Fritz Bauer Institut

Laufende Projekte

Forschungsprojekte

Laufende Projekte


Das Fritz Bauer Institut führt Forschungsprojekte durch
in den Bereichen Zeitgeschichte, Pädagogik und Erinnerung.


Fritz Bauer: Gesammelte Aufsätze

Forschungs- und Editionsprojekt

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Fritz Bauer ist als der Staatsanwalt in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen, der den Auschwitz-Prozess initiiert und in einer Vielzahl weiterer Fälle die Verfolgung von NS-Verbrechen in die Wege geleitet hat. Daneben hat Bauer zahlreiche Schriften hinterlassen, darunter mehrere Bücher, Aufsätze und Zeitungsartikel sowie Interviews. Er reflektierte in ihnen die geistige und politische Lage der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit sowie seine Wirkungsmöglichkeiten als Staatsanwalt bei der Verfolgung nationalsozialistischer Verbrechen und formulierte ein kriminalpolitisches Programm, in welchem er Ziel und Zweck des Strafrechts grundlegend in Frage stellte. Bauer hat in diesen Schriften oft für seine Zeit ungewöhnliche Positionen bezogen, zugleich zeigen sie, wie verwoben sein Denken mit dem seiner Zeit war. Sie gewähren damit einen Einblick in Diskussionen der frühen Bundesrepublik und zeigen, wie sich Bauer als Jurist, Remigrant, jüdischer Intellektueller und Sozialdemokrat einmischte und Gehör verschaffte.

Gesamtausgabe der Aufsätze und Vorträge
Abgesehen von den Büchern, die Bauer verfasste, handelt es sich bei seinen Veröffentlichungen um kleinere Schriften. Ein Großteil von ihnen ist in Tageszeitungen oder heute unbekannten Zeitschriften erschienen. Während man auf die Bücher auch heute noch über Bibliotheken unproblematisch zugreifen kann, sind diese kleinen Schriften Bauers für die Forschung und das interessierte Publikum nicht ohne Aufwand auffindbar.
Eine Auswahl seiner Schriften wurde 1998 von Irmtrud Wojak und Joachim Perels in dem Band Die Humanität der Rechtsordnung herausgegeben. In diesem mittlerweile vergriffenen Buch sind die wichtigsten Schriften Bauers zur Aufarbeitung des NS-Unrechts, zum Widerstandsrecht, zur Strafrechtsreform und zu seinen rechtsphilosophischen Grundannahmen versammelt. Es ist thematisch gegliedert, der zeitliche Schwerpunkt liegt in den 1960er Jahren. Viele interessante Aspekte von Bauers Werk konnten in die Auswahl nicht eingehen, insbesondere fehlen die Schriften, die Bauer im Exil und in der Zeit unmittelbar nach der Remigration verfasste.
Gerade diese Schriften sind jedoch interessant. Bereits in der Weimarer Republik hat Bauer in Aufsätzen zu philosophischen und tagesaktuellen Themen Stellung bezogen. In der Emigration schrieb Bauer bis 1938 für die Allgemeine Zeitung des Judentums, das Organ des Zentralvereins der Juden in Deutschland. Zudem bewegte er sich in exilpolitischen Kreisen, brachte sich aktiv in die Diskussionen um eine Zusammenarbeit zwischen SPD und KPD ein, schrieb in der Exilantenzeitschrift Deutsche Nachrichten und war Chefredakteur der Exilzeitung Sozialistische Tribüne. Zurück in Deutschland konzentrierte er sich in seinen ersten Veröffentlichungen zunächst auf strafrechtspolitische Fragen. Diese Schriften ermöglichen den Blick auf die Brüche in Bauers Biographie, auf Exil und Remigration als Schlüsselerfahrungen. Die Tagung »Fritz Bauer in der deutsch-jüdischen Nachkriegsgeschichte«, die im Oktober 2012 vom Fritz Bauer Institut veranstaltet wurde, hat gezeigt, wie wenig davon hier bislang bekannt ist.
Die Aufgabe einer erneuten Herausgabe der Schriften Bauers soll es sein, gerade diese bislang wenig bekannten Schriften zugänglich zu machen und damit die Vielfalt von Bauers Denken und Wirken umfassend und ungefiltert sichtbar zu machen. Ziel ist, eine möglichst vollständige Sammlung der Schriften Bauers der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Die Bücher sollen im Rahmen dieses Publikationsprojekts unberücksichtigt bleiben, da ihre Verfügbarkeit über Bibliotheken gewährleistet ist. Die Kommentierung soll aus rechts- und zeitgeschichtlicher Perspektive geschehen. Sie soll den Zugang zu den Texten Bauers aus unterschiedlichen Disziplinen und Zusammenhängen ermöglichen. Bauer kann als SPD-Mitglied, als Rechtsreformer, als Sozialpolitiker, als Angehöriger der Justiz, als Rechtshistoriker, als Jude und Remigrant in verschiedene historische Kontexte gesetzt werden. Die Kommentierung soll keinen dieser Zugänge ausschließen und dennoch schlank gehalten werden.
Das Projekt wird gefördert durch die Gerda Henkel Stiftung.

