Fritz Bauer Institut

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Aufruf:
Leihgaben für Ausstellung zu Fritz Bauer gesucht

Das Fritz Bauer Institut plant in Verbindung mit dem Jüdischen Museum Frankfurt am Main eine Ausstellung zu Leben und Werk von Fritz Bauer.

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Die von Dr. Monika Boll kuratierte Ausstellung widmet sich den verschiedenen Facetten einer überaus komplexen Persönlichkeit. Sie stellt den Juristen vor, der die Auschwitz-Prozesse auf den Weg brachte, und den Strafrechtsreformer, der Resozialisierung an die Stelle von Vergeltung setzte. Sie würdigt den jüdischen Remigranten, den Sozialdemokraten, den Humanisten und den Publizisten Fritz Bauer. Und sie widmet sich dem Kunstkenner, in dessen Dienstzimmer »es nichts gab bis zum kleinsten Gegenstand hin, der nicht mit wirklicher Kultur ausgesucht war« (Johannes Strelitz, Hessischer Justizminister 1967–69). Fritz Bauer war neben anderem auch ein versierter Ästhet, der sich für die Architektur des Bauhauses begeisterte und seine eigenen Möbel mit Kunstverstand aussuchte.
Das Fritz Bauer Institut bittet um Ihre Unterstützung bei der Suche nach Briefen, Postkarten, Fotografien, aber auch nach Kunstgegenständen, Gemälden, Mobiliar oder Dingen des alltäglichen Gebrauchs, die in Verbindung mit Fritz Bauer stehen.

Fritz Bauer im Frankfurter Club Voltaire
Foto: Siegfried Träger

Kontakt
Fritz Bauer Institut
Werner Renz, Archiv und Bibliothek
Grüneburgplatz 1
60323 Frankfurt am Main
Tel.: 069.798 322-25, Fax: -41
w.renz(at)fritz-bauer-institut.de


Ronny Loewy
(10.4.1946, Tel Aviv – 9.8.2012, Frankfurt am Main)

Wir trauern um unseren lieben Kollegen und Freund

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Wir werden ihn sehr vermissen und nicht vergessen.

Raphael Gross, Gottfried Kößler, Werner Konitzer
Dorothee Becker, Dmitrij Belkin, Christoph Dieckmann,
Birgit Erdle, Wolfgang Geiger, Anne Gemeinhardt,
Martin Jost, Monica Kingreen, Manfred Levy,
Martin Liepach, Werner Lott, Jörg Osterloh,
Katharina Rauschenberger, Werner Renz,
Manuela Ritzheim, Wolfgang Treue

Fritz Bauer Institut, Frankfurt am Main


Nachruf

Der Nachgeborene. Zum Tod von Ronny Loewy

von Detlev Claussen
Frankfurt am Main im August 2012

Foto: © Werner Lott, 2011


Buber-Rosenzweig-Medaille 2013

Auszeichnung für das Fritz Bauer Institut und Mirjam Pressler

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Das Fritz Bauer Institut und die Schriftstellerin Mirjam Pressler erhalten die Buber-Rosenzweig-Medaille 2013. Dies gab der Vorstand des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit während seiner Mitgliederversammlung am 16. Juni in Bonn bekannt.

Das Fritz Bauer Institut habe als Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust konstruktive Anregungen zur Entwicklung eines kritischen Geschichtsbewusstseins in die deutsche Gesellschaft hineingetragen, heißt es in der Begründung. In der Auseinandersetzung mit Geschichte und Erinnerung, die das Institut mit interdisziplinären Forschungsprojekten, pädagogischen Modellen und in der Begleitung von Kommunen und Unternehmen bei deren eigener Erinnerungsarbeit leiste, wirke die Arbeit des Instituts in eine breite soziale und kulturelle Öffentlichkeit hinein. Mittels Lehrerfortbildungen und Studientagungen an Schulen und Jugendbildungsstätten würden die nachwachsenden Generationen in die geschichtliche Verantwortung mit einbezogen. Mit der Auszeichnung würdige der Deutsche Koordinierungsrat diese entschiedene Einmischung in den gesellschaftlichen Diskurs und das dezidierte Eintreten des Fritz Bauer Instituts für eine differenzierte Gedächtniskultur.

Mit der Auszeichnung Mirjam Presslers wolle man ihr herausragendes literarisches und übersetzerisches Werk würdigen. In ihren Romanen und Erzählungen, die nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Erwachsene ansprechen, habe Pressler es vermocht, jüdisches Leben in der Zeit des Nationalsozialismus und danach dem deutschen Publikum, insbesondere den nachwachsenden Generationen, erzählerisch nahe zu bringen. Mit ihren Übersetzungen aus dem Hebräischen, Jiddischen und Niederländischen sei es ihr zudem gelungen, Fremdheiten abzubauen und ein differenziertes, vielschichtiges Bild der israelischen Gesellschaft in der Folge des Holocaust zu vermitteln.

Beide Preisträger verkörperten ganz im Sinne von Martin Buber und Franz Rosenzweig auf vorbildhafte Weise den Geist dessen, was mit dem Jahresthema der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit im Jahr 2013 zum Ausdruck gebracht werden soll: Sachor (Gedenke): Der Zukunft ein Gedächtnis

Der Deutsche Koordinierungsrat vertritt als bundesweiter Dachverband die 84 Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Deutschland auf nationaler und internationaler Ebene. Er ist größtes Einzelmitglied im Internationalen Rat der Christen und Juden (ICCJ), in dem 32 nationale Vereinigungen für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit vertreten sind. Seit 1968 verleiht der er die Buber-Rosenzweig-Medaille in Erinnerung an die jüdischen Philosophen Martin Buber und Franz Rosenzweig. Ausgezeichnet werden Personen, Institutionen oder Initiativen, die sich insbesondere um die Verständigung zwischen Christen und Juden verdient gemacht haben.

