Fritz Bauer Institut

Laufende Projekte

Forschungsprojekte

Laufende Projekte


Das Fritz Bauer Institut führt Forschungsprojekte durch
in den Bereichen Zeitgeschichte, Pädagogik und Erinnerung.


Mentalität und Moral nach 1945

Mentalitäten in der Bundesrepublik der 1950er Jahre im Spiegel der Gruppenstudien des Frankfurter Instituts für Sozialforschung

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In der Auseinandersetzung um den Nationalsozialismus in den 1950er Jahren kam der Gruppenstudie („Gruppenexperiment“) des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (IfS) eine immense Bedeutung zu. In dieser qualitativen Studie, die zudem durch quantitative Untersuchungen konterkariert wurde, untersuchten die Remigranten am IfS, unterstützt durch Studenten und Mitarbeiter des Instituts, die kurz zuvor noch als Kriegsteilnehmer für das nationalsozialistische Deutschland gekämpft hatten, die Einstellungen der bundesdeutschen Bevölkerung in Bezug auf den Krieg, die Demokratie, die Haltung zur Autorität und zum Nationalismus, vor allem aber ihre moralischen Einstellungen und Urteile in Bezug auf die Verbrechen der Nationalsozialisten, insbesondere den Holocaust. Die Ergebnisse wurden 1955 unter dem Titel „Gruppenexperiment. Ein Studienbericht“ veröffentlicht und ausführlich kommentiert, u. a. von Theodor W. Adorno. Die Grundlage der veröffentlichten Studie bildeten die Band- bzw. Drahtspulaufzeichnungen von 121 mehrstündigen Gruppendiskussionen, deren Transkriptionen im Archiv des IfS in 20 Bänden nachzulesen sind. Dieses Material stellt – zusammen mit entsprechendem Material einer zweiten, etwas später durchgeführten Gruppenstudie des IfS über Kriegsheimkehrer – einen einzigartigen Fundus zur Mentalitätsgeschichte der frühen Bundesrepublik dar.

Die Transkriptionen bilden die Grundlage für eine vor allem mentalitätsgeschichtlich orientierte Studie zu moralischen Auffassungen in der frühen Bundesrepublik. Ziel der Untersuchung ist die Erstellung einer Monografie, die sowohl die Geschichte der beiden Forschungsprogramme erzählt und dokumentiert als auch das Material aus den Gruppendiskussionen vor dem Hintergrund des heutigen Wissens kommentiert und es zu den neueren zeitgeschichtlichen Studien über die Mentalitäts- und Geistesgeschichte der frühen Bundesrepublik in Beziehung setzt.



Die Ausschaltung der Juden aus dem Kulturleben im »Dritten Reich«

Forschungsprojekt

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Verfolgung und  Selbstidealisierung

Studien zur Ethik im Nationalsozialismus

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Ziel ist es, die für den Nationalsozialismus spezifischen Rechtfertigungsstrukturen und ihre Verankerung in Gefühlen und Handlungsdispositionen („NS-Moral“) zu erforschen und nach dem Fortwirken solcher Rechtfertigungsstrukturen und Gefühle bis in die Gegenwart hinein zu fragen. Diese Untersuchung verlangt eine enge Verzahnung von philosophischer Reflexion mit historischer Forschung, die sich auf alle Lebensbereiche im NS bezieht. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass die meisten grundlegenden Begriffe von NS-Ideologie aus dem Bereich der Ethik stammen, wenn sie auch auf spezifische Weise „modifiziert“ sind (Beispielsweise wird der Begriff der Ehre in einen rassistischen Begriff umgeformt). Ihre Verbindung miteinander bildet eine Art Syndrom, das man als NS-Ethik oder NS-Moral bezeichnen kann. Begriffe wie „deutsche Ehre“, „Gemeinschaft“, „Opferbereitschaft“ und „Treue“ fungieren als „praktische“ Begriffe, das heißt, sie geben Gründe und Begründungen für Handlungen und müssen in dieser Einbettung in Handlungskontexte verstanden werden. In einer Studie werden verschiedene Äußerungsformen dieser nationalsozialistischen Ethik analysiert: Praktiken moralischer Homogenisierung (wie etwa Rituale des Totengedenkens, aber auch Formen geteilter Empörung wie bei den Rassenschandepogromen), Schulungstexte der HJ zur Ethik. Einbezogen werden auch Ethiken von Philosophen, die sich früh und eindeutig zum NS bekannt haben (Hermann Schwarz, Bruno Bauch, Hans Freyer). Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Verhältnis der Struktur der „Binnenmoral“ der Volksgemeinschaft, die durch Begriffe wie „Dienen“, „Gehorsam“, „Führung“ und „Gefolgschaft“ charakterisiert ist, zu den Kategorien von Ausschluss Verfolgung und Vernichtung.