Projektteam
  Dr. Lena Foljanty, Rechtshistorikerin am Max Planck Institut für Europäische Rechtsgeschicht
›  Dr. David Johst, Zeithistoriker an der Universität Halle



Opferzeugen in NS-Prozessen –
eine Analyse ihrer wechselhaften Rolle in sechzig Jahren Bundesrepublik

Neues Forschungsprojekt

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Mit dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt soll in einer zweibändigen Monographie die Rolle der ehemaligen NS-Verfolgten bei der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen in der Bundesrepublik systematisch untersucht werden. Am Beispiel der Prozesse zu den Verbrechen im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und im Vernichtungslager Sobibór soll über einen Zeitraum von sechzig Jahren nachvollzogen werden, welche Bedeutung die NS-Verfolgten als Opferzeugen für die Strafverfolgung hatten und wie sie selbst ihre Rolle wahrnahmen. Für die Auswahl der Tatkomplexe ist von Bedeutung, dass die Opferzeugen aus Auschwitz heterogene Verfolgtengruppen umfassten, die wenigen Opferzeugen aus Sobibór jedoch alle Juden waren. Das Projekt soll zeigen, welche Rolle diese Tatsache in den Prozessen spielte.
Die beiden Projektbearbeiterinnen untersuchen die Figur des Opferzeugen in ihrem juristischen Rahmen zwischen 1950 und 2011. Dabei wird der Verfahrensverlauf von der ersten Zeugensuche, den Vernehmungen der meist ausländischen Zeugen in ihren Heimatländern, den Auftritten von Zeugen vor Gericht und der Würdigung ihrer Aussagen in den Urteilsbegründungen nachvollzogen und in den jeweiligen zeithistorischen Kontext gestellt. Im Fokus stehen gleichermaßen der Umgang mit den Opferzeugen in den Verfahren wie deren eigene Intentionen, Handlungsweisen und Erfahrungen. Die Zeitspanne umfasst unterschiedlich intensive Phasen der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen, divergierende strafrechtliche Auffassungen zur Beurteilung der einzelnen Taten sowie ein wachsendes historisches Wissen über die Verbrechen in den einzelnen Lagern. Schließlich ist ein gesellschaftlicher Bedeutungswandel der Zeugenschaft der Überlebenden vom juristischen Beweismittel hin zur Zeitzeugenschaft zu berücksichtigen. Die Prozesse waren begleitet von einem unterschiedlich großen öffentlichen Interesse, das, so eine These, wiederum auf die Rechtsfindung zurückwirkte.
In einer Detailanalyse soll exemplarisch aufgezeigt werden, wie die Kommunikation zwischen Opferzeugen und Justizangehörigen ablief, welche Folgen das für die Strafverfolgung hatte und wie sie sich veränderte. Wesentlichen Einfluss auf die Benennung der Zeugen nahmen die Opferverbände und die jüdischen Organisationen. Auch ihrer Rolle soll im Rahmen des Projektes nachgegangen werden. Ziel der vergleichenden Studie ist es, auch die Verfolgten selbst als eine Gruppe heterogener Personen mit unterschiedlichen Interessen ins Zentrum der Betrachtung zu rücken.
Das umfangreiche Quellenmaterial findet sich vor allem in den Ermittlungs- und Prozessakten zu den insgesamt 18 Einzelverfahren, in Protokollen, Tonbandaufzeichnungen, Korrespondenzen zwischen den Justizangehörigen und den Zeugen sowie zwischen den Interessengruppen und den Zeugen. Darüber hinaus werden die Akten beteiligter Bundesbehörden wie des Auswärtigen Amtes und des Bundespresseamtes, aber auch der Justizministerien der betroffenen Bundesländer einbezogen.