Die Buber-Rosenzweig-Medaille wird der Schriftstellerin Mirjam Pressler und dem Fritz Bauer Institut am 3. März 2013 im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung der Woche der Brüderlichkeit im Staatstheater in Kassel verliehen werden.

Kontakt
Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit
Deutscher Koordinierungsrat e.V.
Otto-Weiß-Straße 2
61231 Bad Nauheim
Tel.: 06032.91110
info(at)deutscher-koordinierungsrat.de
www.deutscher-koordinierungsrat.de/node/1039


Robert-Goldmann-Stipendium der Stadt Reinheim

Auszeichnung für das Fritz Bauer Institut in Anerkennung seiner Forschungsarbeit

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Zum 13. Mal wurde in diesem Jahr das Robert-Goldmann-Stipendium der Stadt Reinheim verliehen. In Anerkennung seiner Forschungsarbeit bekam das an der Goethe-Universität Frankfurt beheimatete Fritz Bauer Institut den Preis zuerkannt. Damit wurde erstmals eine Institution mit dem jährlich vergebenen und mit € 5.000,– dotierten Stipendium ausgezeichnet.
Im Juni 1999 hatte die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Reinheim den Beschluss gefasst, das Robert-Goldmann-Stipendium auszuloben, um damit Leben und Wirken Robert Goldmanns zu würdigen, der sich stets für den Ausgleich zwischen Deutschen und Juden, gegen Antisemitismus und für Menschenrechte engagiert hat und dies bis heute tut.
Zur Übergabe des Stipendiums war Robert Goldmann aus New York angereist, um dem Direktor des Fritz Bauer Instituts, Prof. Dr. Raphael Gross, persönlich zu gratulieren. Die Verleihungsfeier fand am 22. Mai in der neuen Aula der Dr.-Kurt-Schumacher-Schule statt. Sie wurde von Bürgermeister Karl Hartmann moderiert. Grüße der städtischen Gremien überbrachte Stadtverordnetenvorsteher Harald Heiligenthal, Schulleiter Gerhard Cwielong schloss sich mit seinem Grußwort an. Den musikalischen Rahmen besorgten der Schulchor und die Lehrer-Band der Dr.-Kurt-Schumacher-Schule Reinheim.

In seiner Dankesrede berichtete Prof. Dr. Raphael Gross über die Entstehungsgeschichte der Verbindung des Namensgebers des Stzipendiums zum Institut und gab einen Ausblick auf die geplante Verwendung des Preisgeldes für ein neues Forschungsvorhaben:
»Das Fritz Bauer Institut hat 2002 die Ausstellung Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933–1945 vorbereitet. Ein Ausstellungsprojekt, welches aus einem größeren Forschungsprojekt zur Enteignung der jüdischen Bevölkerung im Nationalsozialismus hervorging. Damals entstand ein persönlicher Kontakt zu Robert Goldmann. Er stand für Gespräche zur Verfügung, gab dem Hessischen Rundfunk, der zum Thema der Ausstellung einen Dokumentarfilm drehte, ein längeres Interview und stellte der Ausstellung einige Exponate aus der ärztlichen Praxiseinrichtung seines Vaters zur Verfügung, die dieser bei der Flucht über England nach Amerika hatte retten können. Über diese Leihgaben waren wir besonders froh, da es bei einer Ausstellung zum Thema Raub und Enteignung natürlich per se sehr schwierig ist, aussagekräftige Gegenstände zu finden. Die Geschichte der Familie Goldmann ist seit nunmehr zehn Jahren ein wichtiger Teil der Wanderausstellung. Tafeln zur Familiengeschichte, das Fernsehinterview und die Vitrine, die die Geschichte der Enteignung der Familie erzählt, wurden auf fast allen der mittlerweile 17 Ausstellungsstationen gezeigt. Insofern ist die Verbindung des Fritz Bauer Instituts mit Herrn Goldmann eine längere Geschichte und umso mehr freuen wir uns über diesen Preis.«
[…]
»Die Rolle, die ehemalige NS-Verfolgte in späteren Prozessen als Zeugen spielten, ist bis heute niemals systematisch untersucht worden. Jeder von ihnen verband mit der Rolle als Zeuge verschiedene Hoffnungen. Auf Bestrafung, auf Gerechtigkeit, auf den Sieg des Kommunismus, auf die Bekämpfung des Faschismus, des Nazismus oder natürlich auch der Aufklärung darüber, was in den Lagern an unendlichem Leid Menschen Menschen angetan hatten.  Und dass dies niemals wieder geschehen sollte.
Mit dem Goldmann-Stipendium wird das Institut ein Forschungsprojekt beginnen zu den Zeugen in den Prozessen gegen NS-Verbrecher in der Nachkriegszeit. Ich bin froh, dass sich mit Dr. des. Katharina Stengel eine hervorragende Wissenschaftlerin gefunden hat, die sich diesem zentralen Thema der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus annehmen wird. Mit ihrer fundierten und kürzlich an der Universität Bochum eingereichten Dissertation über den Auschwitz-Überlebenden, Historiker, Publizisten und Zeugen im Frankfurter Auschwitz-Prozess, Hermann Langbein, hat sie eine wichtige Arbeit vorgelegt, die sie zu diesem neuen Projekt prädestiniert.«
[…]
»So viel ich von der Biographie Robert Goldmanns bisher erfahren durfte – und sein autobiographisches Buch in der von Walter Pehle betreuten Schwarzen Reihe sagt ja sehr viel – gehörte er zu denjenigen, die als Jugendlicher durch die Katastrophe vor der Katstrophe quasi noch rechtzeitig ins Exil gelangten. Trotzdem hat er genug an Nazismus und an Gleichgültigkeit, selbst seiner Klassenkameraden auf dem Schulhof in Frankfurt, erleben müssen, dass es verständlich gewesen wäre oder vielleicht sogar zu erwarten, dass er die Verbindungen zu Deutschland und seiner Geburtsstadt Reinheim für immer beendet hätte.
Dass er dennoch sich auf Deutschland wieder einließ, das verbindet ihn mit jemandem wie Fritz Bauer, der zurückkam und sich hier engagierte. Das Institut hofft, in diesem Sinne sich weiter mit der schwierigen Geschichte Deutschlands auseinanderzusetzen. Wir danken Herrn Goldmann und der Stadt Reinheim für ihre großzügige Unterstützung unserer Arbeit.«

