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  www.fritz-bauer-institut.de » Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen

 
   
 

Legalisierter Raub

Der Fiskus und die Ausplünderung
der Juden in Hessen 1933–1945


Eine Ausstellung des Fritz Bauer Instituts und des Hessischen Rundfunks.
Mit Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen
und des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst.


30. und letzte Ausstellungsstation

Mittwoch, 16. Mai bis Sonntag, 14. Oktober 2018
Historisches Museum Frankfurt
Saalhof 1, 60311 Frankfurt am Main

Ausstellungseröffnung
Mittwoch, 16. Mai 2018, 18:00 Uhr

Kontakt
Historisches Museum Frankfurt
Saalhof 1, 60311 Frankfurt am Main
Tel.: 069.212-35599
info.historisches-museum(at)stadt-frankfurt.de
https://historisches-museum-frankfurt.de


Abschluss der Wanderausstellung
»Legalisierter Raub« in Frankfurt am Main


Nach 16 Jahren Wanderschaft und 29 Ausstellungsstationen kehrt die Ausstellung nach Frankfurt zurück, wo sie – erweitert um neue lokale Forschungsergebnisse – im Historischen Museum abschließend präsentiert werden wird. Dazu ist eine umfangreiche Publikation in Vorbereitung.

Die Ausstellung »Legalisierter Raub – Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933–1945« ist seit ihrer Eröffnung in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks am 28. Mai 2002 sehr erfolgreich durch Hessen und darüber hinaus gewandert. Das Ausstellungsteam hatte für jeden Ausstellungsort neue regionale Themen erarbeitet, die sich mit der Geschichte des legalisierten Raubes vor Ort beschäftigten. Sie entstanden auf der Basis weiterer Recherchen, oft in Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen, Schülerinnen und Schülern sowie weiteren regionalen Partnern. Aus den 15 Vitrinen der Erstpräsentation in Frankfurt waren zuletzt über 80 Vitrinen geworden, die die Geschichten von Enteignung, Entrechtung und Raub erzählen – die der Opfer, von denen die meisten deportiert und ermordet wurden, und die der Profiteure.


Vorgeschichte der Ausstellung

Eine Ausstellung von Prof. Dr. Wolfgang Dreßen, die 1998 im Stadtmuseum Düsseldorf unter dem Titel „Betrifft: ‚Aktion 3'. Deutsche verwerten jüdische Nachbarn“ eröffnet wurde, rückte die fiskalische Ausplünderung der Juden im Nationalsozialismus erstmals in das Blickfeld einer weiteren Öffentlichkeit. Gezeigt wurden dort Unterlagen aus dem Bezirk der Oberfinanzdirektion Köln, doch die Ausstellung löste eine bundesweite Debatte aus: Sie warf einerseits erneut die Frage auf, was die deutsche Bevölkerung von der Ermordung der Juden gewusst hatte. Andererseits: Handelte es sich bei den nun veröffentlichten Dokumenten um Steuerakten, die dem Steuergeheimnis unterlagen oder handelte es sich um Akten der historischen Forschung?

Karl Starzacher, Hessischer Minister der Finanzen, wies die Finanzbehörden des Landes an, in ihren Beständen nach NS-Unterlagen zu suchen. Im Dezember 1998 übergab er im Rahmen einer Pressekonferenz vier Aktenkonvolute der ehemaligen Reichsfinanzverwaltung, die im Archiv der Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main gelegen hatten, an die Frankfurter Jüdische Gemeinde. Seine Erkenntnisse und Fragen formulierte er so: „Es wurden Tausende vertrieben, alles sprach dafür, dass sie nie mehr zurückkehren würden“, doch Zweifel, weshalb die Opfer, die angeblich nur in die sogenannten „Ostgebiete“ umgesiedelt werden sollten, keinerlei Möbel, Gebrauchsgegenstände oder Wäsche mehr brauchten, seien in der Finanzverwaltung offensichtlich nicht aufgekommen. Stattdessen habe sie die Einziehung und Verwertung von Vermögen der Deportierten „reibungslos und ohne jede Skrupel“ administriert. Große Nachfrage aus der Bevölkerung verzeichnen die Dokumente auch nach dem gerade erst beschlagnahmten Besitz der Deportierten. Bei den öffentlichen Versteigerungen ihrer letzten Habseligkeiten sei der Zulauf „außerordentlich groß“ gewesen. Für Karl Starzacher ergab sich aus den Dokumenten: „Sehr viele haben gewusst oder haben wissen können, was tatsächlich vor sich ging. Und nicht wenige haben von der Vertreibung der Juden profitiert.“