Projektteam
›  Dagi Knellessen, Berlin
›  Dr. Katharina Stengel, Frankfurt am Main



Deutsch-israelische Beziehungen in den Geisteswissenschaften
zwischen 1970 und 2000

Studie zu Wissenschaft und Bilateralität 

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Mitte der 1950er Jahre wurden erste Kontakte zwischen deutschen und israelischen Naturwissenschaftlern und dem Repräsentanten des Weizmann Instituts geknüpft. Dies war der Anfang einer bis heute andauernden engen wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern, die als Erfolgsgeschichte erzählt wird. Diese Kontakte bereiteten den Boden für die erst 1965 offiziell aufgenommenen politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel.
Diese bilaterale wissenschaftliche Zusammenarbeit fand und findet vornehmlich auf dem Gebiet von Technologie und Naturwissenschaften statt und hatte von Beginn an keinen symmetrischen Charakter.
Das geplante Forschungsprojekt wird entlang der Biographien der zentralen Personen in Wissenschaft, Politik und Wissenschaftsverwaltung die Anfänge der deutsch-israelischen Kooperation auf geisteswissenschaftlichem Gebiet herausarbeiten. Hierbei sollen beispielhaft die Geschichtswissenschaft und die Germanistik in den Blick genommen werden, zwei Disziplinen, die nicht nur stark national konnotiert sind, sondern auch intensiv an der wissenschaftlichen Zusammenarbeit seit den 1970er Jahren beteiligt waren. Dabei stehen folgende Fragen im Vordergrund:
›  Welche politischen und wissenschaftlichen Interessen verfolgten deutsche und israelische Wissenschaftspolitiker und Wissenschaftler in den Geisteswissenschaften zu Beginn ihrer Zusammenarbeit?
›  Stimmten diese Interessen überein oder lagen Differenzen vor?
›  Welche Rolle spielte auf beiden Seiten die Vorstellung, auf diese Weise eine Wiedergutmachung für die im Nationalsozialismus vertriebenen und ermordeten Wissenschaftler sowie die Vernichtung ihrer Forschungsfelder zu leisten?
›  Wie haben sich die ursprünglichen Interessen im Laufe der Kooperation gewandelt?

Das Projekt ist eine Kooperation des Fritz Bauer Instituts, des Franz Rosenzweig Minerva Forschungszentrums an der Hebräischen Universität Jerusalem und des van Leer Jerusalem Institute. Es ist auf drei Jahre angelegt. In einer Monographie werden die Ursprünge und Entwicklung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit in Israel untersucht. Eine zweite widmet sich der Frage nach der Rückwirkung der finanziellen Förderung israelischer Forschungsprojekte und Institute mit deutschen Mitteln auf die beiden Disziplinen in Deutschland.