Robert B. Goldmann wurde am 1. Mai 1921 als Sohn eines Landarztes jüdischen Glaubens in Reinheim im Odenwald geboren. Ab 1934 lebte die Familie in Frankfurt am Main. 1939 legte Robert Goldmann seine Abiturprüfung am Frankfurter Jüdischen Gymnasium »Philanthropin« ab. Kurz darauf emigrierte seine Familie über Großbritannien in die U.S.A., wo sie sich 1940 in New York niederließ. Goldmann studierte unter anderem an der Columbia-Universität in New York. Er arbeitete mehrere Jahre als Journalist für den Rundfunksender »Voice of America«, war Sprecher des von John F. Kennedy aufgelegten Lateinamerikaprogramms »Vision« und ab 1968 Mitarbeiter der »Ford Foundation«. Dabei widmete er sich insbesondere sozial- und entwicklungspolitischen Aufgaben in der Dritten Welt und wurde ein anerkannter Wegbereiter der deutsch-jüdischen Verständigung. Goldmann war für das »American Jewish Committee« tätig und trat 1980 in den Dienst der »Anti-Defamation League«, deren Europa-Büro in Paris er mehrere Jahre leitete. 1996 veröffentlichte er im Fischer Taschenbuch Verlag seine viel beachtete Lebens- und Familiengeschichte: Flucht in die Welt. Ein Lebensweg nach New York. Noch im Alter von 91 Jahren publiziert Goldmann regelmäßig in amerikanischen und deutschen Medien, wie der International Herald Tribune, dem Deutschlandradio Kultur, dem Rheinischen Merkur und in der Kolumne »Fremde Federn« der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 1996 wurde Goldmann mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet, 1998 erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt Reinheim. Am Vorabend der Vergabe des nach ihm benannten Stipendiums wurde Robert Goldmann in Frankfurt am Main der SSG-Medienpreis der Steuben-Schurz-Gesellschaft e.V., in Anerkennung seines publizistischen Wirkens für die deutsch-amerikanische Verständigung, verliehen.

Abb.: Der Reinheimer Ehrenbürger Robert Goldmann (links) im Gespräch mit Raphael Gross.
Foto: Karl-Heinz Bärtl

Kontakt
Stadtverwaltung Reinheim
Cestasplatz 1
64354 Reinheim
Tel.: 06162.805-0, Fax: -65
stadtverwaltung(at)reinheim.de
www.reinheim.de/Robert-Goldmann-Stipendium.1235.0.html


Prof. Dr. Moshe Zuckermann:
Israel, BRD und die Springer-Medien.
Anmerkungen zur westdeutschen Nachkriegszeit

Montag, 7. Mai 2012, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Audio-Aufzeichnung des Vortrags von Moshe Zuckermann

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Vortrag von Moshe Zuckermann
mp3-audio (45 Min., 64 kbit/s, 20.923 KB)

Vortrag im Rahmen des Begleitprogramms der Ausstellung
»Bild dir dein Volk! Axel Springer und die Juden«
(15. März bis 29. Juli 2012 im Jüdischen Museum Frankfurt)

Das Verhältnis zwischen der alten Bundesrepublik und Israel war in der Nachkriegszeit primär durch die Shoah-Erinnerung kodiert. Im restaurativen Klima der Adenauer-Ära der 1950er Jahre manifestierte sich das vornehmlich in der Materialisierung der Sühne durch die Wiedergutmachungsabkommen von 1952. Die 1960er Jahre zeichneten sich durch eine zunehmende Hinterfragung der jüngsten deutschen Vergangenheit aus. Diese wurde durch die linken Intellektuellen zum Topos erhoben. Zugleich zeichnete sich aber auch die Gesinnung dieser Intelligenz durch eine kritische Einstellung zu Israels Politik nach 1967. Axel Springers mediale Praxis stand im Schnittpunkt dieser Koordinaten: Zum einen eine vorbehaltlose Solidarität mit Israel, zum anderen eine damit einhergehende Attacke ebendieser kritischen Intelligenz. Die politische Kultur der BRD wurde weitgehend von diesen Spannungsfeldern geprägt.