Kontakt:
PD Dr. Werner Konitzer



Der Nationalsozialismus als kulturelles und moralisches Projekt

Der Germanist Hans Rössner

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Hans Rössner, promovierter Germanist, seit 1934 Mitglied der SS, seit 1940 Leiter des Referates „Volkskultur und Kunst“ in der Gruppe III C (Kultur) im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und nach 1945 Lektor und Verlagsleiter, war ein politischer Intellektueller sowohl im „Dritten Reich“ als auch in der Bonner Republik. Aus Rössners zahlreichen publizierten Texten aus den Jahren zwischen 1936 und 1943 wird klar, dass er den Nationalsozialismus als kulturelles und moralisches Projekt sieht. Das Forschungsprojekt will Korrespondenzen und Durchlässigkeiten ausleuchten zwischen diesen vor 1945 verfassten Schriften Rössners und Briefen, Notizen und Essays, die er nach 1945 schrieb. Als Verlagsleiter bei R. Piper (ab 1958) betreute er nicht nur Hannah Arendts Eichmann-Buch, Alexander Mitscherlichs „Unfähigkeit zu trauern“ und Ernst Noltes „Der Faschismus in seiner Epoche“, sondern unterhielt auch einen im Literatur- und Wissenschaftsbetrieb Westdeutschlands weitverzweigten Briefwechsel – u. a. mit H. G. Adler, Paul Alverdes, Jean Améry, Joachim C. Fest, Hans Egon Holthusen, Karl Jaspers, Marcel Reich-Ranicki, Fritz Stern und Alfred Weber. Rössner ist kein Opportunist, er vertritt keine doppelte Moral, auch wenn sein nachgelassenes Material von einem doppelten Wissen zeugt. Deshalb lassen sich an ihm exemplarisch Strukturen eines Nachlebens nationalsozialistischer Moral studieren, die in einer Dialektik von Dauer und Überwindung nicht fassbar sind.

Geplant ist eine Monografie auf der Grundlage gründlicher Archivrecherchen und der Analyse der Schriften aus den unterschiedlichen Epochen des Werkes.

Kontakt:
PD Dr. Werner Konitzer



Hermann Langbein

und die vergangenheitspolitischen Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit

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Auf der Grundlage des im Fritz Bauer Institut lagernden Teilbestandes (Kopien) aus dem Nachlass von Hermann Langbein (Österreichisches Staatsarchiv, Wien) wird eine Monografie entstehen, die beispielhaft die Rolle der NS-Verfolgten und ihrer Verbände in zentralen geschichtspolitischen Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit beleuchtet. Mit den Forschungen zu Hermann Langbein werden die langjährigen Forschungen des Fritz Bauer Instituts zum 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess fortgeführt, nun allerdings mit einem Schwerpunkt auf dem Wirken einer Gruppe von maßgeblich Betroffenen.

Hermann Langbein, damals noch Mitglied der KPÖ, war von 1941 bis 1945 in den KZs Dachau, Auschwitz und Neuengamme inhaftiert. In den Nachkriegsjahren war er Mitglied mehrerer Verbände ehemaliger NS-Verfolgter. 1954 wurde er Generalsekretär des „Internationalen Auschwitz-Komitees“, verlor diese Funktion aber 1958 nach seinem Ausschluss aus der KPÖ. Seine zahlreichen Kontakte zu Überlebenden in der ganzen Welt rissen dadurch nicht ab. Er war ein scharfer Beobachter und Kritiker der bundesdeutschen Entschädigungsgesetzgebung und an der Ingangsetzung mehrerer Verfahren gegen NS-Täter beteiligt. Die große Bedeutung, die er für das Zustandekommen und den Verlauf des 1. Frankfurter Auschwitz-Prozesses hat, ist unbestritten. Langbein hat selbst mehrfach über das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, den Widerstand in Konzentrationslagern, den Auschwitz-Prozess und Fragen der Entschädigung publiziert.