Projektteam

›  Prof. Dr. Raphael Gross, Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur e.V. an der Universität Leipzig
›  Prof. Dr. Gabriel Motzkin, Van Leer Institut, Jerusalem
›  Prof. Dr. Yfaat Weiss, Franz Rosenzweig Minerva Research Center, Hebrew University Jerusalem
›  Dr. Irene Aue-Ben-David, Van Leer Institut/Franz Rosenzweig Minerva Research Center, Jerusalem
›  Jenny Hestermann, Fritz Bauer Institut



Die Tagebücher der Anne Frank

Forschung – Übersetzungen – Kritische Edition

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Ein Projekt des Fritz Bauer Instituts in Kooperation mit dem
Lichtenberg Kolleg der Georg August Universität Göttingen.

Unsere Kenntnisse über den 2. Weltkrieg und über den Holocaust basieren siebzig Jahre nach Ende des Krieges auf einer breiten Quellenlage. Eine der ersten Quellen, die jahrzehntelang einen singulären Status innehatte, ist das Tagebuch der Anne Frank. Fast jedes Kind in Deutschland hat in seiner Schullaufbahn das Tagebuch gelesen. Nicht nur in der Biographie vieler Leser, sondern auch in der nationalen Erinnerungskultur begann die Auseinandersetzung mit dem Holocaust mit dem Tagebuch von Anne Frank. Es wurde zu einem Symbol. Anne Franks Schilderungen verloren im Laufe der Zeit ihre historische Verankerung und wurden mehr und mehr mit allgemeinen menschenrechtlichen und moralischen Vorstellungen verbunden. Die konkreten politischen Umstände der Judenverfolgung in den Niederlanden, Annes Familiengeschichte in Deutschland, ihre Emigration, die sie mit vielen deutschen Juden teilte, die Situation anderer durch den NS verfolgter Jugendlicher, um nur einige Themen zu nennen, spielten in der weltweiten Rezeption des Tagebuchs eine untergeordnete Rolle. Heute stehen zahlreiche Veröffentlichungen, Zeitzeugeninterviews und Autobiographien zum Holocaust zur Verfügung. Das Tagebuch von Anne Frank lässt sich heute im Kontext dieser Quellen erschließen. Es ist an der Zeit, die Geschichte des Tagebuchs selbst zum Gegenstand der Forschung zu machen. Bislang geschah dies vor allem in der Absicht, die Authentizität der Tagebücher zu belegen, da dies ein ständiges Thema in der Auseinandersetzung mit Holocaustleugnern war. Darüber hinaus stand die Frage im Fokus, wer an dem Verrat der Bewohner des Hinterhauses beteiligt gewesen sein könnte. Das geplante Forschungsprojekt nähert sich der Geschichte Anne Franks aus der Perspektive der deutsch-jüdischen Geschichte. Wie sah der breitere kulturelle und politische Kontext in den 1940er Jahren aus, als die Tagebücher entstanden? Welche Vorbilder standen Anne bei der Abfassung des Textes vor Augen, welche kulturellen Bezüge schuf sie? Wie sahen die politischen Bedingungen von Juden in den besetzten Niederlanden aus? Wie in Deutschland und den Nachbarstaaten? Welche Erfahrungen und Traditionen brachten Anne und ihre Familie mit nach Holland?
Darüber hinaus ist auch die Rezeptionsgeschichte der Tagebücher im Kontext der deutsch-jüdischen Nachkriegsgeschichte zu sehen. Welchen Metamorphosen war die Geschichte Anne Franks durch die vielen Nachbearbeitungen, die die Tagebücher erfuhren, ausgesetzt? Zu Beginn standen die Kürzungen, die Annes Vater Otto Frank vornahm, schließlich wurden die Texte bearbeitet und als Tagebuch, Theaterstück und Film in viele Sprachen übersetzt. Welche Kontexte wurden dadurch geschaffen, worauf richtete sich das Interesse der Rezeptionen? Wie schließlich wurde die Figur eines Teenagers im Nationalsozialismus weltweit zu einem Symbol für eine bessere Welt, das den Blick auf die reale Person verstellt und nicht selten kitschige Züge trägt?
Diesen Fragen wird in dem vorliegenden Forschungsprojekt nachgegangen.