Prof. Dr. Moshe Zuckermann ist Soziologe und Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv.

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Moshe Zuckermann auf Einladung des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt in der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Foto: © Werner Lott


Teilnachlass von Henry Ormond im Fritz Bauer Institut

Aus den Projekten des Fritz Bauer Instituts

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Brief Gerhard Kramers vom 16. September 1958 an Henry Ormond
... Brief als pdf-Datei

Vor einigen Wochen wurden Anwaltsakten aus dem Nachlass von Henry Ormond (1901–1973) an das Fritz Bauer Institut abgegeben. Ormond focht in den 50er Jahren den Entschädigungsprozess von Norbert Wollheim gegen die I.G. Farben durch, dem zu Beginn wenig Erfolgschancen prognostiziert worden waren. Bekannt wurde er zudem als Nebenklagevertreter im 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess und im Prozess gegen die Eichmann-Mitarbeiter Hermann Krumey und Otto Hunsche.
In seinem Nachlass findet sich auch dieser Brief vom 16. September 1958. Verfasst wurde er von Gerhard Kramer, zu dieser Zeit Bevollmächtigter der Stadt Hamburg bei der Bundesregierung. Ormond und Kramer beobachteten mit Sorge, dass das Ansehen Israels nach der Suez-Krise 1956ff in Deutschland schweren Schaden genommen hatte. Gemeinsam entwickelten sie den Plan, Axel Springer für ihre pro-israelische Politik zu gewinnen. Sie wollten erreichen, dass Springer eine medial begleitete Reise nach Israel unternimmt. Eine offizielle Einladung sollte von Felix Shinnar, dem Leiter der Israelmission, der provisorischen Vertretung Israels in Deutschland, ausgesprochen werden. Die Randnotiz Ormonds am Briefende zeigt, dass er Shinnar am 21. September 1958 in dieser Sache geschrieben hat. Tatsächlich wurde Springer von Shinnar wenige Wochen später auf eine Israelreise eingeladen – das erste Mal fuhr er jedoch erst im Jahr 1966 dorthin.
Vor einigen Wochen wurden Anwaltsakten aus dem Nachlass von Henry Ormond (1901–1973) an das Fritz Bauer Institut abgegeben. Ormond focht in den 50er Jahren den Entschädigungsprozess von Norbert Wollheim gegen die I.G. Farben durch, dem zu Beginn wenig Erfolgschancen prognostiziert worden waren. Bekannt wurde er zudem als Nebenklagevertreter im 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess und im Prozess gegen die Eichmann-Mitarbeiter Hermann Krumey und Otto Hunsche.
In seinem Nachlass findet sich auch dieser Brief vom 16. September 1958. Verfasst wurde er von Gerhard Kramer, zu dieser Zeit Bevollmächtigter der Stadt Hamburg bei der Bundesregierung. Ormond und Kramer beobachteten mit Sorge, dass das Ansehen Israels nach der Suez-Krise 1956ff in Deutschland schweren Schaden genommen hatte. Gemeinsam entwickelten sie den Plan, Axel Springer für ihre pro-israelische Politik zu gewinnen. Sie wollten erreichen, dass Springer eine medial begleitete Reise nach Israel unternimmt. Eine offizielle Einladung sollte von Felix Shinnar, dem Leiter der Israelmission, der provisorischen Vertretung Israels in Deutschland, ausgesprochen werden. Die Randnotiz Ormonds am Briefende zeigt, dass er Shinnar am 21. September 1958 in dieser Sache geschrieben hat. Tatsächlich wurde Springer von Shinnar wenige Wochen später auf eine Israelreise eingeladen – das erste Mal fuhr er jedoch erst im Jahr 1966 dorthin.


Call for Papers:
Doktoranden-Seminar des Fritz Bauer Instituts

Vom 10. bis 12. Oktober 2012 findet das vierte Doktoranden-Seminar des Fritz Bauer Instituts in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Arnoldshain statt.

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Das Seminar soll Doktoranden, die sich mit Fragen der Geschichte und Wirkung des Holocaust befassen, die Gelegenheit bieten, ihre Arbeiten zur Diskussion zu stellen und Kontakte zu anderen Doktoranden zu knüpfen, die zu ähnlichen Themen arbeiten. Die Teilnehmer sollen ihre geplanten und laufenden Forschungsvorhaben vorstellen; im Mittelpunkt steht die Diskussion von Fragestellungen, Methoden und Quellen. Das Angebot richtet sich gleichermaßen an Zeithistoriker, Politik-, Literatur-, Rechts- und Kulturwissenschaftler sowie Pädagogen. Um jede einzelne Arbeit intensiv besprechen zu können, ist die Teilnehmerzahl auf zehn beschränkt.
Die Veranstaltung wird in diesem Jahr von Dr. Margrit Frölich (Evangelische Akademie Arnoldshain), Prof. Dr. Birthe Kundrus (Universität Hamburg) sowie Dr. Jörg Osterloh (Fritz Bauer Institut) moderiert.

Interessenten, die ihre Forschungsvorhaben vorstellen möchten, bewerben sich mit einer maximal zweiseitigen Projektskizze und einem kurzen Lebenslauf bis zum 29. Februar 2012 beim Fritz Bauer Institut. Bereits abgeschlossene Arbeiten können grundsätzlich nicht berücksichtigt werden.
Ort der Veranstaltung ist die Evangelische Akademie Arnoldshain. Das Fritz Bauer Institut und die Evangelische Akademie Arnoldshain übernehmen die Reise-, Übernachtungs- und Verpflegungskosten für die Teilnehmer.