Die Monografie soll exemplarisch sowohl die Auseinandersetzungen nachzeichnen, die Langbein mit der deutschen und österreichischen Nachkriegsgesellschaft führte, wie auch die Auseinandersetzungen, die zwischen verschiedenen Gruppen ehemaliger Häftlinge um die Interpretation der Geschehnisse in Auschwitz geführt wurden. Es soll deutlich gemacht werden, wie sehr jedes Sprechen über Auschwitz in den 1950er Jahren von den Konflikten des Kalten Kriegs geprägt war, wie sehr die Verfolgten die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des NS gegen die Widerstände der sie umgebenden Mehrheit erkämpfen mussten und welche Motive und Strategien es waren, die ihnen diese Leistung ermöglichten.

Kontakt:
Katharina Stengel



Antisemitismus und moralische Gefühle in medialen Kommunikationen

Medienhistorisch orientiertes Forschungsprojekt

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In dem medienhistorisch orientierten Forschungsprojekt soll in vier Stationen die historische Entwicklung des Zusammenwirkens von antisemitischen Gefühlen und quasimoralischen Einstellungen in medialen Kommunikationen untersucht werden. Ziel des Projektes ist es, ein besseres Verständnis für die Funktionsweise antisemitischer Kommunikation in verschiedener medialer Brechung zu erlangen. Zusätzlich soll ein analytisches Instrumentarium für das Zusammenspiel von moralischen Einstellungen, medial inszenierten Affekten und tiefer sitzenden kollektiven Überzeugungen erarbeitet werden.

Das Zusammenwirken von antisemitischen Gefühlen und moralischen Einstellungen in visuellen Kommunikationen wird anhand eines Längsschnitts vom Kaiserreich bis in die BRD untersucht. Da sich die Leitmedien der visuellen Kommunikation in dieser Zeitspanne grundlegend gewandelt haben, werden jeweils verschiedene Leitmedien untersucht. Die Quellenbasis orientiert sich also an den zeitgenössischen Massenmedien und umfasst Postkarten (Deutsches Kaiserreich), Spielfilme (Weimarer Republik, NS-Deutschland) und Fernsehfilme (BRD). Das Projekt wird Kriterien für Diskussionen über den emotionalen Impact von visuellen Darstellungen entwickeln. Diese Kriterien werden auch für aktuelle öffentliche Auseinandersetzungen über Filme und Karikaturen anwendbar sein. Sie sollen Interventionsstrategien ermöglichen. Somit könnten in Zukunft Debatten, wie sie sich beispielsweise an Filmen wie TAL DER WÖLFE und PASSION OF THE CHRIST entzündet haben, auf einer transparenten analytischen Ebene geführt werden.



Das Stereotyp des »jüdischen Bolschewismus«

Die frühe Wirkungsgeschichte aus jüdischer Sicht

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Das Stereotyp des „jüdischen Bolschewismus“ spielt für den nationalsozialistischen Antisemitismus eine besondere Rolle. Mit seiner Hilfe gelang es den Nationalsozialisten, die Ängste vor einer sozialistischen Revolution mit den Ängsten vor einer liberal-kapitalistischen Entwicklung eines modernen demokratischen Staates zu verbinden und für die eigene politische Bewegung nutzbar zu machen. Das Stereotyp des „jüdischen Bolschewismus“ war zu dem Zeitpunkt, als Hitler es in seinen ersten antisemitischen Hetzreden aufgriff, gerade erst entstanden. Seine Wurzeln hat es an verschiedenen Orten in verschiedenen Geschehnissen, in denen es jeweils weiterentwickelt und verfestigt wurde. Einmal in den vorrevolutionären Revolten und konterrevolutionären Agitationen des zaristischen Russland bzw. im russischen Bürgerkrieg. So findet sich bereits in den „Protokollen der Weisen von Zion“ die Vorstellung einer doppelten jüdischen Verschwörung, die sowohl die staatlichen Mächte als auch die gegen diese Mächte gerichteten revolutionären Bewegungen insgeheim steuere. Mit dem Bürgerkrieg wird dann in der Agitation der Gegenrevolution sehr schnell die Verbindung von Bolschewismus und Judentum hergestellt und insbesondere in den Vorstellungen und Agitationen russischer Emigranten verfestigt und weiterverbreitet. So konnte das Stereotyp des „jüdischen Bolschewismus“ sowohl in den Ereignissen der ungarischen Revolution und der Agitation gegen Béla Kun wie auch in der Münchner Räterepublik bereits zu einem bestimmenden Faktor des Geschehens werden. Es beeinflusste aber auch in hohem Maße die Pogrome im Bürgerkrieg nach der Russischen Revolution, deren besondere Radikalität und Brutalität schon von den Zeitgenossen registriert wurde. Unser Forschungsprojekt fragt vor allem nach Reaktionen von Juden auf die Entstehung und Verbreitung des Stereotyps. Die jüdischen Debatten und Schlussfolgerungen der 1920er Jahre werden dabei insbesondere im Kontext der Pogrome in Osteuropa zwischen 1918 und 1920 untersucht. Über die allgemeine Frage nach jüdischen Reaktionen auf den gewalttätigen Pogrom-Antisemitismus der Jahre 1918 bis 1921 hinaus geht es darum, wie jüdische Gruppen und Intellektuelle auf die antisemitische Gleichsetzung von Judentum und Bolschewismus reagierten.