Forschungs- und Editionsprojekt
»Anne Franks Tagebücher«
Neue historisch-kritische Ausgabe


Nach beinahe dreißig Jahren wird im Rahmen eines internationalen Forschungsprojektes des Fritz Bauer Instituts für die Erforschung und die Geschichte des Holocaust in Frankfurt am Main und des Lichtenberg-Kollegs, des Institute of Advanced Study der Universität Göttingen, eine neue kritische Edition der Tagebücher der Anne Frank entstehen. Diese unterscheidet sich wesentlich von der ersten kritischen Ausgabe. In einer zweibändigen Version sollen zum einen eine neue kritische und annotierte Übersetzung der originalen Texte, zum anderen die aktuellen Forschungsergebnisse des Projektes enthalten sein. Die Historiker Raphael Gross, Direktor des Fritz Bauer Instituts, und Martin van Gelderen, Direktor des Lichtenberg-Kollegs, treten als Herausgeber auf. Die englische Fassung wird voraussichtlich bei Cambridge University Press, die deutsche Ausgabe beim Fischer Verlag und die niederländische bei Uitgeverij Prometheus/Bert Bakker erscheinen. Als Übersetzer arbeitet Rolf Erdorf für die deutsche Version mit dem Forschungsteam zusammen.

Die Edition und der Essayband
Das Tagebuch der Anne Frank, das vor allem ihre Eintragungen im Amsterdamer Versteck zwischen dem 12. Juni 1942 und dem 1. August 1944 enthält, hat weltweit die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust maßgeblich bestimmt. Ihre Aufzeichnungen existieren in drei verschiedenen Fassungen: Ihre ursprünglichen Eintragungen (Fassung A) überarbeitete Anne ab etwa April 1944 für eine eventuelle spätere Veröffentlichung (Fassung B). Als ihr Vater Otto Frank 1945 in den Besitz der Bücher kam, schuf er für die Veröffentlichung eine dritte Version (Fassung C).
Anders als die erste kritische Ausgabe von 1986, die den Beweis der Echtheit der Tagebücher führte, konzentriert sich die geplante neue Ausgabe auf den Text selbst. Die Annotationen sollen sowohl den Bruch im Leben des 14-jährigen Mädchens, der sich auch sprachlich fassen lässt, deutlich machen als auch die direkte Umgebung und den zeitlichen Horizont Anne Franks beleuchten. Anne Frank wird sichtbar als eine Jugendliche, die sich zwischen zwei Sprachen bewegte und spürbar von ihrer Lektüre der niederländischen Jugendliteratur beeinflusst war. Für die neue Übersetzung wird darauf geachtet, die ursprüngliche Sprache Annes historisch angemessen darzustellen. Rolf Erdorf, bekannter und mehrfach ausgezeichneter Übersetzer für niederländische Kinder- und Jugendliteratur, konnte für die deutsche Übersetzung gewonnen werden. Hauptanliegen des Übersetzers ist es, das 14-jährige Mädchen Anne in den Texten wieder erkennbar zu machen und ihre Sprache in der ihr eigenen literarischen Qualität nachzuzeichnen. Martin van Gelderen, in den Niederlanden geboren und aufgewachsen, erläutert dazu: »In den Gesprächen mit den Übersetzern ist deutlich geworden, dass eine neue Übersetzung unbedingt nötig ist.«
Da der ursprüngliche Text zu weiten Teilen die historische Verankerung verlor und für recht breit gefasste menschenrechtliche oder moralische Ziele verwendet wurde, soll die Geschichte des Tagebuchs vor dem Hintergrund einer eher vergleichenden europäischen, bisweilen sogar globalen Kultur-, Geistes-, Literatur- und Politikgeschichte interpretiert werden. Band 2 setzt sich demnach mit den Tagebüchern und deren bedeutsamer internationaler Wirkungsgeschichte auseinander. Im Mittelpunkt dieses Forschungsvorhabens steht somit die genaue Kontextualisierung sowie die Rezeptionsgeschichte der vergangenen Jahrzehnte, sei es im öffentlichen Raum, in der Literaturkritik oder von Seiten der Verlage. Ebenso von Interesse sind aber auch die Interpretationen, die der Text durch die Dramatisierung auf der Bühne, durch Bearbeitungen für das Kino oder für musikalische Inszenierungen erfahren hat. Raphael Gross betont: »Die Tagebücher sind eine Art Urtext aller Auseinandersetzung mit dem Holocaust geworden. Eine kritische Ausgabe und eine historische Kontextualisierung sind wissenschaftshistorisch eine zentrale Aufgabe der Holocaustforschung.«
Staatsministerin Monika Grütters, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, begründet die Unterstützung der Bundesregierung für dieses groß angelegte Vorhaben: »Anne Frank ist zum Gesicht der Opfer des Holocaust geworden. Sie hat durch ihre Aufzeichnungen Generationen junger Menschen zur Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Terror bewogen. Die umfassende wissenschaftliche Bearbeitung dieses wichtigen literarischen Erbes wird uns wertvolle Einblicke in die Persönlichkeit von Anne Frank und ihre große Wirkung auf die Rezeption des Holocaust geben.«