... Doktorandenseminar (Überblicksseite)

Kontakt
Dr. Jörg Osterloh
Fritz Bauer Institut
Grüneburgplatz 1
60323 Frankfurt am Main
Tel.: 069.798 322-35
Fax: 069.798 322-41
j.osterloh(at)fritz-bauer-institut.de


Association of European Jewish Museums:
Hanno Loewy zum neuen Präsidenten gewählt 

AEJM-Jahreskonferenz 2011
19. bis 22. November im Jüdischen Museum London

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Hanno Loewy (v. l.) und Teilnehmer der AEJM- Jahreskonferenz vor dem Eingang zum Jüdischen Museum London (Foto: Ian Lillicrapp)

Auf ihrer Jahreskonferenz 2011 in London hat die »Association of European Jewish Museums« Dr. Hanno Loewy, den Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, zu ihrem neuen Präsidenten gewählt. Er tritt in Nachfolge von Rickie Burman, der Direktorin des Jüdischen Museums in London. Dem Vorstand gehören weiterhin an: Hetty Berg (Jüdisches Museum Amsterdam), Magda Veselská (Jüdisches Museum Prag), Erika Perahia Zemour (Jüdisches Museum Tessaloniki) und Daniela Eisenstein (Jüdisches Museum Franken).
Die 90 Delegierten von 45 Jüdischen Museen zwischen Spanien und der Ukraine, Norwegen und der Türkei – sowie zahlreiche Gäste aus den USA und aus Südamerika – diskutierten bei ihrem Treffen Perspektiven Jüdischer Museen in der Gegenwart, neue Ansätze der Vermittlungsarbeit in der multi-ethnischen Einwanderungsgesellschaft, aber auch gemeinsame Projekte zur Erinnerung an die prekäre Situation der europäischen Juden im 1. Weltkrieg. Der Verband der jüdischen Museen organisiert regelmäßig Workshops und Kuratorentraining für seine Mitglieder. In Zukunft kommen nun auch Weiterbildungen für die Museumspädagogen, Beratungsangebote und Internships dazu, die dazu beitragen sollen, dass kleinere Museen und neugegründete Institutionen, nicht zuletzt in Ost- und Mitteleuropa, von den Erfahrungen der großen Einrichtungen, wie in Paris und Berlin, Frankfurt oder Prag profitieren können – aber auch die arrivierten Museen von der geografischen und kulturellen Vielfalt europäisch-jüdischer Diasporaerfahrung.
Der Museumsverband AEJM hat sich aus seinen Anfängen vor mehr als zwanzig Jahren zu einem starken Partner der Museen entwickelt, der ihre Unabhängigkeit von politischen- und Verbandsinteressen fördert und ihre Professionalisierung vorantreibt. Die Entwicklung hoher Standards der Provenienzforschung und eines bewussten Umgangs mit dem jüdischen Erbe macht die jüdischen Museen nicht nur zu einer bedeutenden Ressource für die Entwicklung jüdischen Lebens in Europa, sondern auch zu einem Modell für die Anerkennung der Vielfalt europäischen Kulturerbes, in einer durch Einwanderung und Diversität geprägten Gegenwart.
Die AEJM-Konferenzen werden im jährlichen Wechsel an verschiedenen europäischen Orten abgehalten. So erhalten die Mitglieder Gelegenheit, mehr über die jeweiligen Sammlungen der Einrichtungen zu erfahren und in den die Konferenz begleitenden Workshops deren pädagogische Arbeitsmethoden kennenzulernen. Die Hauptversammlung der AEJM findet ebenfalls im Rahmen der Jahreskonferenz statt.

Kontakt
Association of European Jewish Museums
www.aejm.org
Jewish Museum London
www.jewishmuseum.org.uk
Jüdisches Museum Hohenems
www.jm-hohenems.at


3. Doktorandenseminar
Neue Forschungen zu Geschichte und Wirkung des Holocaust

7. bis 9. Juni 2011 in der Evangelischen Akademie Arnoldshain

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Vom 7. bis 9. Juni 2011 fand in Arnoldshain das dritte interdisziplinäre Doktorandenseminar des Fritz Bauer Instituts in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Arnoldshain statt. Andrea Löw (München) eröffnete die Veranstaltung mit einem öffentlichen Vortrag zum Thema »Chronisten des Gettos: Dokumentationstätigkeit in Litzmannstadt, Warschau und Białystok«. Löw fokussierte ihre Darstellung auf die Personen, Intentionen, Quellen und die Arbeitsweisen der Chronisten. Ihnen war das Ziel gemein, das Geschehen dokumentieren und den Tätern nicht das Bild von den Ghettos und ihren Bewohnern überlassen zu wollen.