Tafel aus Kapitel „Stufen der Ausplünderung“

Forschungsprojekt

Auch in den hessischen Staatsarchiven lagen umfangreiche Aktenbestände zum Thema vor, aber es fehlte an einer zusammenhängenden Darstellung. 1999 stellte das Land Hessen die Mittel für ein Forschungsprojekt zur Verfügung, das vom Fritz Bauer Institut in enger Zusammenarbeit mit dem Hessischen Hauptstaatsarchiv durchgeführt wurde.

Die gesichteten Devisenakten, Steuerakten, Vermögenskontrollakten und Handakten jüdischer Rechtsanwälte zeigen, dass unterschiedliche Dienststellen in Finanzbehörden, Zollfahndung und Devisenstellen gemeinsam mit der Gestapo und anderen Organisationen in gesetzlich legalisierten Aktionen Sparbücher, Devisenguthaben und Wertpapierdepots jüdischer Bürgerinnen und Bürger einzogen. Sie belegten ihre Opfer mit Sondersteuern und Strafkontributionen und versteigerten öffentlich das Hab und Gut der aus Deutschland Geflohenen oder Deportierten. In der Folge verdiente das „Deutsche Reich“ durch die Reichsfluchtsteuer an denen, die es in die Emigration trieb, wie an denen, die blieben, weil ihnen das Geld für die Auswanderung fehlte oder weil sie ihre Heimat trotz allem nicht verlassen wollten. Die Ausplünderung war ein wichtiger Teil der Vernichtungsmaschinerie und zugleich Bestandteil der NS-Kriegswirtschaft.

Das Forschungsprojekt des Fritz Bauer Instituts bildete die Grundlage für die gemeinsam mit dem Hessischen Rundfunk konzipierte und realisierte Ausstellung sowie den Film „Der große Raub“ (hr, 2002).

 

Blick in die Ausstellung während der Erstpräsentation im Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main, 2002.
Foto: © Hessischer Rundfunk / Manfred Roth


Die Ausstellung

»Da mein Sohn außerordentlich begabt ist, wie auch sein Lehrer bestätigt, bitte ich Sie, mir das Klavier des evakuierten Juden zu überlassen«. Mit dieser Bitte trat 1942 ein Offenbacher Bürger an sein Finanzamt heran. Zu dieser Zeit waren die Finanzämter bereits mit der sogenannten Verwertung des Eigentums der Deportierten befasst, das seit der 1941 erlassenen 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz dem »Reich verfiel«. Überall kam es zu öffentlich angekündigten Auktionen von Wohnungsinventar aus dem Besitz von Juden: Tischwäsche, Möbel, Kinderspielzeug, Geschirr, Lebensmittel usw. wechselten den Besitzer. Viele schrieben an die Finanzämter, um sich das begehrte Klavier oder die schönere Wohnung zu sichern.
Die Ausstellung gibt einen Einblick in die Geschichte des legalisierten Raubes, in die Biografien von Tätern und Opfern. Die einleitenden Tafeln stellen Franz Soetbeer, Walter Mahr, Artur Lauinger, Paul Graupe, Alexander Fiorino, Fritz Reinhardt, Martin Buber, Waldemar Kämmerling sowie die Familien Guthmann, Cahn, Grünebaum, Reinhardt, Pacyna und Goldmann mit ihren Lebensgeschichten bis zum Jahr 1933 vor. Ihnen allen begegnet der Ausstellungsbesucher im Hauptteil wieder, der – ausgehend von den Biographien und zu ihnen zurückkehrend – auf Tafeln und in Vitrinen erzählt, wie sich die Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung vollzog, was sie für die Opfer bedeutete und wer die Täter waren.