Forschungsteam
Am Lichtenberg-Kolleg konnten dank der finanziellen Unterstützung des Forschungsprojektes durch Mittel des Anne Frank Fonds in Basel und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien drei Junior Research Fellowships für dieses Projekt eingerichtet werden. Hier arbeiten Kata Bohus und Iwona Gusc zur Rezeptionsgeschichte aus verschiedenen Perspektiven. Gerben Zaagsma forscht zum historischen Kontext der Tagebücher und erstellt die Annotationen. Zum Forscherteam gehören außerdem Senior Fellows mit internationaler Reputation. Neben den Herausgebern sind das u.a. Dan Diner (Leipzig/Tel Aviv), Bob Moore (Sheffield), Mark Roseman (Bloomington), Bo Strath (Helsinki), Frank van Vree (Amsterdam), Kees Ribbens (Amsterdam) und Hanna Yablonka (Beer Sheva). Das Projekt arbeitet zudem eng mit dem Familie Frank Zentrum in Frankfurt am Main zusammen, wo die Archive der Familien und des Anne Frank Fonds lagern.



Jüdische Diskussionen im Exil in den zwanziger Jahren:
Die Pogrome 1918–1921 und der »jüdische Bolschewismus«

Fortsetzung des Forschungsprojekts

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Seit Februar 2015 setzt Dr. Christoph Dieckmann seine bereits im September 2011 am Fritz Bauer Institut begonnene und Ende August 2013 für eineinhalb Jahre ausgesetzte Arbeit im Rahmen des Forschungsprojekts »Jüdische Diskussionen im Exil in den zwanziger Jahren: Die Pogrome 1918–1921 und der ›jüdische Bolschewismus‹« fort. Das Projekt ist auf ein weiteres Jahr ausgelegt und wird gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Das Stereotyp des »jüdischen Bolschewismus« spielt für den nationalsozialistischen Antisemitismus eine besondere Rolle. Mit seiner Hilfe gelang es den Nationalsozialisten, die Ängste vor einer sozialistischen Revolution mit den Ängsten vor einer liberal-kapitalistischen Entwicklung eines modernen demokratischen Staates zu verbinden und für die eigene politische Bewegung nutzbar zu machen. Das Stereotyp des »jüdischen Bolschewismus« war zu dem Zeitpunkt, als Hitler es in seinen ersten antisemitischen Hetzreden aufgriff, gerade erst entstanden. Seine Wurzeln hat es an verschiedenen Orten in verschiedenen Geschehnissen, in denen es jeweils weiterentwickelt und verfestigt wurde. Einmal in den vorrevolutionären Revolten und konterrevolutionären Agitationen des zaristischen Russland bzw. im russischen Bürgerkrieg. So findet sich bereits in den »Protokollen der Weisen von Zion« die Vorstellung einer doppelten jüdischen Verschwörung, die sowohl die staatlichen Mächte als auch die gegen diese Mächte gerichteten revolutionären Bewegungen insgeheim steuere. Mit dem Bürgerkrieg wird dann in der Agitation der Gegenrevolution sehr schnell die Verbindung von Bolschewismus und Judentum hergestellt und insbesondere in den Vorstellungen und Agitationen russischer Emigranten verfestigt und weiterverbreitet. So konnte das Stereotyp des »jüdischen Bolschewismus« sowohl in den Ereignissen der ungarischen Revolution und der Agitation gegen Béla Kun wie auch in der Münchner Räterepublik bereits zu einem bestimmenden Faktor des Geschehens werden. Es beeinflusste aber auch in hohem Maße die Pogrome im Bürgerkrieg nach der Russischen Revolution, deren besondere Radikalität und Brutalität schon von den Zeitgenossen registriert wurde. Unser