An den folgenden beiden Tagen präsentierten zehn Doktorandinnen und Doktoranden von deutschen, österreichischen und niederländischen Universitäten in einer geschlossenen Veranstaltung ihre geplanten bzw. laufenden Projekte. Den Auftakt machte Christof Czech (Innsbruck), der die Funktionäre der Gauleitungen und die Kreisleiter der NSDAP in der »Ostmark« untersucht, die in den neu geschaffenen »Reichsgauen« Partei- und Staatsfunktionen zugleich ausübten. Die politische Sammelbiografie soll die Lebenswege der NS-Funktionäre über das Ende des »Dritten Reiches« hinaus nachzeichnen, um zu überprüfen, welche Karrieren nach 1945 noch möglich waren. Mirja Keller (Frankfurt am Main) befasst sich mit der Entwicklung der religiös-zionistischen Kibbuzbewegung auf europäischer Ebene (1933–1945). Sie betont, dass Fluchthilfe als Teil des jüdischen Widerstands und der Selbsthilfe bislang nicht hinreichend erforscht worden ist. Sie nimmt den transnational organisierten Chaluz-Verband Bachad in den Blick, der nach 1933 Hachschara-Zentren unter anderem in England, Frankreich, Belgien und den Niederlanden organisierte, und fragt nach dessen Ursprung, Organisation sowie ideologischen Zielen. Dagmar Lieske (Berlin) beschäftigt sich mit dem Instrument der kriminalpolizeilichen Vorbeugehaft im Nationalsozialismus und »Kriminellen« als Häftlingen im KZ Sachsenhausen. Trotz der großen Zahl Betroffener – es ist von 70.000 »Kriminellen« in den KZs auszugehen, von denen die Hälfte nicht überlebte – spielten »Berufsverbrecher« in den Gedenkstätten lange Zeit zumeist eine Nebenrolle. In diesem Kontext fragt Lieske auch nach den Kontinuitätslinien der Stigmatisierung nach 1945. Hanna Schmidt Holländer (Hamburg) setzt sich mit der Bildung in den »jüdischen« Ghettos im Zweiten Weltkrieg auseinander. Sie vertritt die These, dass neben den bislang gängigen Antworten – Flucht vor dem Alltag, geistiger Widerstand, Bildung eines jüdischen Nationalbewusstseins – Bildungsmöglichkeiten auch geschaffen wurden, um in den Ghettos die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Judith Weißbach (Heidelberg) stellte ihre Arbeit zur »Transformation jüdischer Identität – der Erinnerungsdiskurs deutschsprachiger jüdischer Flüchtlinge über das Exil in Schanghai 1938–1949« vor. Dort befand sich eine der größten Exilgemeinden; Weißbach analysiert auf Basis veröffentlichter und unveröffentlichter Autobiografien das Erleben von Verfolgung, Flucht, Exil und Nachexil. Sebastian Voigt (Leipzig) präsentierte sein Vorhaben zur »politischen Erfahrungsgeschichte jüdischer Intellektueller im Nachkriegsfrankreich«. Er befasst sich mit Daniel Cohn-Bendit (Jg. 1945), André Glucksmann (Jg. 1937) und dem heute weitgehend unbekannten Pierre Goldman (1944–1979). Er fragt unter anderem nach den Zusammenhängen zwischen »Herkunft und Erkenntnis« und wie die merkliche Präsenz von Juden in den verschiedenen linken Gruppen in Frankreich 1968 zu erklären ist. Zum Abschluss des zweiten Tages skizzierte Britta C. Jung (Groningen) ihre Arbeit über die »Transnationalisierung des Nationalen. Nationalisierung des Transnationalen: Die Inszenierung des Nationalsozialismus und Holocausts in der zeitgenössischen Jugendliteratur«. Sie geht davon aus, dass sich in keiner anderen Textgattung das Selbstverständnis einer Gemeinschaft so sehr reflektiert wie in den Texten, die Erwachsene speziell für Kinder und Jugendliche schreiben.

Den dritten Seminartag eröffnete Katharina Obens (Berlin), die sich mit der Rezeption von NS-Zeitzeugengesprächen bei Schülern in Deutschland beschäftigt. Ziel der sozialpsychologischen Rezeptionsforschung in der Arbeit von Obens ist es, Kriterien für die zukünftige pädagogische Arbeit mit lebensgeschichtlichen Interviews zu erarbeiten. Sarah Kleinmann (Tübingen) nimmt in ihrer Arbeit die museale Repräsentation von NS-Täterschaft, Täterinnen und Tätern in den Blick. Mahnmale und Gedenkstätten für die Opfer spielen im gesellschaftlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit eine zentrale Rolle; sie stehen, so Kleinmann, aber auch für eine Auseinandersetzung mit den Tätern. Geplant ist die Untersuchung von etwa zehn Dauerausstellungen. Fabian Schwanzar (Jena) untersucht in seinem Projekt das Verhältnis von Gedenkstättenbewegung, Erinnerungskultur und Geschichtspolitik von 1979 bis 1990 und fragt nach den sozialen und politischen Bedingungen für das Entstehen von Gedenkstätten.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten sehr intensiv über die vorgestellten Projekte; im Fokus standen hierbei die Quellengrundlagen, die methodischen Zugriffe und vor allem auch die inhaltlichen Abgrenzungen der einzelnen Themen. Das nächste Doktorandenseminar wird voraussichtlich vom 10. bis 12. Oktober 2012 in der Evangelischen Akademie Arnoldshain stattfinden.