Geschichte der Antisemitismusforschung

Publikationsprojekt

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Das Projekt wird wenig bekannte oder vergessene deutschsprachige Texte zwischen dem späten 18. und frühen 20. Jahrhundert, die sich mit dem Phänomen der Feindschaft gegenüber den Juden theoretisch auseinandersetzen, wieder zugänglich machen und eine Geschichte der Antisemitismustheorie präsentieren, wie sie sich entlang dieser Texte rekonstruieren lässt. Dazu sollen zwei kommentierte Bände herausgegeben werden.

Die Edition will die Erkenntnisarbeit, die in den zumeist von jüdischen Autoren verfassten Texten steckt, aufzeigen, sie analysieren und zugleich die Anstrengung deutlich machen, die darin liegt, dass diese Erkenntnisarbeit in den nichtjüdischen Zeitgenossen oft kein intellektuelles Gegenüber fand. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis von Leidenschaft, Moral und Wissen. Welche Rolle spielt die Kategorie der Leidenschaft in frühen Antisemitismustheorien? Wie verändern sich die Konzepte des Hasses, die in den Erklärungsansätzen der Texte zwischen 1794 und 1931 entwickelt werden? Welche philosophischen, epistemologischen und moralischen Bedeutungen verbinden sich um 1800 mit dem Vorurteilsbegriff, und wie verändern sich diese im Lauf des 19. Jahrhunderts? Wie nehmen die Texte überhaupt auf Moral und Gefühle Bezug? Lassen sich in ihnen Moralstrukturen unterhalb einer politischen Moral ausmachen? Jeder der in den Quellenbänden abgedruckten Texte wird von einem kommentierenden Artikel begleitet, der den Anlässen des Nachdenkens und dem historischen Ereigniskontext nachgeht, die Umstände der Veröffentlichung sowie biografische Zusammenhänge schildert und auch die Besonderheit der jeweiligen historischen Erfahrung beleuchtet – etwa die Schockerfahrung der „Damaskus-Affäre“, die als Einbruch des Mittelalters in die Moderne gedeutet wird.

Die in den Bänden dokumentierte intellektuelle Geschichte kann darüber Aufschluss geben, wie bestimmte heutige wissenschaftliche Sichtweisen auf das Phänomen des Antisemitismus eingeübt wurden, und sie kann uns gerade dadurch zu einer Historisierung unseres Blicks verhelfen. Zugleich holt sie verloren gegangene Ideen und Perspektiven ins Bewusstsein zurück. Die Texte, die hier gesammelt werden, halten nicht bloß historisches Wissen und historische Denkweisen bereit. Vielmehr konfrontieren uns ihre Sprache und ihre Erklärungsversuche auch mit Einsichten, Argumentationen und Akzentsetzungen, die uns unmittelbar beeindrucken, gängige Sichtweisen infrage stellen und neue Erkenntnismöglichkeiten eröffnen.

Kontakt:
PH Dr. Werner Konitzer


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Das Heft erscheint zweimal jährlich (April/Oktober), Auflage 5.500.
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Letzte Änderung: 12. November 2010

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