Forschungsprojekt fragt vor allem nach Reaktionen von Juden auf die Entstehung und Verbreitung des Stereotyps. Die jüdischen Debatten und Schlussfolgerungen der 1920er Jahre werden dabei insbesondere im Kontext der Pogrome in Osteuropa zwischen 1918 und 1920 untersucht. Über die allgemeine Frage nach jüdischen Reaktionen auf den gewalttätigen Pogrom-Antisemitismus der Jahre 1918 bis 1921 hinaus geht es darum, wie jüdische Gruppen und Intellektuelle auf die antisemitische Gleichsetzung von Judentum und Bolschewismus reagierten.

Dr. Christoph Dieckmann studierte Geschichte, Soziologie und Volkswirtschaftslehre in Göttingen, Jerusalem, Hamburg, und Freiburg. Von 2005 bis 2014 war er  Lecturer für moderne europäische Geschichte an der Keele University in Großbritannien. Er ist Mitglied der Redaktion der Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus und gehört der Forscher- und Expertengruppe der »Internationalen Kommission für die Bewertung der Verbrechen der nationalsozialistischen und sowjetischen Besatzungsregime in Litauen« an. Seine umfassende zweibändige Dissertation Deutsche Besatzungspolitik in Litauern 1941–1944 erschien 2011 im Wallstein Verlag und wurde 2012 mit dem Yad Vashem International Book Prize for Holocaust Research ausgezeichnet.



Die Ausschaltung der Juden aus dem Kulturleben im »Dritten Reich«

Forschungsprojekt

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Verfolgung und  Selbstidealisierung

Studien zur Ethik im Nationalsozialismus

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Ziel ist es, die für den Nationalsozialismus spezifischen Rechtfertigungsstrukturen und ihre Verankerung in Gefühlen und Handlungsdispositionen („NS-Moral“) zu erforschen und nach dem Fortwirken solcher Rechtfertigungsstrukturen und Gefühle bis in die Gegenwart hinein zu fragen. Diese Untersuchung verlangt eine enge Verzahnung von philosophischer Reflexion mit historischer Forschung, die sich auf alle Lebensbereiche im NS bezieht. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass die meisten grundlegenden Begriffe von NS-Ideologie aus dem Bereich der Ethik stammen, wenn sie auch auf spezifische Weise „modifiziert“ sind (Beispielsweise wird der Begriff der Ehre in einen rassistischen Begriff umgeformt). Ihre Verbindung miteinander bildet eine Art Syndrom, das man als NS-Ethik oder NS-Moral bezeichnen kann. Begriffe wie „deutsche Ehre“, „Gemeinschaft“, „Opferbereitschaft“ und „Treue“ fungieren als „praktische“ Begriffe, das heißt, sie geben Gründe und Begründungen für Handlungen und müssen in dieser Einbettung in Handlungskontexte verstanden werden. In einer Studie werden verschiedene Äußerungsformen dieser nationalsozialistischen Ethik analysiert: Praktiken moralischer Homogenisierung (wie etwa Rituale des Totengedenkens, aber auch Formen geteilter Empörung wie bei den Rassenschandepogromen), Schulungstexte der HJ zur Ethik. Einbezogen werden auch Ethiken von Philosophen, die sich früh und eindeutig zum NS bekannt haben (Hermann Schwarz, Bruno Bauch, Hans Freyer). Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Verhältnis der Struktur der „Binnenmoral“ der Volksgemeinschaft, die durch Begriffe wie „Dienen“, „Gehorsam“, „Führung“ und „Gefolgschaft“ charakterisiert ist, zu den Kategorien von Ausschluss Verfolgung und Vernichtung.