Vorträge

Czech, Christof (Innsbruck), Politisches Spitzenpersonal der Ostmark. Die Funktionäre der Gauleitungen und die Kreisleiter. Eine politische Sammelbiographie
Jung, Britta C.  (Groningen), Transnationalsierung des Nationalen. Nationalisierung des Transnationalen: Die Inszenierung des Nationalsozialismus und Holocaust in der zeitgenössischen Jugendliteratur
Keller, Mirja (Frankfurt am Main), Die transnationale Entwicklung der religiös-zionistischen Kibbuzbewegung auf europäischer Ebene von 1933 bis 1945
Kleinmann, Sarah (Tübingen), Museale Repräsentation von NS-Täterschaft, Täterinnen und Tätern
Lieske, Dagmar (Berlin), Unbequeme Opfer? Das Instrument der kriminalpolizeilichen Vorbeugehaft im Nationalsozialismus und »Kriminelle« als Häftlinge im KZ Sachsenhausen
Obens, Katharina (Berlin), Rezeption von NS-Zeitzeugengesprächen bei Schülerinnen in Deutschland – Geschichtsbewusstseinsforschung mit Gruppendiskussionen
Schmidt Holländer, Hanna (Hamburg), Bildung in den »jüdischen« Ghettos im Zweiten Weltkrieg
Schwanzar, Fabian (Jena), Vom Protest zur Erinnerung. Gedenkstättenbewegung und Geschichtspolitik 1979–1990
Voigt, Sebastian (Leipzig), Zwischen Resistance und Holocaust. Zur politischen Erfahrungsgeschichte jüdischer Intellektueller im Nachkriegsfrankreich
Weißbach, Judith (Heidelberg), Transformation jüdischer Identität – der Erinnerungsdiskurs deutschsprachiger jüdischer Flüchtlinge über das Exil in Schanghai 1938–1949

... Doktorandenseminar (Überblicksseite)

Kontakt
Dr. Jörg Osterloh
Fritz Bauer Institut
Telefon: +49 (0)69.798 322-35
Telefax: +49 (0)69.798 322-41
j.osterloh(at)fritz-bauer-institut.de


Axel Springer
Juden, Deutsche und Israelis

Internationale Konferenz, 27. und 28. März 2011 in Frankfurt am Main
Fritz Bauer Institut und Jüdisches Museum Frankfurt

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»Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen« und »die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes« sind für die Redakteure des Axel Springer Verlags per Arbeitsvertrag verbindliche Ziele. Zwanzig Jahre nach dem Holocaust verschrieb sich Axel Springer (1912–1985) dieser proisraelischen Haltung, die ein persönliches Anliegen für ihn wurde. Wie kam er dazu und wie war seine Haltung zu Israel und den Juden?

Die internationale Konferenz des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt war ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitung einer Ausstellung zum gleichen Thema, die am 13. März 2012 im Jüdischen Museum Frankfurt eröffnet wird. Wissenschaftler, Politiker, Journalisten und Medienexperten beleuchteten dabei die Position Axel Springers und seines Konzerns in der deutschen Nachkriegsgesellschaft.

Die Tagung wurde am 27. März im Museum Judengasse mit einem Grußwort von Raphael Gross (Direktor des Jüdischen Museums Frankfurt und des Fritz Bauer Instituts) eröffnet. Gross wies darauf hin, wie konfliktreich die Beschäftigung mit dem Thema »Axel Springer« bis heute sei und betonte, dass man die Konflikte nicht wiederholen wolle, sondern sich in dem geplanten Ausstellungsprojekt vielmehr mit den Kontroversen auseinandersetzen und neue Perspektiven aufzeigen wolle.

Dmitrij Belkin (Fritz Bauer Institut) stellte in seiner Präsentation »BILD dir dein Volk! Axel Springer und der Postholocaust-Boulevard« die zentralen Fragen vor, denen das Ausstellungsprojekt nachgehen wird. Dabei interessiert Belkin besonders die »positive mediale deutsch-israelische Symbiose«, die von Springer durch die Herstellung einer Parallele zwischen den geteilten Städten Berlin und Jerusalem generiert wurde.

Der Abendvortrag von Avi Primor (Israelischer Botschafter in Deutschland a.D., Direktor des Zentrums für Europäische Studien, Herzliya) rundete den ersten Konferenztag ab. Aus seiner politischen und persönlichen Perspektive schilderte Primor einige Aspekte der deutsch-israelischen Beziehungen, vor denen sich die Aktivitäten Springers abspielten. Seiner Ansicht nach brauchte Israel demnach »einen Freund wie Axel Springer«, da nicht politische Entscheidungen, sondern zwischenmenschliche Beziehungen zu einer Akzeptanz der deutschen Wiedergutmachungsbemühungen innerhalb der israelischen Gesellschaft führten.

Der zweite Konferenztag an der Goethe-Universität, Campus Westend, wurde mit der Sektion »Kollegen« eröffnet, in welcher die Frage danach, wie ein Nebeneinander von Juden und NS-Belasteten in der Führungsetage des Springer Verlags möglich war, im Mittelpunkt stand. In dem von Erik Lindner (Axel Springer Stiftung, Berlin) moderierten Panel gab zunächst Christian Plöger (Jagdfeld Gruppe, Berlin) Einblick in die Biografie von Paul Karl Schmidt alias Paul Carell (1911–1997). Als früherer Pressesprecher des NS-Außenministers Carl Ribbentrop und ehemaliges ranghohes Mitglied der SS war Carell bis zum Tod Springers dessen enger Vertrauter, Redenschreiber und Sicherheitschef. Gleichzeitig war Ernst Cramer (1913–2010), der im Mittelpunkt des Vortrags von Gudrun Kruip (Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, Stuttgart) stand, von 1958 an bis zu seinem Tod im Jahre 2010 ebenfalls einer der engsten Berater und Freunde Axel Springers. Obwohl er als Jude einen Teil seiner Familie im Holocaust verloren hatte, wurde die Vergangenheit mancher Kollegen, so Kruip, von ihm in der Regel heruntergespielt und trat hinter die Diskussionen über aktuelle Themen zurück.