Die Tafeln im Hauptteil der Ausstellung entwickeln die Geschichte der Tätergesellschaft, die mit einem Rückblick auf die Zeit vor 1933 beginnt: Die Forderung nach einer Enteignung der Juden gab es nicht erst seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Sie konnten vielmehr auf weit verbreitete antisemitische Klischees zurückgreifen, insbesondere auf das Bild vom „mächtigen und reichen Juden“, der sein Vermögen mit List und zum Schaden des deutschen Volkes erworben habe. Vor diesem Hintergrund zeichnet das 2. Kapitel die Stufen der Ausplünderung und die Rolle der Finanzbehörden in den Jahren von 1933 bis 1941 nach. Im nachgebauten Zimmer eines Finanzbeamten können die Ausstellungsbesucher in Aktenordnern blättern: Sie enthalten u.a. Faksimiles jener Vermögenslisten, die Juden vor der Deportation ausfüllen mussten, um den Finanzbehörden die „Verwaltung und Verwertung“ ihrer zurückgelassenen Habseligkeiten zu erleichtern. Weitere Tafeln beschäftigen sich mit den kooperierenden Interessengruppen in Politik und Wirtschaft, aber auch mit dem „deutschen Volksgenossen“ als Profiteur. Schließlich wird nach der sogenannten Wiedergutmachung gefragt: Wie ging die Rückerstattung in Hessen und Berlin vor sich, wie erfolgreich konnte sie angesichts der gesetzlichen Ausgangslage und der weitgehend ablehnenden Haltung der Bevölkerungsmehrheit sein?
Menschenmenge bei einer Versteigerung von enteignetem Hausrat deportierter Juden in der Gegend von Hanau, ca. 1942. Der Fotograf Franz Weber war von 1935 bis 1966 Leiter der Hanauer Bildstelle. Foto: © Bildstelle Hanau

Versteigerung von enteignetem Hausrat deportierter Juden in der Gegend von Hanau, ca. 1942. Der Fotograf Franz Weber war von 1935 bis 1966 Leiter der Hanauer Bildstelle.
Foto: © Bildstelle Hanau

Im Zentrum der Ausstellung stehen Vitrinen, die die Geschichten der Opfer erzählen. Manche zeigen kleine Objekte, die wie durch ein Wunder erhalten geblieben sind – etwa den Klavierauszug, der Getrud Landsberg gehört hat: Nach Gertruds Emigration erwarb ihn Tilly Cahn unter falschem Namen bei einem Hamburger Auktionator, weil sie wusste, dass das Herz ihrer Freundin Gertrud an den Noten hing. Tillys Sohn Peter Cahn, der den Klavierauszug heute aufbewahrt, erzählt – wie auch Robert Goldmann, Zoya Fiedler, Wolfgang Lauinger und Charlotte Opfermann – in einem Filminterview von seinen Erinnerungen an den legalisierten Raub.

Die Ausstellung wandert seit ihrer ersten Präsentation in Frankfurt am Main im Mai 2002 sehr erfolgreich durch Hessen. Da für jeden Präsentationsort neue regionale Vitrinen entstehen, die sich mit der Geschichte des legalisierten Raubes im Ausstellungsort beschäftigen, „wächst“ die Ausstellung. Waren es bei der Erstpräsentation 15 Vitrinen, die die Geschichten der Opfer erzählten, sind es heute weit über 60. Sie entstehen auf der Basis weiterer Recherchen und an manchen Orten in Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern. Für die Präsentation im Berliner Deutschen Historischen Museum wurden erstmals auch neue Ausstellungstafeln zu den Berliner Finanzämtern sowie weitere Tafeln zum Thema „Wiedergutmachung“ hinzugefügt.


Materialien
Regionale Ergänzungen zu einigen der Ausstellungsstationen

Exemplarische Rechercheergebnisse zur Lokal- und Regionalgeschichte der fiskalischen Ausplünderung der Juden in Hessen 1933–1945 an den  Präsentationsorten der Ausstellung.

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