Projektleitung:
apl. Prof. Dr. Werner Konitzer



Geschichte der Antisemitismusforschung

Publikationsprojekt

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Das Projekt wird wenig bekannte oder vergessene deutschsprachige Texte zwischen dem späten 18. und frühen 20. Jahrhundert, die sich mit dem Phänomen der Feindschaft gegenüber den Juden theoretisch auseinandersetzen, wieder zugänglich machen und eine Geschichte der Antisemitismustheorie präsentieren, wie sie sich entlang dieser Texte rekonstruieren lässt. Dazu sollen zwei kommentierte Bände herausgegeben werden.

Die Edition will die Erkenntnisarbeit, die in den zumeist von jüdischen Autoren verfassten Texten steckt, aufzeigen, sie analysieren und zugleich die Anstrengung deutlich machen, die darin liegt, dass diese Erkenntnisarbeit in den nichtjüdischen Zeitgenossen oft kein intellektuelles Gegenüber fand. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis von Leidenschaft, Moral und Wissen. Welche Rolle spielt die Kategorie der Leidenschaft in frühen Antisemitismustheorien? Wie verändern sich die Konzepte des Hasses, die in den Erklärungsansätzen der Texte zwischen 1794 und 1931 entwickelt werden? Welche philosophischen, epistemologischen und moralischen Bedeutungen verbinden sich um 1800 mit dem Vorurteilsbegriff, und wie verändern sich diese im Lauf des 19. Jahrhunderts? Wie nehmen die Texte überhaupt auf Moral und Gefühle Bezug? Lassen sich in ihnen Moralstrukturen unterhalb einer politischen Moral ausmachen? Jeder der in den Quellenbänden abgedruckten Texte wird von einem kommentierenden Artikel begleitet, der den Anlässen des Nachdenkens und dem historischen Ereigniskontext nachgeht, die Umstände der Veröffentlichung sowie biografische Zusammenhänge schildert und auch die Besonderheit der jeweiligen historischen Erfahrung beleuchtet – etwa die Schockerfahrung der „Damaskus-Affäre“, die als Einbruch des Mittelalters in die Moderne gedeutet wird.

Die in den Bänden dokumentierte intellektuelle Geschichte kann darüber Aufschluss geben, wie bestimmte heutige wissenschaftliche Sichtweisen auf das Phänomen des Antisemitismus eingeübt wurden, und sie kann uns gerade dadurch zu einer Historisierung unseres Blicks verhelfen. Zugleich holt sie verloren gegangene Ideen und Perspektiven ins Bewusstsein zurück. Die Texte, die hier gesammelt werden, halten nicht bloß historisches Wissen und historische Denkweisen bereit. Vielmehr konfrontieren uns ihre Sprache und ihre Erklärungsversuche auch mit Einsichten, Argumentationen und Akzentsetzungen, die uns unmittelbar beeindrucken, gängige Sichtweisen infrage stellen und neue Erkenntnismöglichkeiten eröffnen.

Projektleitung:
apl. Prof. Dr. Werner Konitzer


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Das Heft erscheint zweimal jährlich (April/Oktober), Auflage 5.500.
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Letzte Änderung: 12. November 2010

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