvernichtung. Das Sonderkommando R der Volksdeutschen Mittelstelle in Transnistrien und der deutsch besetzten Ukraine 1941–1944
Hallama, Peter (München), Jüdische Opferdiskurse in der Tschechoslowakei und in Österreich
Horstmann, Anja (Bielefeld), »Judenbilder fürs Archiv« – Die Gleichzeitigkeit von Archivierung und Vernichtung in nationalsozialistischen »Dokumentarfilmen« 1942
Hutzelmann, Barbara (München), Der Holocaust in der Slowakei 1938–1945
Kinzel, Tanja (Oldenburg), Bilder aus nationalsozialistischen Ghettos: Die Perspektive der Fotografierenden
Köver, Veronika (Brüssel), Exilierte Sprache. Verschiebungen im Werk von Jean Amery und Imre Kertesz
Perez Zancas, Rosa (Barcelona), Instrumentalisierung der literarischen Tradition zum Schreiben über den Holocaust: Ruth Klüger
Riverein, Markus (Frankfurt am Main), Karl Wolff – Eine politische Biographie
Schneider, Andreas (Gießen)/Zok, Michael (Marburg), Televisuelle Historiographien. Die Darstellung des Holocaust im west- und osteuropäischen Fernsehen, 1950er bis 1980er Jahre
Stengel, Katharina (Frankfurt am Main/Bochum), Hermann Langbein
Steuwer, Janosch (Bochum), »Volksgemeinschaft« als Handlungsgemeinschaft. Zur Gesellschaftsgeschichte der Etablierung des Nationalsozialismus 1933–1939
Wohl, Lea (Hamburg), Und nach dem Holocaust? Jüdische Figuren und jüdisches Leben nach 1945 im deutschen Film und Fernsehen

... Doktorandenseminar (Überblicksseite)

Kontakt
Dr. Jörg Osterloh
Fritz Bauer Institut
Telefon: +49 (0)69.798 322-35
Telefax: +49 (0)69.798 322-41
j.osterloh(at)fritz-bauer-institut.de



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Letzte Änderung: 01. September 2011

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