Wolfgang Kraushaar (Hamburger Institut für Sozialforschung) ging in seinem Vortrag »Axel Springer als Zielscheibe der RAF«, welcher das von Raphael Gross moderierte Panel »RAF, Axel Springer, Israel« eröffnete, zunächst auf die Rolle Springers als »negative Idealfigur« für die Studentenbewegung ein. Diese griff den Verleger besonders für seine »Heile-Welt-Ideologie« und die Monopolisierung der Medienmacht an. Die Anhänger der RAF forderten jedoch, Springer auch ökonomisch anzugreifen – eine Position, die in der Parole »Enteignet Springer!« gipfelte.

Werner Konitzer (Fritz Bauer Institut) beleuchtete in seinem anschließenden Vortrag »Meinhof, Springer, Israel« speziell die publizistischen Agitationen Ulrike Meinhofs gegen die proisraelische Haltung der Springer-Presse und legte dabei besonderes Augenmerk auf ihren im Juli 1967 als Reaktion auf den Sechstagekrieg in der Zeitschrift konkret veröffentlichten Kommentar, wonach die Springer-Presse neben der europäischen Linken und den US-amerikanischen Ölinteressenten zu den »Drei Freunde[n] Israels« gehöre und die BILD-Zeitung am Berg Sinai nach 25 Jahren »doch noch die Schlacht von Stalingrad gewonnen« habe.

In der dritten Sektion präsentierten Jochen Staadt (Forschungsverbund SED-Staat, Berlin) und Stefan Wolle (DDR-Museum, Berlin) unter dem Titel »Stasi, Springer und der ›Antizionismus‹ der DDR« Ausschnitte aus dem fünfteiligen DDR-Propagandafilm Ich, Axel Caesar Springer von 1970, die sich um ein inszeniertes geheimes Treffen Springers mit israelischen Politikern in Israel drehen. Als Unterstützer der arabischen Staaten, so Staadt und Wolle, habe die SED im Zionismus eine Form von Faschismus gesehen und demnach gleichsam Axel Springer als Faschisten »enttarnt«.

In dem von Georg M. Hafner (Hessischer Rundfunk) eingeführten Panel »Springer-Presse, Israel, Medienpolitik« schilderte zunächst Ulrich W. Sahm (Journalist und Publizist, Jerusalem) in seinem Vortrag »Axel Springer Verlag und die deutsche Medienkontroverse um das ›Gelobte Land‹« aus der Perspektive seiner »35-jährigen journalistischen Odyssee« die deutsche Medienberichterstattung über den israelisch-palästinensischen Konflikt. Im Anschluss daran gingen die Medienexperten Michael Behrent (SCRIPT Corporate + Public Communication, Frankfurt am Main) und Klaus Kocks (PR-Berater und Publizist) unter dem Titel »Fabelhafte Leitkultur: Zur vorsätzlich israelfreundlichen Berichterstattungspolitik des Springer Verlages« intensiv auf die 1967 formulierten »fünf gesellschaftspolitischen Grundsätze« des Springer Verlages ein, wonach das »Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen« und »die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes« angestrebt werden sollen.

Einen Höhepunkt der Konferenz, wie sich auch an der Zahl der Zuschauer manifestierte, bildete zweifelsohne der von Esther Schapira (Hessischer Rundfunk) moderierte Round Table, an welchem Daniel Cohn-Bendit (Co-Vorsitzender der Fraktion Die Grünen/Europäische Freie Allianz im Europäischen Parlament, Brüssel), Gudrun Kruip (Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, Stuttgart) Christina von Hodenberg (Queen Mary University of London) und Thomas Schmied (Herausgeber der WELT-Gruppe, Axel Springer AG, Berlin) teilnahmen. Einerseits wurde hier aus der Sicht von Zeitzeugen und persönlich Involvierten, andererseits aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft die Frage »Axel Springer und die Juden. Eine bundesrepublikanische Geschichte?« diskutiert.

In seinem abschließenden Kommentar formulierte Norbert Frei (Friedrich-Schiller-Universität Jena/New School, New York) durch die Zusammenfassung zentraler, in den Vorträgen postulierter Thesen mögliche ausstellungsrelevante Fragestellungen. Dabei ging er besonders ein auf die Bedeutung der Springer-Presse der 1950er und frühen 1960er Jahre und die zentrale Rolle der BILD-Zeitung in der Konstituierung der Medienlandschaft und der Öffentlichkeit in der Bundesrepublik.

Insgesamt bot die Tagung einen umfangreichen Überblick über viele bisher unbekannte Facetten des Springer Verlags und dessen Gründer Axel Springer – ein Thema, das viele interessiert und bis heute polarisiert, wovon ein zahlreiches und aktiv diskutierendes Publikum beredtes Zeugnis ablegte (über 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wohnten den Vorträgen an beiden Konferenzorten bei). Die Konferenz stieß darüber hinaus auf ein signifikantes Interesse bei lokalen und deutschlandweiten Presseorganen und Radiosendern. Zahlreiche Ideen und Impulse der internationalen Konferenz werden sowohl im Katalog zur Ausstellung als auch bei der weiteren Ausstellungsplanung eine wichtige Rolle spielen.

Bericht von Anne Gemeinhardt, Fritz Bauer Institut

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