Legalisierter Raub Eine Ausstellung des Fritz Bauer Instituts und des Hessischen Rundfunks, Nächste Ausstellungsstation: Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung Die Ausstellung, die durch das Fritz Bauer Institut und den Hessischen Rundfunk mit Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst erarbeitet wurde, wird vom 12. März bis 22. Oktober 2010 auf Einladung des Studienzentrums der Finanzverwaltung und Justiz in Rotenburg a. d. Fulda und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hersfeld-Rotenburg e.V. im Studienzentrum zu sehen sein. Für die Präsentation wird die Ausstellung mit einem neuen, regionalen Schwerpunkt versehen, der sich mit der Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung in Rotenburg, Bad Hersfeld, Bebra und Umgebung beschäftigen wird. Darüber hinaus ist ein umfangreiches Begleitprogramm mit Lesungen, Zeitzeugenveranstaltungen, Filmvorführungen, Stadtrundgängen und Vorträgen geplant. Neben dem Studienzentrum der Finanzverwaltung und Justiz und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit beteiligen sich zahlreiche Institutionen und Organisationen an der Vorbereitung der Präsentation: Sparkasse Bad Hersfeld-Rotenburg, Landeszentrale für politische Bildung, Geschichtsverein Altkreis Rotenburg im VHG , Stadtmarketingverein Rotenburg, Förderkreis Ehemaliges Jüdisches Ritualbadbad Rotenburg, Volkshochschule des Landkreises Hersfeld-Rotenburg, Verkehrs- und Kulturamt Rotenburg. Die Ausstellung war seit ihrer ersten Präsentation in Frankfurt am Main im Mai 2002 in Marburg, Gießen, Darmstadt, Fulda, Kassel, Wetzlar, Wiesbaden, Offenbach, Berlin, Friedberg, Groß-Gerau, Hanau und Limburg zu sehen.
Kennkarte von Jachet Katz. So wie bei allen zur Deportation erfassten Juden wurde auch bei Jachet Katz aus Nentershausen überprüft, ob sie einen geeigneten Koffer besaß. Zu diesem Zweck reiste am 3. Januar 1941 ein Gerichtsvollzieher aus Sontra an. Auftraggeber war die beim Landesfinanzamt angesiedelte Devisenstelle, die eine maßgebliche Rolle bei der wirtschaftlichen Verdrängung, Überwachung und Ausplünderung deutscher Juden spielte. Den Wert des Handkoffers taxierte der Gerichtsvollzieher auf 9 Reichsmark, für die Schätzung stellte er Jachet Katz 20 Mark in Rechnung, plus 2,16 Mark Reisekosten und 50 Pfennig Schreibgebühren. Informationen zum Begleitprogramm der Ausstellungsstation Rotenburg a. d. Fulda Vorgeschichte der Ausstellung Eine Ausstellung von Prof. Dr. Wolfgang Dreßen, die 1998 im Stadtmuseum Düsseldorf unter dem Titel „Betrifft: ‚Aktion 3'. Deutsche verwerten jüdische Nachbarn“ eröffnet wurde, rückte die fiskalische Ausplünderung der Juden im Nationalsozialismus erstmals in das Blickfeld einer weiteren Öffentlichkeit. Gezeigt wurden dort Unterlagen aus dem Bezirk der Oberfinanzdirektion Köln, doch die Ausstellung löste eine bundesweite Debatte aus: Sie warf einerseits erneut die Frage auf, was die deutsche Bevölkerung von der Ermordung der Juden gewusst hatte. Andererseits: Handelte es sich bei den nun veröffentlichten Dokumenten um Steuerakten, die dem Steuergeheimnis unterlagen oder handelte es sich um Akten der historischen Forschung? Karl Starzacher, Hessischer Minister der Finanzen, wies die Finanzbehörden des Landes an, in ihren Beständen nach NS-Unterlagen zu suchen. Im Dezember 1998 übergab er im Rahmen einer Pressekonferenz vier Aktenkonvolute der ehemaligen Reichsfinanzverwaltung, die im Archiv der Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main gelegen hatten, an die Frankfurter Jüdische Gemeinde. Seine Erkenntnisse und Fragen formulierte er so: „Es wurden Tausende vertrieben, alles sprach dafür, dass sie nie mehr zurückkehren würden“, doch Zweifel, weshalb die Opfer, die angeblich nur in die sogenannten „Ostgebiete“ umgesiedelt werden sollten, keinerlei Möbel, Gebrauchsgegenstände oder Wäsche mehr brauchten, seien in der Finanzverwaltung offensichtlich nicht aufgekommen. Stattdessen habe sie die Einziehung und Verwertung von Vermögen der Deportierten „reibungslos und ohne jede Skrupel“ administriert. Große Nachfrage aus der Bevölkerung verzeichnen die Dokumente auch nach dem gerade erst beschlagnahmten Besitz der Deportierten. Bei den öffentlichen Versteigerungen ihrer letzten Habseligkeiten sei der Zulauf „außerordentlich groß“ gewesen. Für Karl Starzacher ergab sich aus den Dokumenten: „Sehr viele haben gewusst oder haben wissen können, was tatsächlich vor sich ging. Und nicht wenige haben von der Vertreibung der Juden profitiert.“
Forschungsprojekt Auch in den hessischen Staatsarchiven lagen umfangreiche Aktenbestände zum Thema vor, aber es fehlte an einer zusammenhängenden Darstellung. 1999 stellte das Land Hessen die Mittel für ein Forschungsprojekt zur Verfügung, das vom Fritz Bauer Institut in enger Zusammenarbeit mit dem Hessischen Hauptstaatsarchiv durchgeführt wurde. Die gesichteten Devisenakten, Steuerakten, Vermögenskontrollakten und Handakten jüdischer Rechtsanwälte zeigen, dass unterschiedliche Dienststellen in Finanzbehörden, Zollfahndung und Devisenstellen gemeinsam mit der Gestapo und anderen Organisationen in gesetzlich legalisierten Aktionen Sparbücher, Devisenguthaben und Wertpapierdepots jüdischer Bürgerinnen und Bürger einzogen. Sie belegten ihre Opfer mit Sondersteuern und Strafkontributionen und versteigerten öffentlich das Hab und Gut der aus Deutschland Geflohenen oder Deportierten. In der Folge verdiente das „Deutsche Reich“ durch die Reichsfluchtsteuer an denen, die es in die Emigration trieb, wie an denen, die blieben, weil ihnen das Geld für die Auswanderung fehlte oder weil sie ihre Heimat trotz allem nicht verlassen wollten. Die Ausplünderung war ein wichtiger Teil der Vernichtungsmaschinerie und zugleich Bestandteil der NS-Kriegswirtschaft.
Blick in die Ausstellung während der Erstpräsentation im Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main, 2002. Die Ausstellung Das Forschungsprojekt des Fritz Bauer Instituts bildete die Grundlage für die gemeinsam mit dem Hessischen Rundfunk konzipierte und realisierte Ausstellung sowie den Film „Der große Raub“ (hr, 2002). Die Ausstellung gibt einen Einblick in die Geschichte des legalisierten Raubes, in die Biografien von Tätern und Opfern. Die einleitenden Tafeln stellen Franz Soetbeer, Walter Mahr, Artur Lauinger, Paul Graupe, Alexander Fiorino, Fritz Reinhardt, Martin Buber, Waldemar Kämmerling sowie die Familien Guthmann, Cahn, Grünebaum, Reinhardt, Pacyna und Goldmann mit ihren Lebensgeschichten bis zum Jahr 1933 vor. Ihnen allen begegnet der Ausstellungsbesucher im Hauptteil wieder, der – ausgehend von den Biographien und zu ihnen zurückkehrend – auf Tafeln und in Vitrinen erzählt, wie sich die Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung vollzog, was sie für die Opfer bedeutete und wer die Täter waren. Die Tafeln im Hauptteil der Ausstellung entwickeln die Geschichte der Tätergesellschaft, die mit einem Rückblick auf die Zeit vor 1933 beginnt: Die Forderung nach einer Enteignung der Juden gab es nicht erst seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Sie konnten vielmehr auf weit verbreitete antisemitische Klischees zurückgreifen, insbesondere auf das Bild vom „mächtigen und reichen Juden“, der sein Vermögen mit List und zum Schaden des deutschen Volkes erworben habe. Vor diesem Hintergrund zeichnet das 2. Kapitel die Stufen der Ausplünderung und die Rolle der Finanzbehörden in den Jahren von 1933 bis 1941 nach. Im nachgebauten Zimmer eines Finanzbeamten können die Ausstellungsbesucher in Aktenordnern blättern: Sie enthalten u.a. Faksimiles jener Vermögenslisten, die Juden vor der Deportation ausfüllen mussten, um den Finanzbehörden die „Verwaltung und Verwertung“ ihrer zurückgelassenen Habseligkeiten zu erleichtern. Weitere Tafeln beschäftigen sich mit den kooperierenden Interessengruppen in Politik und Wirtschaft, aber auch mit dem „deutschen Volksgenossen“ als Profiteur. Schließlich wird nach der sogenannten Wiedergutmachung gefragt: Wie ging die Rückerstattung in Hessen und Berlin vor sich, wie erfolgreich konnte sie angesichts der gesetzlichen Ausgangslage und der weitgehend ablehnenden Haltung der Bevölkerungsmehrheit sein?
Tafel aus Kapitel „Stufen der Ausplünderung“ Im Zentrum der Ausstellung stehen Vitrinen, die die Geschichten der Opfer erzählen: von Erich Ochs aus Hanau, von Frieda, Julius, Leopold und Johanna Kahn aus Groß-Gerau, von Familie Popper aus Kassel, von Familie Grünebaum aus Espa und vielen anderen. Manche Vitrinen zeigen neben Dokumenten und Fotografien kleine Objekte wie etwa den Klavierauszug, der Getrud Landsberg gehört hat. Sie sind durch Zufälle, dramatische und gelegentlich wundersame Umstände erhalten geblieben oder auch Jahrzehnte später wieder gefunden worden. Die Ausstellung wandert sehr erfolgreich durch Hessen. Da für jeden Präsentationsort neue regionale Vitrinen entstehen, die sich mit der Geschichte des legalisierten Raubes im Ausstellungsort beschäftigen, „wächst“ die Ausstellung. Waren es bei der Erstpräsentation 15 Vitrinen, die die Geschichten der Opfer erzählten, sind es heute weit über 60. Sie entstehen auf der Basis weiterer Recherchen und an manchen Orten in Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern. Für die Präsentation im Berliner Deutschen Historischen Museum wurden der Ausstellung neben dem neuen regionalen Vitrinen-Schwerpunkt auch Ausstellungstafeln zu den Berliner Finanzämtern sowie zum Thema „Wiedergutmachung“ hinzugefügt. Informationen für Leihnehmer Bisherige Ausstellungsstationen Die Ausstellung wandert seit ihrer ersten Präsentation in Frankfurt am Main im Mai 2002 sehr erfolgreich durch Hessen. Zu sehen war sie in Marburg, Darmstadt, Gießen, Wiesbaden, Wetzlar, Kassel, Fulda, Offenbach, Friedberg, Gross-Gerau, Hanau, Felsberg und Limburg, außerdem im Deutschen Historischen Museum in Berlin. 10. Januar bis 24. Februar 2008, Limburg 16. April bis 31. Mai 2007, Felsberg / Schwalm-Eder-Kreis 9. Oktober bis 19. November 2006, Hanau 27. April bis 9. Juli 2006, Groß-Gerau 19. Januar bis 16. März 2006, Friedberg 11. Mai bis 11. September 2005, Berlin 16. Februar bis 3. April 2005, Offenbach am Main 5. November bis 4. Dezember 2004, Wiesbaden 2. September bis 15. Oktober 2004, Wetzlar 16. Mai bis 20. Juni 2004, Kassel 12. Februar bis 21. März 2004, Fulda 4. Juni bis 18. Juli 2003, Darmstadt 5. Februar bis 12. März 2003, Gießen 5. Dezember 2002 bis 28. Januar 2003, Marburg 28. Mai bis 28. Juni 2002, Frankfurt am Main | Fritz Bauer Institut Grüneburgplatz 1
Die nächsten 12. März bis 22. Oktober 2010 Eröffnung: Do., 11. März, 16.00 Uhr Öffnungszeiten: Anmeldung zu Gruppenführungen: Ab November 2010 wird die Ausstellung Informationen zum Begleitprogramm: Weitere Informationen Publikationen › Legalisierter Raub › Legalisierter Raub
› Susanne Meinl, Jutta Zwilling:
› Katharina Stengel (Hg.):
› Der große Raub. Wie in Hessen die Juden ausgeplündert wurden Weitere Informationen Ausstellungskonzept Grafische Gestaltung Pädagogische Begleitung Ausstellungsausleihe Informationen zur Ausstellung Hessischer Rundfunk |
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